KONSUMFORMEN:

Kokain: Wird weltweit geschnupft oder gespritzt. In den Anden schwört man außerdem auf den gesunden Kokatee oder kaut Kokablätter. Und vor mehr als hundert Jahren enthielt ein Liter Coca- Cola noch 250 Milligramm Koks. Daher auch der Name.

Comedy: Läuft deutschlandweit auf allen Kanälen: Stand-up- Comedy, Late-Night-Comedy, Sitcoms. Erste unter Gleichen in dieser breiten Palette zweifelhafter Unterhaltung: Radio-Comedy, gerne auch in der ausgesprochen gestrigen Form von Telefonstreichen.

WIRKUNG:

Kokain: Kein Hunger, keine Müdigkeit, vollkommenes Glück. Laut britischen Forschern wirkt Kokain ähnlich wie die Gier nach Geld.

Comedy: Schenkelklopfen und Gelächter. Mehr nicht. Werke von Feuilleton-Lieblingen wie Bastian Pastewka oder Olli Dittrich können den Horizont aber durchaus erweitern.

ZIELGRUPPE:

Kokain: Pflegt neben dem Koks überwiegend das Interesse an sich selbst. Bücher wie „American Psycho“ riefen Kokain zur Spaßdroge der Yuppie-Gesellschaft aus. Wodurch Kokain schließlich zur Spaßdroge der Yuppie-Gesellschaft wurde. Oder umgekehrt?

Comedy: Pflegt neben der Comedy die folgenden TV-Vorlieben: Talkshows am Vormittag, Richtershows am Nachmittag, Rankingshows am Abend. Ist genügsam und sehr leicht zufrieden zu stellen.

ALTERNATIVEN:

Kokain: Bei einer so größenwahnsinnigen Droge bedarf es einer noch wahnsinnigeren Alternative: Crack ist eine Kokain-Abart, die in der Pfeife geraucht wird, in höchstem Maße abhängig macht und seine Opfer wirklich in den Wahnsinn treibt. Nicht zu empfehlen.

Comedy: Bei einer so derben Unterhaltungsform bedarf es einer anspruchsvollen Alternative: Loriot. Es wäre blasphemisch, ihn „Comedian“ zu nennen. Er ist aber amüsanter als all seine Epigonen. Keiner schaute den Deutschen stilvoller auf Maul und Marotten.

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SOZIALE FOLGEN:

Kokain: Kokainsüchtige neigen dazu, sich anderen gegenüber zunehmend beleidigend zu verhalten und zu isolieren, was ihnen ein normales gesellschaftliches Leben nahezu unmöglich macht.

Comedy: Comedysüchtige neigen dazu, sich anderen gegenüber zunehmend beleidigend zu verhalten, weil sie grenzdebilen Vorbildern wie Stefan Raab nacheifern wollen.

DAS GELOBTE LAND:

Kokain: Kolumbiens Außenminister Fernando Araújo war verärgert, weil Carla Bruni sang: „Deine Liebe ist gefährlicher als kolumbianisches Kokain.“ Er sagt: „In Kolumbien steht Kokain für Tod und Gewalt.“ Und für den größten Exportschlager des Landes.

Comedy: Von Monty Python bis Mr. Bean gibt Großbritannien seit jeher die Qualitätsstandards vor. Selbst eine der seltenen deutschen Perlen, die TV-Serie „Stromberg“, basiert auf dem englischen Original „The Office“ mit dem fantastischen Ricky Gervais.

IKONE:

Kokain: Michel Friedman. Als „Paolo Pinkel“ bestellte er sich Prostituierte auf sein Hotelzimmer, um mit ihnen Koks-Partys zu feiern. Einst scheinheilige Symbolfigur des durchgedrehten Hedonismus in der vermeintlich piekfeinen Gesellschaft, ist er inzwischen geläutert.

Comedy: Otto Waalkes. Wenn man sich seit Jahren nur noch wiederholt, sich auf den Lorbeeren der eigenen Vergangenheit ausruht, und trotzdem alles ausverkauft, was nicht rechtzeitig die Pforten schließt, dann ist man zwar künstlerisch tot, aber auch eine Ikone.

STATISTIK:

Kokain: 2007 waren laut Bundeskriminalamt 84 Prozent aller Kokainkonsumenten in Deutschland Männer. Da ist die Frauenquote im Publikum von Dieter Nuhr oder Michael Mittermeier deutlich höher.

Comedy: Mit seinem Festival der Geistesschlichtheit berlinerte sich Mario Barth bis ins Olympiastadion seiner Heimatstadt. Weltrekord. Und die Erkenntnis: 70 000 Menschen können irren.

FAZIT:

Kokain und Comedy erfüllen dieselbe Funktion: Sie dienen der sinnfreien Freizeitunterhaltung einer oberflächlichen und vergnügungssüchtigen Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, die inhaltliche Leere hinter dem hohlen Rausch zu bemerken. Selbstverleugnung ist Merkmal beider Konsumentengruppen.

Text:Tim Sohr