Am Anfang stand ein Schwindel. Mit jugendlicher Naivität erzählte die 16-jährige Bree in vier bis fünf Videotagebuch- Clips pro Woche von ziemlich normalen Teenagerproblemen: Streit mit den Eltern, Ärger mit dem Freund. Trotzdem wurde das Mädchen mit dem Usernamen „lonelygirl15“ für Hunderttausende Youtube-Zuschauer zur Schwester, die sie nie hatten, zur Freundin, die sie schon immer haben wollten – oder schlichtweg zum Zeitvertreib für zwischendurch.

Selbst als aufflog, dass es sich bei Bree um die 20-jährige Jessica Rose, eine gecastete Schauspielerin, handelte, das Kinderzimmer mit der rosa Blümchenbettwäsche, den Stofftieren, dem gerahmten Babyfoto nur ein Set und alles eine findige Idee dreier Filmemacher war, ebbte das Interesse an Brees Geschichte nicht ab. Im Gegenteil: Die Serie wurde um einige Charaktere erweitert, die Story immer mysteriöser, die Zuschauer blieben dran. Mehr als 110 Millionen Klicks konnten die Episoden bis zum Sommer 2008 verbuchen. Die Webserie war geboren.

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Das Web geht in Serie

Knapp 200 Formate, vor allem amerikanische, findet man inzwischen im Internet. Wöchentlich kommen neue hinzu. Die Unterschiede zur klassischen Fernsehserie liegen vor allem in der Länge der einzelnen Folgen, der gestrafften Dramaturgie und mehr Mut bei den Inhalten: Zwischen einer und sechs Minuten dauert eine Folge, die Charaktere müssen im Eilverfahren vorgestellt werden, die Konzepte reichen von abseitig bis grenzwertig. Aber auch bekannte TV-Genres wie die Seifenoper oder sketchartige Comedy-Formate werden für das Internet neu aufbereitet.

Die verringerte Aufmerksamkeitsspanne und die Interessen-Spezialisierung der Zuschauer ebneten den Weg für die Serienhäppchen. „In den vergangenen Jahren hat sich der Medienkonsum der lifestyle-affinen Zielgruppe zunehmend vom klassischen TV ins Internet verlagert“, sagt Robert Wagner. Der 38-Jährige hat mit 3min.de das erste deutsche Webserienportal konzipiert, im März geht die Seite der Telekom-Tochter, die sich derzeit noch im Testbetrieb befindet, offiziell online. Bedarf für die Unterhaltungsalternative besteht. Das Durchschnittsalter der ARD-Zuschauer liegt inzwischen bei 60 Jahren, bei RTL sind es 47 Jahre. „Vom klassischen TV werden junge und jung gebliebene Großstädter nicht mehr bedient. Sie suchen speziellere Inhalte, Nischeninhalte, die so nicht im Fernsehen angeboten werden“, sagt Wagner.

Chad Vader – Day Shift Manager:
Dieser Vader leitet nicht den Todesstern, sondern einen Supermarkt. Leider nimmt niemand den mächtigen Lord und seine Mission ernst.

Das Marktforschungsunternehmen Comscore hat berechnet: Der Konsum von Internetvideos hat sich allein in den USA von November 2007 bis November 2008 um 34 Prozent auf 12,7 Milliarden gesehene Online-Clips gesteigert. Doch brauchen wir Serien-Kontinuität im schnelllebigen Internet? Bisher fühlte man sich doch auch mit Einzelclips gut unterhalten. „Die kurzen Spaßfilme, die Katze, die vom Stuhl fällt, oder der Skateboarder, der sich auf die Fresse legt, sind das eine“, sagt Wagner. „Aber das professionell zu produzieren, daraus Webserien zu machen, mit Spannung auf Fernsehniveau, ist das andere. Wir sehen schon jetzt an den Quoten, dass wir hier auf ein Bedürfnis stoßen.“

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Alle wollen dabei sein

„Mit dem Erfolg von ,Lonelygirl15‘ war absehbar, dass das eine Geschichte wird, die auch für Produzenten interessant sein kann“, sagt Uwe Kaminz. Der Berliner Produzent und sein Partner, der Regisseur Daniel Hyan, gehörten mit der „Miami Vice“-Persiflage „Moabit Vice“ zu den ersten, die in Deutschland Webserien produzierten.

Demnächst folgt auf 3min.de ihre Comedy- Doku eines Pornodrehs, Titel: „Making Of Teeny Stuten 7“. Eine Serie, die so wohl kein TV-Sender ins Programm genommen hätte. „Unser Konzept war: ,Stromberg‘ meets ,Boogie Nights‘. Als Produzent hat man nun die Möglichkeit, Stoffe in Eigenregie zu vermarkten und zu produzieren. Wir sind nicht mehr von Sendern abhängig, das ist die große Chance“, so Kaminz.

Pietshow:
Die Studenten- Soap von studiVZ und meinVZ.

Im Internet scheint derzeit alles möglich. Und wie bei allen Internetblasen will jeder dabei sein. Robert Wagner ist sich sicher: „Produktionen speziell für das Internet sind ein irrsinniges Wachstumsthema, gerade in den USA.“ Schauspieler Ashton Kutcher und Doug Liman, Produzent der „Bourne“-Trilogie, beispielsweise gründeten eigene Produktionsfirmen für Webserien. Michael Eisner, Ex- Disney-Chef, führt mit Vuguru das derzeit größte Unternehmen dieses jungen Branchenzweigs. Sein High-School-Format „Prom Queen“ erreicht im Internet Quoten, die sich mit denen großer TV-Serien messen können. Hollywood hat die Furcht vor dem Internet verloren. Nun wittert man auch in Deutschland das große Zukunftsgeschäft. Mit der Studenten- Soap „Pietshow“ auf StudiVZ und der Landei-goes-Großstadt-Serie „Deer Lucy“ auf Bild.de werden Webserien reichweitenstarke Plattformen geboten.

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Das liebe Geld

Wolf Gresenz hat mit kurzen Formaten Erfahrung. Seit zehn Jahren dreht er Werbespots, Musikvideos und Kurzfilme. Mit „Deer Lucy“ legte er nun seine erste Webserie vor. „Mich hat interessiert, wie das ankommt, wie das Publikum darauf reagiert“, so der 40-jährige Regisseur. Mit einem branchengeflüsterten Budget von 250 000 Euro ist „Deer Lucy“ das bisher teuerste Webserienprojekt Deutschlands. „Es ist an der Zeit zu zeigen, dass man Webserien auch in einer hohen Qualität produzieren kann – angefangen beim Casting, vom Bild und Ton bis zur Musik. Aber man darf das, was man mal beim Fernsehen gelernt hat, nicht einfach aufs Internet übertragen.“

Für die Finanzierung gelten allerdings ähnliche Regeln: Werbung gehört dazu, denn auch im Web ist Qualität langfristig nur mit Geld durchzuhalten. Sponsor von „Deer Lucy“ ist Otto. Das Versandhaus unterstützt die Produktion mit Kleidung und Mobiliar. Über ein Werbebanner auf dem Bildschirm gleich neben der Serie gelangt man direkt zum Shop, wo man Teile der Requisiten ordern kann. Überhaupt spielt Branded Entertainment eine große Rolle bei Webserien: Bei dieser erweiterten Version des Product-Placement werden Markenprodukte in die Handlung eingewoben wie sonst nur in James-Bond-Filmen. Der“Lonelygirl15″- Nachfolger „Kate Modern“ setzte Toyotas „Aygo“ nicht nur in Szene – die Japaner stellten der Crew eine ganze Flotte.

Deer Lucy:
Die Landei-goes-Großstadt-Serie von Bild.de.

Sony Ericsson ging noch einen Schritt weiter. Der Handyhersteller produzierte zur Markteinführung eines Smartphones die zehnteilige Action-Webserie „Who Is Johnny X?“, in der der Protagonist versucht, sein Gedächtnis wieder zu erlangen. Natürlich unter bildgerechtem und häufigen Einsatz des Handys. „Diese Serien eröffnen auch der Werbeindustrie neue Möglichkeiten“, sagt Robert Wagner. „Ich bin überzeugt: Mit einem Spot vor dem ,Dschungelcamp‘ oder vor irgendeiner dämlichen RTL-Serie können Werbetreibende ihre Zielgruppe nicht mehr erreichen.“ Viel Geld wird mit Webserien in der derzeitigen Aufbruchstimmung jedoch noch nicht verdient, die meisten Deals decken nur die Kosten. Filmstudenten und Talente empfehlen sich aus dem Internet heraus für Größeres.

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Die Zukunft

Die Schnelllebigkeit des Internets und die damit verbundene kurze Aufmerksamkeitsdauer sind für Webserien aber nicht nur ein Segen. Die amerikanischen Online-Marktforscher von Tube Mogul analysierten, dass 53 Prozent aller Zuschauer eines Short-Form-Videos nach spätestens 60 Sekunden aussteigen. Von Folge eins zu Folge zwei verlieren Webserien durchschnittlich 64 Prozent ihrer Zuschauer. „Wir sind nicht so verrückt zu glauben, dass wir die Welt neu erfinden und alles aufs Internet umschwenkt. Das ist natürlich Quatsch“, so Wagner. „Wir glauben, es entsteht hier ein sehr spannendes, neues Medienformat. Das ist ein Aufbauprojekt. Aber ein zukunftsorientiertes Aufbauprojekt.“

Who Is Johnny X?:
Die zehnteilige Action-Webserie von Sony Ericsson zu einem Film zusammengeschnitten.

Auch Regisseur Wolf Gresenz, der privat DVDs und Kino den Webserien vorzieht, ist optimistisch. „Momentan muss man noch Spaß am Experiment haben, um sich darauf einzulassen. Nur so funktioniert es. Ich denke, es lohnt sich aber, mit Liebe und Herzblut ranzugehen.“ Sein nächstes Projekt: der erste deutsch-indische Bollywoodfilm. Doch im Stillen denkt er bereits über eine zweite Staffel von „Deer Lucy“ nach. „Im Web liegt die Zukunft“, sagt Gresenz. „Wie auch immer sie dort aussieht.“

Text: Sascha König

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Sehenswerte Webserien

WebTherapy: „Friends“-Star Lisa Kudrow als Psychologin Dr. Fiona Wallace, die ihre verzweifelten Patienten in exakt dreiminütigen Webkamera-Sitzungen therapiert. Einfach, clever, witzig.
>>> lstudio.lexus.com

Dämmerung: Eine kleine Gruppe erwacht in einem unbekannten, verlassenen Dorf. Immer mehr Rätselhaftes geschieht, nervenzehrend langsam führen die Puzzlesteine zum großen Ganzen.
>>> 3min.de

Chad Vader – Day Shift Manager: Dieser Vader leitet nicht den Todesstern, sondern einen Supermarkt. Leider nimmt niemand den mächtigen Lord und seine Mission ernst.
>>> blamesociety.net

Art Talk: Gesprächsreihe über die Gedankenwelt von Künstlern.
>>> 3min.de

Dr Horrible’s Sing-Along-Blog: Joss Whedon, Autor von „Buffy, die Vampirjägerin“, drehte das wahnwitzige Mini-Musical während des Autorenstreiks 2007 in nur sechs Tagen mit 100 000 US-Dollar Budget.
>>> youtube.com

Stephen King’s „N.“: Graphic-Novel-Grusel, basierend auf einer Kurzgeschichte aus Kings Buch „Just After Sunset“.
>>> nishere.com

Quarterlife: College-Abgänger am ersten Scheideweg ihres Lebens. Der Versuch, „Quarterlife“ im Fernsehen zu etablieren, scheiterte.
>>> quarterlife.com

Who Is Johnny X: Actionlastige Mischung aus „Momento“ und der „Bourne“-Trilogie. Altbekannte Geschichte, visuell aber beeindruckend.
>>> whoisjohnny-x.com

The Line: Comedyformat über den Fan-Wahn in der Kinoschlange eines Sci-Fi-Films. Elf Tage glorreicher Vorfreude.
>>> crackle.com

Gaza / Sderot – das Leben trotz allem: Das Dokumentarfilm-Projekt des TV-Senders Arte gibt Einlicke in das Leben einer Handvoll Bewohner des Gaza-Streifens und der israelischen Stadt Sderot.
>>> gaza-sderot.arte.tv

McCaingels: In Anlehung an „Drei Engel für Charlie“ kämpfen neokonservative Agentenbräute im Auftrag John McCains für die so genannte amerikanische Moral.
>>> atom.com

Gemini Division: Hauptargument für diesen Mystery-Krimi: Schauspielerin Rosario Dawson („Kids“, „Sin City“). Derzeit nur in den USA zu sehen.
>>> geminidivision.com