Iggy Pop hat vom Rock’n’Roll die Schnauze voll: „Als ich ein Junkie war, galt das nicht als chic. Als wir gewalttätige Musik spielten, gab es dafür noch keinen Markt. Was damals mit dieser Sorte Rebellion einherging, war Gefahr, Schmerz und eine Menge Zerstörung“, sagt der 62-Jährige, während er am Pool seines Anwesens in Miami sitzt. Trotz der Wiedervereinigung der Stooges vor sechs Jahren ist er auf Rockexzesse nicht mehr gut zu sprechen: „Es gibt nichts Traurigeres und Dümmeres, als einen verzweifelten alten Mann, der versucht die Menschen zu schockieren“, sagt er und lacht. So agil, wie Pop zurzeit durch die TV-Werbung des britischen Versicherers Swiftcover springt, tobt er auch heute noch über die Bühne – nur zum Affen will er sich nicht mehr machen.

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Iggy Pops neuestes Album „Préliminaires“ ist eins der besten seiner Karriere. Dezent angerauter Jazz, dunkle Balladen und eine Stimmung wie im literarischen Salon. Der Rockmusiker wurde gebeten, den Soundtrack für eine Dokumentation über Michel Houellebecq zu schreiben. Geschrei zu Powerakkorden wäre da höchst unpassend gewesen. Also recycelte Pop die schönen Ideen seines Jazz-Albums „Avenue B“ aus dem Jahr 1999. Die Texte von „Préliminaires“ sind inspiriert von Houellebecqs Roman „Die Möglichkeit einer Insel“. Der noch immer viril wirkende Rocksänger und der blass und verklemmt aussehende Literat könnten unterschiedlicher nicht sein.

Der französische Autor gilt als kontrovers, wird gern mal als Sexist und Menschenfeind beschimpft. Doch Iggy Pop vergleicht ihn mit Albert Camus: „Es ist ein wahnsinnig romantisches Buch, und ich konnte mich sehr gut mit der Hauptperson identifizieren, einem Comedian mittleren Alters, der sich zur Ruhe setzen möchte.“ Dann lacht er wieder dreckig und ansteckend. Er erzählt, wie gerührt er war von der einfühlsamen Beschreibung des Todes von Fox, dem Hund des Ich-Erzählers im Buch. Daraus entstand der Song „A Machine For Loving“: „Egal wie pervers, hässlich und dumm ein Mensch ist – sein Hund liebt ihn. Diese Tiere erinnern uns an die Möglichkeit der Liebe.“
Jürgen Ziemer