Kalter Hagebuttentee, Küchendienst und strenge Herbergsväter im Unterhemd, die ab 22 Uhr für Nachtruhe sorgen:Wer beim Stichwort Jugendherberge diese Bilder vor Augen hat, dessen eigene Jugend liegt offenbart schon Jahrzehnte zurück. Kalten Tee in großen Blechkannen gibt es in den meisten Jugenherbergen schon lange nicht mehr. Stattdessen stehen Bionade oder Smoothies auf der Getränkekarte. Zum Beispiel in der Open-Air-Bar des schwimmendenden Hostels „Eastern Comfort“ auf der Spree in Berlin. Das Hausboot liegt in bester Lage zwischen Kreuzberg und Friedrichshain und zieht Backpacker aus aller Welt an. In den Doppelkabinen der ersten Klasse schläft man so komfortabel wie auf einem Kreuzfahrtschiff.

Gerade in den vergangenen Jahren haben Deutschlands Jugendherbergen viel getan, um ihr Image aufzupolieren. „Wir sind serviceorientierter geworden, haben viel Geld in die Renovierung unser Häuser investiert und uns von überholten Regeln verabschiedet“, erklärt Knut Dinter, Pressesprecher des Jugendherbergswerks. „Strenge Bettruhe existiert bei uns nicht mehr – und die Geschlechtertrennung haben wir auch aufgehoben. Paare dürfen jetzt gemeinsam in einem Zimmer schlafen.“ Diese Lockerheit und Offenheit haben sich die Jugendherbergen auch von den privaten Backpacker- Hostels abgeschaut. „Flashpacker“ nennt sich die neue Generation der unabhängigen Hostels, die Rucksackreisenden nicht nur ein Bett, sondern Öffnungszeiten rund um die Uhr, Designambiente und Frühstück bis zum frühen Nachmittag bieten. Viele dieser Hostels allein unterwegs ist. Und weniger Luxus, das bedeutet oft auch mehr Spaß, wenn man bereit ist, die kleinen Schönheitsfehler der Hostels in Kauf zu nehmen.

Auf Webseiten wie Hostelworld. com tauschen sich Backpacker über ihre Erfahrungen aus. „Die laute Bar im Erdgesind von klassischen Hotels kaum noch zu unterscheiden. Die meisten bieten neben den bekannten Mehrbettzimmern auch Doppelzimmer mit eigenem Bad an. Gratis sind die Begegnungen mit Reisenden aus aller Welt – ein Vorteil gerade, wenn man schoss hat mir den Schlaf geraubt“, schreibt etwa David aus Toronto über ein Hostel in Barcelona. „Die Türen ließen sich nicht abschließen“ klagt Leila aus Australien über ihre Unterkunft in Amsterdam. Doch diese kleinen Fehler werden gern verziehen, da erst Hostels und Jugendherbergen Reisen in sonst fast unbezahlbare Großstädte wie etwa Paris, London oder Rom ermöglichen.

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In Italiens Hauptstadt etwa eine Bleibe für weniger als 100 Euro zu finden ist fast unmöglich, im Hostel „The Yellow“, nur 20 Gehminuten vom Kolosseum entfernt, kostet die Übernachtung nur 28 Euro – vorausgesetzt, es stört einen nicht, sich sein Zimmer mit anderen Reisenden zu teilen. Im Eingangsbereich gibt sich das Hostel äußerst modern: Der Empfangstresen ist von innen pink beleuchtet, im Hintergrund läuft Nirvana. Das Vierbettzimmer hingegen ist eher spärlich eingerichtet: Zwei Doppelstockbetten, ein Schreibtisch und abschließbare Fächer für das Reisegepäck sind die einzigen Einrichtungsgegenstände. Brandon aus Kalifornien sitzt auf seinem Bett und zeichnet auf einem Stadtplan die Route für den nächsten Tag ein, Chan aus Singapur trocknet ihre Socken über dem Bettgeländer. Nick aus Kalifornien kommt erst in den frühen Morgenstunden ins Zimmer gestolpert – und weckt alle auf. Jedes Mal, wenn er sich auf seiner Matratze in der oberen Etage umdreht, schaukelt das ganze Bett.

Fazit: Hostels bieten Gemeinschaftserlebnisse unterschiedlichster Art. Sie können schlafraubend sein, aber auch bereichernd. So manchen Sightseeing- Geheimtipp hätte man ohne seine Zimmergenossen wohl verpasst. Die eher unruhige Nacht ist am nächsten Morgen beim Frühstück im kleinen Café vor dem Hostel wieder vergessen. Die Sonne scheint, der Cappuccino schmeckt, und es herrscht internationales Sprachengewirr. Herr Dinter vom Jugendherbergswerk hatte ganz Recht, als er sagte: „Wenn man in einer Jugendherberge schläft, hat man zu Hause mehr zu erzählen, als wenn man in einem Hotel übernachtet.“