Die Glamour-Boys
Es ist kalt an jenem Tag, an dem das alte Paris meistbietend versteigert wird. Oberflächlich betrachtet geht es nur um eine Wohnungseinrichtung: die des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent. Doch tatsächlich endet an diesem Tag im Februar eine Ära: Die große Zeit Yves Saint Laurents, aber auch die des existenzialistischen Philosophen Jean-Paul Sartre und des Chansonniers Serge Gainsbourg ist endgültig vorbei. Während das Auktionshaus Christie’s nun also im Palais Royal das alte Paris abwickelt, hat es sich das neue Paris trotz der Kälte schon vor dem berühmten Künstlertreff Café de Flore bei Café Crème gemütlich gemacht. DJ Fetisch ist eine Legende des Berliner Nachtlebens; als er vergangenen Herbst der Liebe wegen nach Paris zog, war das der „Frankfurter Allgemeinen“ ein großes Interview wert. Und jetzt sitzt er vor dem Café de Flore, raucht, pöbelt gut gelaunt ein wenig gegen Berlin, lobt München und schwärmt von Paris.

DJ Fetisch

Auch Künstler wie Anselm Kiefer, Jarvis Cocker oder Wes Anderson sind nach Paris gezogen. Nach einigen Jahren, in denen Paris jenseits des Dreiecks Berlin, London, New York zu verstauben schien, passiert jetzt das Heißeste, was im Moment überhaupt passiert, zuerst in Paris. Musik wie die von Phoenix, Sébastien Tellier oder Justice kommt von hier, ebenso Magazine wie „Purple“ und „WOW“. Es gibt das Über-Kaufhaus Colette. Natürlich die Mode. Und Kunst: im Palais de Tokyo. Doch der neue Ruhm hat vor allem mit dem Nachtleben zu tun: glamourös heruntergerockte Clubs, in denen die schönsten Mädchen und Jungs zur Musik der besten DJs der Welt tanzen. Paris, Paris.

Aber woran liegt es, dass gerade alles Tolle aus Paris kommt?“Alles, auch das Ausgehen, hat hier eine ganz eigene Ästhetik“, sagt Fetisch. Statt in leere Fabrikhallen gehe man in ehemalige Stripclubs. Und der Pariser Glamour lässt sich wunderbar inszenieren. Für unser Foto kauft sich Fetisch noch schnell eine Zeitung: die „International Herald Tribune“, die Jean Seberg in Jean-Luc Godards „Außer Atem“ verkauft – einem der schönsten Parisfilme überhaupt.

Der Glamour von Paris ist ausgesucht nostalgisch und kalkuliert kaputt, bewusst sexy und trotzdem teuer. Der Meister dieses Glamours ist ein ehemaliger Sprayer namens André, der – wie ein Supermodel – einen Nachnamen nicht mehr nötig hat. André betreibt mit dem Le Régine und dem Le Baron nicht nur die beiden besten Clubs in Paris, sondern zusammen mit dem Bruder von Chloë Sevigny auch das Beatrice Inn in New York, in dem regelmäßig Josh Hartnett und Kirsten Dunst abstürzen. Er ist mit der Sängerin Uffie verheiratet und scheint sich insgesamt eher schnell zu langweilen. So vergeht kaum eine Woche, in der er nicht ein neues Projekt vorstellt. Er betreibt den Museumsshop im Palais de Tokyo, das coole „Hotel Amour“ an der Pigalle, ein Bistro, ein Magazin mit „Purple“-Chefredakteur Olivier Zahm, eine Wodkamarke und eine Modelinie namens Black Block, die nur aus Polohemden, Lederjacken und Jeans besteht. Es könnte nicht besser laufen. Dank Andrés Image. In Hipster-Paris führt kein Weg an ihm vorbei.

Olivier Zahm

Es gibt in Paris auch Menschen, die die Stadt etwas kritischer sehen als der frisch verliebte Fetisch. Olivier Zahm etwa, der als Chefredakteur von „Purple Fashion“ das wohl wichtigste Modemagazin überhaupt betreibt. Zahm hat sich irgendwo einen Infekt eingefangen und hängt jetzt etwas fahrig auf dem Stuhl in seinem Büro. Paris sei ein einziger Friedhof, sagt er schlecht gelaunt. Und dass Paris viel zu bürgerlich sei, um hier langfristig gute Kunst produzieren zu können. Mit „Purple“ sitze er zwischen allen Stühlen. Zu sexy für das Establishment, während ihm aus dem Underground der Ausverkauf vorgeworfen werde. Doch damit lebt er ganz gut. Denn was Zahm nicht sagt: Wenn man die Anzeigenkampagne für Yves Saint Laurent entwirft und Philosophenkönig Bernard-Henri Lévy im Blatt hat, kann man so weit vom Establishment nicht entfernt sein.

Fragt man Zahm, warum denn dann seiner Meinung nach derzeit so viel Gutes aus Paris kommt, setzt er zu einem beeindruckenden Vortrag an, in dem er einerseits die Vorzüge der französischen Psychoanalyse preist, andererseits Sébastien Tellier als gut gemachte „Kopie der Kopie einer Kopie“ bezeichnet, die auf einer bloßen Kunstfigur basiere. Er schließt mit der Feststellung, dass Paris zwar eine gute Stadt für Kulturtouristen sei, aber nicht für Kunst. Einzig André sei da anders.

Amüsanterweise gibt Zahm selbst auf den hinteren Seiten seines Magazins eine Erklärung für den Erfolg von Paris ab: Wenn das Kaufhaus Colette eine Party in einem von Andrés Clubs gibt, erscheinen bei „Purple“ die Bilder der Party. Erweitert man dieses Netzwerk noch um die Komponente Sex, landet man schnell wieder bei Sébastien Tellier. Tellier, ein großer, bärtiger Bär mit langen Haaren und Sonnenbrille, sitzt im bürgerlichen 8. Arrondissement in der holzgetäfelten Bar Le Forum bei einem Nachmittags-Ricard. Wie das Pariser Netzwerk funktioniert, kann man gut bei ihm beobachten: Sein letztes Album erschien auf dem Label von Air und wurde von einer Hälfte von Daft Punk produziert. Es heißt übrigens „Sexuality“, und auch Tellier schwärmt von der erotisch aufgeladenen Atmosphäre in Paris, die er nirgendwo sonst finde. Er selbst sei ein so großer Erotomane, dass er manchmal einfach so bei den Prostituierten am Bois de Boulogne vorbeifahre. Er grinst. Natürlich steige er nicht aus dem Auto aus.

Sébastien Tellier

Von der Bar, in der Sébastien Tellier sitzt, sind es nur ein paar Metrostationen zu Jean-René Etienne, und doch liegen Welten zwischen den beiden. JR, wie er nur genannt wird, hat das Büro seines Labels Institubes westlich von Montmartre eröffnet, einer Gegend, in der es in ganzen Straßenzügen keine anderen Geschäfte als Afro-Hairshops gibt. Obwohl sein Label gerade als kleinere und feinere Version von Ed Banger gefeiert wird, sieht der aus Martinique stammende JR das mit Paris eher nüchtern. Er sei eben in der Stadt, weil hier die meisten seiner Künstler wohnen.

Jean-René Etienne

JR gibt sich viel Mühe, unaufgeregt zu klingen. Man muss jedoch nur mal Videos von den Pariser Institubes-Partys anschauen, um zu merken, welche Wirkung er in Paris entfacht: „Das sind Kampfzonen“, freut sich Jean Nipon, der ebenfalls auf Institubes veröffentlicht, in erster Linie aber für das Le Régine verantwortlich ist. Der Club liegt in einer Nebenstraße der Champs-Élysées. Hat man die drei Schränke von Türstehern überwunden, landet man auf der besten Party von ganz Paris: Hier feiern die coolen Kids unter vollverspiegelter Decke auf rotem Teppich auf der Tanzfläche, alles ist ganz entspannt und leicht. Denn die Kids mögen zwar auf coole Art kaputt aussehen, aber sie haben das Geld ihrer reichen Eltern ausgegeben. Hinter der Tanzfläche steht in Leuchtschrift „Le monde est à toi“: Die Welt gehört dir.

Gestaltet hat die Leuchtschrift natürlich André, den wir im „Hotel Amour“ treffen, dem Lieblingsort der Pariser Coolness im Hipviertel Pigalle zwischen Stripbars und Bordellen. Es gibt ein komplett schwarzes, etwas schmuddeliges Zimmer mit schwarzer Felldecke, Badewanne und Spiegel, an dessen Decke Dutzende von kleinen Discokugeln schweben. Legt man einen Kippschalter um, drehen sie sich im Schummerlicht. Das Zimmer gegenüber hat André selbst gestaltet: weiß und rosa, ein anrüchiges Mädchenzimmer, auf dessen Boden der überdimensionale Dildo aus Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“ liegt.

Palais de Tokyo

Der Mann, der die Partys der globalen Kunstszene veranstaltet, entschuldigt seine Verspätung und setzt sich auf das Bett. Am Vormittag hatte er einen Termin beim Kulturminister – wo er noch vollkommen betrunken war, wie er beteuert. Dafür sieht er erstaunlich frisch aus. Es ist alles eine Frage der Selbstinszenierung.

Vor etwa fünf Jahren eröffnete André mit dem Le Baron seinen ersten Club, einfach weil es keinen Club gab, in den er selbst gern gegangen wäre. Dabei habe er versucht, seine nostalgische Idee von einem Paris umzusetzen, das noch schmutzig und verrucht sein durfte. Jahrelang war er so arm, dass er seine Freunde immer dann abends besuchte, wenn es gerade Essen gab. Und jetzt sind seine Fähigkeiten, Businessveranstaltungen in Orgien zu verwandeln, bereits legendär. Er sagt, ihm gehe es vor allem darum, Räume zu schaffen, wo Menschen sie selbst sein könnten. Und dann sei alles möglich. Warum gerade jetzt in Paris so viel passiere, könne er aber auch nicht genau erklären. Er und seine Freunde hätten einfach viele Ideen.

Als Nächstes plant er einen Club während der Fashion Week. Ein Theater. Vielleicht noch ein Magazin. Er lächelt. André vermarktet sein Image . Und dazu gehört es, so zu tun, als ob das Geschäftliche gar nichts mit Geld zu tun hätte. Freunde eben. C’est la vie, harte Arbeit stört da nur bei der Selbstinszenierung. So ist es auch nicht ganz klar, welche Rolle er bei all diesen Projekten spielt. Fragt man etwa Jean Nipon aus dem Régine danach, was André überhaupt hier mache, überlegt er und fragt dann: „Hast du den Film ,Der Herr der Ringe‘ gesehen? André ist in etwa der Ring. Und ich bin Frodo.“

André

Vielleicht ist das eine Antwort auf die Frage, was Paris gerade hat: einfach genügend Ringträger; ein Netzwerk hat sich gebildet . Viele, die in Paris gerade etwas bewegen, standen am Anfang erst mal allein da. Und ziemlich wahrscheinlich liegt es daran, dass alle genau begriffen haben, was sie verkaufen müssen: das alte, abgenutzte, aber doch schöne Klischee der coolen Franzosen. Vielleicht wissen sie das so genau, weil sie selbst nicht aus Paris kommen und so einen anderen Blick auf die Stadt haben. Etwa jemand wie Fetisch, der sich nicht nur für das Pariser Nachtleben begeistern kann, sondern für die altmodische, aber sehr elegante Dame Paris selbst: „Kann ja auch sein, dass ich älter werde, aber irgendwie schaue ich mir lieber schöne alte Häuser an als neue hässliche.“ Die Vergangenheit befördert durchaus auch Lässigkeit und Selbstironie im Umgang mit Paris, seinen Klischees und dem Drang, etwas Neues hinzuzufügen. Fetischs neue Platte heißt „Paris Is For Lovers“.
Alexander Runte