Talent ist eine schwere Bürde. Nicht jeder ist in der Lage, sie ins Ziel zu tragen. Ellie Goulding tut sich heute sichtlich schwer damit. Wie ein Kind, das auf eine Gutenachtgeschichte wartet, kauert sie müde auf der Couch. Aus ihrer Wollmütze wölbt sich der silbern glänzende Pony. Ein Hauch Exzentrik, frisch gefärbt. Doch an dem rosig geschminkten Häuflein Mensch wirkt das blasse Lockenbüschel, als würden ihre Kräfte bereits schwinden. Das ist sie also: Großbritanniens größte Pop-Hoffnung.

Noch vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums wurden der 23-Jährigen gleich zwei der wichtigsten Newcomerpreise zu Füßen gelegt: der „BBC Sound of“- und der“Critics‘ Choice“-Award. Das gab es so noch nie. Seitdem steckt Goulding im Schleudergang der Musikindustrie, tingelt von Land zu Land, gestern in Norwegen, heute in Deutschland, und wo es ihr morgen schwer fallen wird, die Rehaugen aufzuhalten, erfährt sie von ihrem Manager auf dem Weg zum Flughafen. Aus dem Wirbel um ihre Person ist ein Sturm geworden. Nun soll er über ganz Europa hinwegfegen. Ihr Album „Lights“ muss groß werden. Utopisch groß.

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Dass Goulding zum funkelndsten Sternchen ausgerufen wurde, hat sie allen voran dem jungen Remixer und Produzenten Starsmith zu verdanken. Ihre Akustikgitarrenmelodien und die sehnsüchtige Stimme werden von seinen dynamischen Synthesizern getragen. Sie symbolisieren die Großstadt und ihre Verlockungen, denen sich das Mädchen aus der Rinderzuchtgegend Herefordshire hingibt. In ihren Liedern geht es darum, Sicherheiten aufzugeben, etwas zu wagen, enttäuscht zu werden und neuen Mut zu schöpfen. Trotz mancher kantenloser Füller reicht das „Lights“-Spektrum von liebestaumelnden Hymnen wie „Starry Eyed“ über das wundenklaffende „Under The Sheets“ bis hin zu „Wish I Stayed“, das einem die Tränen von der Wange streichelt.

Es sind ihre Geschichten. Die Geschichten eines von Selbstzweifel und Hoffnung zerrissenen Mädchens. „Ich wünschte, ich könnte auf einer Farm leben“, sagt Goulding, die für ihre Karriere in die Großstadt zog. „London macht einsam. Es ist zu voll, zu dreckig, zu gefährlich, zu hektisch. Aber ich habe mich für diesen Weg entschieden.“ Die Pop-Titanin, zu der sie Großbritannien hochgejubelt hat, wird sie nie werden. Sie hat es bereits akzeptiert: „Man kann das beste Album der Welt machen, und trotzdem werden es nicht alle verstehen.“ Was also wird bleiben, wenn sich der Sturm gelegt hat? Schillernde Popsongs, die am Ende des Jahres mehr Menschen mitsingen, als Kritikern lieb ist. Weniger als erwartet. Aber mehr, als sich Goulding je erträumt hat.
Sascha König