Chinatown, 13. Arrondissement
Seine bedeutendste Sehenswürdigkeit verdankt das 13. Arrondissment Jean Gobelin. Der ließ sich 1433, wie viele andere Müller, Färber und Gerber auch, am Ufer der Bièvre nieder und fertigte Stoffe. Nach ihm wurde unter Ludwig XIV. die „Manufacture des Gobelins“ genannt, die für königliche Gemächer prachtvolle Wandteppiche anfertigte, und die noch heute zu besuchen ist. An der Bièvre stank es im 18. Jahrhundert zu Zeiten des Sonnenkönigs bestialisch. Die Anwohner leerten darin ihr Nachtgeschirr,Gerber und Färber arbeiteten mit übel riechenden Lösungen, Fleischer entsorgten ihren Abfall kurzerhand im Fluss; der Staat reagierte schließlich Mitte des 19. Jhs. und beschloss die Übermauerung des Wasserlaufs. Heute erinnern im Quartier Butte-aux-Cailles Pappelalleen, gewundene, steil abfallende Sträßchen an das einstige Flussbett im Bièvre-Tal. Eine neue Dorfidylle entsteht hier. Malven und Rosen im Vorgarten, Geranien vor den Fenstern, liebevoll gepflegte Kräutergärtchen, kleine ruhige Straßen mit holprigem Kopfsteinplaster. Dann die blitzblank renovierte Rue de la Butte-aux-Cailles. Alte Damen tratschen auf einer Bank, ein junger Mann im Anzug macht Fotos von einem putzigen, windschiefen Haus, das betuchte Käufer sucht und finden wird. Bescheidene Häuser, einst von kleinen Leuten gebaut und bewohnt, werden von ihren neuen Besitzern in Schmuckstücke verwandelt.

„La Petite Russie“ steht nicht weit entfernt, in der Rue Barrault. Unterhalb eines Mietshauses führt ein Gang zu einer Tür, über die steile Treppe dahinter gelangt man auf eine Terrasse, etwa auf Höhe der dritten Etage des Wohnblocks. Hier steht wie ein Ufo „La Petite Russie“: winzige Pavillons direkt über einer Taxigarage, von einem praktisch denkenden Taxiunternehmer für seine Angestellten, meist russische Emigranten, als Wohnraum errichtet.Von „Klein- Russland“ blickt man auf „Klein-Elsass“, die Cité Daviel, eine Siedlung mit Fachwerk-Einfamilienhäusern, die 1912 von einem elsässischen Architekten als Sozialwohnungen gebaut und 1976 unter Denkmalschutz gestellt worden sind. Das südliche 13. Arrondissement galt lange als das Stiefkind unter den Pariser Quartiers, niemand kam hier zufällig vorbei. Heute finden sich in dieser Gegend zahlreiche friedliche und auf dem Immobilienmarkt sehr begehrte Inseln.

Gemütlich radelt eine perfekt gestylte Frau durch die Rue Michal bei der Butte-aux-Cailles. Noch vor zwei, drei Jahren hätte sich jemand wie sie nie hierher verirrt. Jetzt lebt sie wahrscheinlich in der Nachbarschaft. Neubauten brauchen die Anwohner nicht zu fürchten, der Untergrund, ein ehemaliger Steinbruch, erlaubt keine größeren Bauvorhaben.

Ein paar Gehminuten entfernt experimentierte die Stadt in den 60er und 70er Jahren mit Beton. Scheußliche Wohntürme wurden auf einem stillgelegten Fabrikgelände aus dem Boden gestampft, um Wohnraum für Flüchtlinge aus Nordafrika und Indochina zu schaffen.

In diesem Dreieck zwischen den Avenuen d’Ivry und Choisy und dem Boulevard Masséna, wo auch heute noch kein Bourgeois freiwillig hinzieht, ist Chinatown entstanden. Die Einwohner stammen aus Laos, China, Kambodscha oder Thailand, sie flohen vor Krieg und Armut. Nach Schätzungen leben hier rund 50 000 Asiaten. Es herrscht emsige Geschäftigkeit. Immer. Doch kein Lächeln streift die unbekannten Passanten, man ist diskret, bleibt am liebsten unter sich. Die asiatische Gemeinschaft hat eigene Anwälte, Ärzte und Steuerberater, es gibt asiatisch geführte Apotheken, alle zwei Meter ein Restaurant. Menschen schleppen Reissäcke, prall gefüllte Tüten mit Gemüse und Obst über die Straßen. Es gibt Shops mit Buddhas aller Größen, Geschirr aus Plastik oder feinem Porzellan, schrill-bunte Cremetorten und schillernde Kleider, in denen sich schmal gebaute Europäerinnen wie asiatische Grazien fühlen können.