Quartier Latin, Saint Germain, 5. und 6. Arrondissement
Die Universität von Paris wurde bereits im Hochmittelalter gegründet, ihr guter Ruf zog viele Studenten aus dem Ausland ans linke Seineufer. Latein wurde auch außerhalb der Hörsäle zur Universalsprache unter Studenten und Lehrenden, und deshalb heißt das traditionelle Pariser Studentenviertel Quartier Latin.

Auf dem Boulevard Saint-Michel ist heute allerdings Englisch die Universalsprache. Aber auch Franzosen kommen gerne und erinnern sich an eigene bewegte Zeiten, denn auf dem „Boul’Mich“ wird seit den 50er Jahren viel demonstriert: gegen den Algerienkrieg, den Vietnamkrieg, gegen die staatliche Autorität.Weltberühmt sind Sorbonne und Quartier Latin außerdem wegen der Studentenunruhen im Mai des Jahres 1968. Und auch im Sommer 2005 gingen Frankreichs Studenten hier auf die Straße, um gegen verschlechterte Bedingungen für Berufsanfänger zu protestieren.

Im Quartier Latin kreuzen sich die Wege von Touristen und Einheimischen, von jung und alt, alles wirkt lockerer als anderswo in Paris, es gibt mehr schiefe Häuser, schmale Straßen, schräge Typen als im Rest der Stadt. Die Menschen sind entspannter, die Kneipen cooler, die Stimmung gelöster. Standesdünkel ist nicht sichtbar und auch dem Diktat der Mode widersetzt man sich hier gern. Erlaubt ist, was gefällt. Im Quartier Latin ist irgendwie jeder fremd und anonym, das schafft persönliche Freiheiten.

Besonders reizvoll wird diese Atmosphäre, wenn sie sich mit dem idyllischen Charme kreuzt, den das 5. Arrondissement an vielen Ecken zeigt, etwa bei der Rue Mouffetard, „La Mouffe“, nahe dem Pantheon. Die Römer haben die gepflasterte, recht steil ins Tal der Bièvre abfallende Gasse angelegt, eine der ältesten von Paris, mit schmalen, schrägen Häusern, von denen einige leider überniedlich renoviert wurden. Als Marktstraße für Gemüse, Fleisch, Käse und Fisch genoss La Mouffe weithin guten Ruf.Doch der Markt wird kleiner. Gerade deshalb, so scheint es, besuchen ihn die Anwohner am Wochenende um so lieber. Sie kaufen ein, diskutieren über Politik, trinken Kaffee, tratschen über Nachbarn, schimpfen auf die Preise und darauf, dass nichts mehr so wie früher ist. Ganz bewusst leben sie ihr Village- Gefühl aus, als ob sie dadurch den Vormarsch von Fastfood- Filialen und Souvenirshops aufhalten könnten.

Weltenwechsel hinterm Boulevard Saint-Michel, coté sixième, dem 6.Arrondissement. Man muss schon Anwalt, erfolgreicher Schauspieler, Banker sein oder satt geerbt haben, um sich in Saint-Germain noch Wohnraum leisten zu können. Dieser Stadtteil genießt klassischen Kult-Status: Er kam nie aus der Mode, weil er nie in Mode war. Dabei ist Saint-Germain des Prés erst nach der Revolution richtig gewachsen, als das gleichnamige, berühmte Benediktinerkloster zerstört, geplündert und abgebrannt wurde. Nur noch die Kirche ist heute erhalten. Auch die Cafés „Flore“ und „Deux Magots“ stehen auf dem einstigen Klostergelände. Das Flore wurde 1887, das Deux Magots 1885 am neuangelegten Boulevard eröffnet, ganz in der Nähe ließen sich Buchverlage und Buchhandlungen nieder, was wiederum Intellektuelle und Schriftsteller anlockte. Hier trafen sich einst alle, von Apollinaire bis Oscar Wilde, von Mallarmé bis Hemingway, von Saint- Exupéry bis Albert Camus oder Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Essen gab’s günstig gegenüber bei Lipp. Doch nie würde ein Flore-Adept ins Deux Magots gehen oder umgekehrt, das war schon immer so. Nur das Publikum hat sich geändert: Keine ärmlichen Intellektuellen sitzen mehr diskutierend an den Tischen oder verfassen handschriftlich bedeutende Werke.Auch Existenzialisten gibt es längst nicht mehr.

In den teuren Cafés mit der historischen Intellektuellen- Aura trifft man heute auf Ikonen der Gegenwart, auf Bestseller- Verleger und Bestseller-Autoren, Designer, Fotografen, über die in Hochglanz-Magazinen berichtet wird. Ganz besonders das Flore ist Drehscheibe für Eitelkeiten und Persönlichkeiten aus aller Welt. Ein mythischer Ort, wo der eine sehen kann und träumen will, und der andere davon träumen kann, dass er gesehen wird.