Montmartre, 18. Arrondissement
Am Square Suzanne-Buisson steht eine skurrile Statue: Ein Mann hält seinen Kopf in den Händen. Es ist der heilige Dionysius, der legendäre erste Bischof von Paris. Er wurde enthauptet und soll seinen Kopf Richtung Norden getragen haben. „Mons martyrum“, so glaubt man hartnäckig, sei der Ursprung von Montmartre. In Wahrheit geht der Name auf den Mars-Tempel zurück, der in der Römerzeit dort errichtet worden war. Zwei Säulen stehen davon in der romanischen Kirche Saint-Pierre de Montmartre, die im Schatten der klotzigen Basilika Sacré Coeur fast übersehen wird. Die Kirche ist der einzige Rest eines Bendiktinerinnenklosters aus dem frühen 12. Jahrhundert.

Alle, die Montmartre nicht kennen, träumen von der Place du Tertre, dem legendären Platz der Maler. Dabei ist dieser Ort samt seinen Malern längst der Tourismusindustrie anheimgefallen. Alles hier wurde auf süß, herzig, nostalgisch getrimmt. Eine Stimmung, der niemand entkommt, es sei denn, er kommt ganz früh am Morgen, bevor Touristen, Händler, Hobbymaler und Geschäftemacher den Platz übernehmen. Überhaupt: Frühaufstehen wird am Montmartre reichlich belohnt.

Etwa in der Allée des Brouillards, dem wilden Weg mit Treppen und dicht bewachsenen Vorgärten. Hier lebten mittellose Maler zu der Zeit, als Montmartre tatsächlich eine Künstlerkolonie war.Auguste Renoir zum Beispiel wohnte ab 1889 mit seiner Familie in Nº 6.

Zum Montmarte zog es die Künstler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie fanden dort billige Unterkünfte, als Wohnraum im Zentrum von Paris in Folge der Haussmannschen Sanierungen zu teuer geworden war. Picasso, Modigliani, Giacometti und Van Dongen sind nur einige, die hier arbeiteten. Das Montmartre-Museum vermittelt einen anschaulichen Eindruck vom Leben an der „Butte“, dem „Erdhügel“.

Selbst wenn man nur „von unten“, über die Avenue Rachel, zum Montmartre-Friedhof Zugang hat, sollte man Heine, Stendhal, Jacques Offenbach oder Alexandre Dumas einen Besuch abstatten. Auch Zola hat hier sein Familiengrab. Doch seine Frau ruht alleine, seitdem die Gebeine ihres Gatten 1908 in den Pantheon überführt worden sind.

Jahrhundertelang wurde der fast 130 Meter hohe Hügel als Kalksteinbruch genutzt. Dass Häuser nicht einstürzen, obwohl die „Butte“ völlig unter- und ausgehöhlt ist, grenzt an ein Wunder. Immerhin ist es dem wackligen Untergrund zu verdanken, dass am Montmartre keine Neubauten entstehen, was allerdings die Preise für Bestehendes schamlos in die Höhe treibt.Wie stark sich die Bevölkerung auch auf der weniger prestigevollen Nordseite verändert, zeigen Straßen wie die Rue Ramey. Eigentlich ein typisches Revier der kleinen Leute, die en bas des escaliers, unten an den Treppen, wohnen,wie die von „oben“ spitz bemerken.Doch auch „unten“ ist sehr gefragt.Trödelgeschäfte mausern sich zu hippen Läden für „Vintage-Mobiliar“ aus den 50er und 60er Jahren. Zwischen afrikanischen Friseursalons, Änderungsschneidereien und moslemischen Fleischern machen nach und nach Cafés, Bars und Boutiquen auf. Montmartre ändert sich, wie schon so oft, aber bleibt trotzdem Dorf.