In einem Punkt sind sich alle Experten einig, wenn man sie nach den Berufen der Zukunft fragt: Es gibt keine Gewissheit mehr auf sichere Jobs und boomende Zukunftsbranchen. Der Arbeitsmarkt wandelt sich, und die Wirtschaftskrise, die wir gerade erleben, zeigt, dass auch einer Branche, der heute noch die Zukunft gehört, ganz schnell die Luft ausgehen kann. Was mit Sicherheit bleibt: Wir werden einer Erwerbsarbeit, sprich: einem Beruf, nachgehen. Das Bild dieses Berufs wird sich jedoch immer schneller wandeln.

Die wichtigsten Jobs, die in zehn Jahren gefragt sind, gibt es noch gar nicht!

Jobs der Zukunft? „Die müssen erst erfunden werden“, erklärt der Journalist Markus Albers. In seinem Buch „Morgen komm ich später rein“ (Campus Verlag) beschreibt er, wie sich das Verständnis und die Bewertung von Leistung radikal verändern. Den Arbeitsplatz fürs Leben gibt es nicht mehr, dafür wird der Ratschlag „lebenslang lernen“ zum Mantra. Feste Arbeitszeiten mit Anwesenheitspflicht und Bürojobs wie der des Sachbearbeiters bei einer Bank oder Versicherung gehören der Vergangenheit an. Viele Menschen werden, so Albers, dank der sich rasch entwickelnden technischen Möglichkeiten selbstbestimmt, flexibel und familienfreundlich in einem internationalen Team von Job-Nomaden arbeiten. Albers nennt das „Easy Economy“. Sie biete nicht nur mehr Zufriedenheit, sondern tatsächlich die besseren Ergebnisse. Eine Reihe von Firmen bieten ihren Mitarbeitern bereits eine „Freianstellung“ an: etwa die Deutsche Bank, SAP, IBM und die Stadtverwaltung von Wolfsburg.

Wie sich der Arbeitsmarkt in Zukunft entwickelt, hängt ab von Faktoren wie dem Ölpreis und der Weltkonjunktur. Aber auch im Alltag kann man erkennen, wo neue Berufe entstehen. Zum Beispiel der des Automatenfachmanns. Er wacht über die größere werdende Zahl der Leergut-, Parkschein- oder Getränkeautomaten, die das Leben erleichtern sollen. Im August 2009 wird das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) den Beruf „Werkfeuerwehrmann“ vorstellen. Er ist weder Beamter noch Freiwilliger, sondern arbeitet für ein Unternehmen wie etwa eine Chemiefabrik oder einen Flughafen und ist den dortigen Bedingungen entsprechend dual – also in Theorie und Praxis – ausgebildet. Eine weitere wichtige Entwicklung sind die Hybrid-Berufe. Dazu zählen Tätigkeiten wie Mechatroniker oder Innenausbauer. Letzterer weiß nicht nur, wie man einen TV-Schrank aufbaut, sondern auch, wie man eine beschädigte Wand tapeziert und die Elektrik verlegt.

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Das Hobby zum Beruf machen

Dienstleistungen aller Art haben eine Chance, wenn das Marketingkonzept stimmt. Das sagt Frederic Breiler, Gründungsberater bei „Garage Hamburg“. Eine Dienstleistung ist dem britischen Magazin „The Economist“ zufolge „alles, was einem nicht auf den Fuß fallen kann“. Wer einen guten Businessplan hat und seine Zielgruppe genau kennt, schafft oft das, wovon viele träumen: das Hobby zum Beruf zu machen. „Bei den jüngeren Gründern dominieren kreative Berufe wie Grafik- oder Modedesign, gefolgt von technischen und beratenden Berufen. Bei den älteren ist es bunt gemischt: Künstler, Handwerker, Händler, Freiberufler, einfache Dienstleistungen. Grundsätzlich gilt: Schlechte Gründungsideen sind eher selten. Es kommt vielmehr auf die innere Einstellung an: Will ich wirklich erfolgreich selbstständig sein? Bin ich bereit, hart dafür zu arbeiten und mir auch Beratung zu holen, um klassische Fehler zu vermeiden?“, erklärt Frederic Breiler. Die Geschichte einer erfolgreichen Gründung lesen Sie auf Seite 37 „Neuanfang – Henning Kochs Weg aus der Arbeitslosigkeit“.

Zukunftsbranchen: Rohstoffe, Energie, Gesundheit

Fragt man Anlageberater nach den Zukunftsbranchen, nennen sie in der Regel diese drei: Rohstoffe, Energie, Gesundheit. Tatsächlich will die Branche für erneuerbare Energie bis 2010 mehr als 60000 neue Arbeitsplätze in den Bereichen Herstellung, Installation und Betrieb schaffen. „Vorwiegend für technische Berufe, also Ingenieure und Fabrikarbeiter, zum Beispiel in Solarfabriken oder in Produktionsanlagen für Windturbinen“, bestätigt Doreen Rietentiet von der gemeinnützigen Agentur für erneuerbare Energien, einer Einrichtung, die von zwei Bundesministerien, Unternehmen und Verbänden unterstützt wird.

Auch die Gesundheitsbranche bietet weit gefächerte Perspektiven. Bis 2025 sollen hier mehr als eine Million neuer Stellen entstehen, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Zum Beispiel werden gerade Medizininformatiker gesucht. Andere Berufe, so der des Wellness-Trainers, haben noch keine geschützte Bezeichnung. Aber der Deutsche Wellness Verband setzt sich für eine einheitliche Ausbildung ein. Anerkannte Einrichtungen dafür sind etwa die Meridian-Academy in Hamburg oder das Spirit-Yoga-Studio in Berlin, die jeweils verschiedene Ausbildungen anbieten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum gerade jetzt Ingenieure händeringend gesucht werden und warum traditionelle Berufe wieder stark im Kommen sind.
Mangel an Ingenieuren und Lehrern

Einen Mangel an Ingenieuren und Lehrern melden die zuständigen Branchenverbände. Laut der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) wird er im Jahr 2015 akut sein. Die im Abstand von zwei Jahren stattfindende Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) zeigte bereits 2007, dass die Firmen 40 Prozent ihrer Stellen nicht besetzen können. Vor allem die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik (kurz: Mint-Berufe) haben Bedarf. Gesucht werden sowohl Fachkräfte als auch Akademiker. Die Zahl der Jungakademiker, der künftigen „Lenker und Denker“, ist in der Bundesrepublik seit 2002 um 20 Prozent zurückgegangen, in Ostdeutschland und dem Ruhrgebiet sogar um mehr als ein Drittel, wie das Forschungs- und Beratungsunternehmen Prognos AG in seinem „Karriereatlas 2008“ feststellte. Allerdings schrieben sich im Studienjahr 2008 laut dem Statistischen Bundesamt 386500 Menschen an deutschen Hochschulen ein – so viele wie nie zuvor.

Bis Ende der neunziger Jahre hat man Abiturienten wegen einer bevorstehenden „Ärzteschwemme“ noch vom Medizinstudium abgeraten. 1997 verzeichnete die Bundesanstalt für Arbeit immerhin 10594 arbeitslos gemeldete Ärztinnen und Ärzte. Insbesondere in den neuen Bundesländern werden diese nun aber händeringend gesucht. Ein Viertel aller in Brandenburg gemeldeten Ärzte praktizieren gar nicht mehr – potenzielle Nachfolger arbeiten wegen attraktiverer Bedingungen aber lieber im Ausland oder in der Pharma-Industrie. Dort haben auch Biologen und Chemiker als Berater gute Aussichten.

Traditionelle Berufe kehren zurück

Das Comeback des Handwerks erkennt man am Boom kleiner Manufakturen, die inzwischen vielerorts entstehen. Vier Beispiele: In Berlin gibt es die Bonbonmacherei, in Hamburg den Krawattenmacher Laco, in Ochsenfurt fertigt die Roensberg Manufaktur wertvolle Manschettenknöpfe, und die Firma Kasha in Stolberg näht bunte Meditationskissen. Gleichzeitig kehren alte Berufe zurück: Beispielweise werden in Pirmasens jährlich wieder 20 bis 30 Schuh- und Lederwarenstepper ausgebildet, da viele Firmen ihre Produktion nach Deutschland zurückholen. Und Ausbildung wird neu geordnet. Der Müller heißt heute „Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Futtermittelwirtschaft“. Für 2009 werden Berufe wie Keramiker oder Fotograf modernisiert. „Dies würde nicht geschehen, wenn es keine Nachfrage von Seiten der Wirtschaft gäbe“, erklärt Dr. Jörg-Günther Grundwald, Leiter der Ordnung der gewerblich-technischen Berufe beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

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Interesse, Leidenschaft und Talent sind für den Traumberuf das Wichtigste

Doch noch wichtiger als die Prognose, welche Jobs in Zukunft nachgefragt werden, ist die Frage nach der eigenen Motivation. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hält sich daher mit allgemeingültigen Prognosen bewusst zurück. Die Aussage für den Durchschnitt sage wenig über die Chancen des Einzelnen aus, und die Gültigkeit einer Prognose sei zu gering, als dass sie die Berufswahl eines Menschen beeinflussen sollte. Man sollte sich also weder von der Arbeitsmarktsituation noch von speziellen Berufsprognosen leiten lassen. Denn je mehr Leute sich danach richten, desto eher entstehen extreme Mangel- oder Überschusssituationen, wie der akute Ärztemangel jetzt wieder zeigt.

Volkswirtschaftler nennen das Phänomen „Schweinezyklen“. Waren gerade noch Ingenieure gefragt, zeigt eine Auswertung der Stellenangebote von April 2008 bis März 2009 des weltweit größten Zeitarbeitsvermittlers Adecco, dass die Branchen, die von der gegenwärtigen Krise betroffen sind, wie etwa der Anlagen- und Maschinenbau, ihre Personalsuche stark eingeschränkt haben. Entsprechend geht auch die Nachfrage nach Ingenieuren zurück.

Trotz täglich neuer Krisenschlagzeilen und Horrormeldungen vom Arbeitsmarkt sollte man sich also bei der Wahl des Studiums und des Berufes nicht verunsichern lassen. Die Frage nach Talenten, Interesse und Leidenschaft bleibt bei der Suche nach dem Traumberuf nach wie vor die wichtigste.
Alexa von Heyden

Erst kommt der Schock, dann muss es weitergehen. Stephan Vellrath (Kameramann), Ulrich Moorkamp (Eventmanager), Jessica Clavie (Schneiderin), Anne Postrach (Journalistin) und Sina Draeger (PR-Beraterin) erzählen, wie sie mit dem Jobverlust umgehen und warum Erwerbslosigkeit neue Energien freisetzt.