Île de la Cité, 1. und 4. Arrondissement
Westwind jagt Wolken vom Meer übers Land. Kleine, dicke, finstere oder heitere Wolken spielen mit der Sonne Katz und Maus. Der Himmel über der Seine bietet ein Schauspiel, die Farben wechseln, mal wirkt die langgestreckte Fassade des Louvre wie ein verhuschtes Bild, dann wieder wie eine haarscharf gestochene Ansicht. Bewunderer aus aller Welt haben das legendäre Licht und die Schönheiten am Flussufer unendlichfach gemalt, besungen, beschrieben und fotografiert.

Mögen die Champs-Elysées auch beeindrucken, sie berühren einen nicht. Die schönste der Pariser Avenuen ist die Seine. Der Fluss fasziniert, weil er die Stadt nicht trennt, sondern zu einem Ganzen verbindet.Weil er wie ein roter Faden ist, an dem die Geschichte dieser Weltstadt entlang gesponnen ist.

Ein Blick auf den Stadtplan zeigt anschaulich, wie kompakt sich die 20 Arrondissements schneckenförmig im Uhrzeigersinn um die Seine winden.Kurzerhand wurde von den Behörden des Second Empire bei dieser Neugliederung der Stadt die Île de la Cité bürokratisch zweigeteilt. Justizpalast und Sainte Chapelle liegen wie Louvre und Tuilerien im 1. Arrondissement, Notre-Dame hingegen ist wie die Île Saint-Louis dem 4. Bezirk zugeteilt.

Paris hat seinen Ursprung auf der Île de la Cité. Fischer vom Stamm der Parisii besiedelten das Eiland im 3. Jahrhundert vor Christus. Cäsars Legionäre belagerten es auf ihrem Eroberungszug nach England. Ludwig IX., der Heilige, ein Kapetinger, bewohnte die Königsburg, von der noch Mauerreste im heutigen Justizpalast zu sehen sind. Und der Herrscher ging als Erbauer der Saint Chapelle in die Geschichte ein.

Der Louvre, heute Prachtbau mit modernen Akzenten, war jahrhundertelang eine königliche Großbaustelle (s. S. 102). Seit dem Mittelalter haben etliche Herrscher dort ihre architektonischen Spuren hinterlassen, doch kaum einer hat je darin richtig gewohnt. Kardinal Mazarin stiftete 1661 kurz vor seinem Tod gegenüber am linken Seineufer das Kolleg der Vier Nationen. Doch er konnte nicht ahnen, dass der Hof nach Versailles ziehen und der Louvre verwaisen würde, noch ehe die ersten Schüler im Kolleg unterrichtet würden. Seit 1805 ist in dem herrlichen Kuppel-Bau von Le Vau das Institut de France untergebracht, die berühmte Académie Française gehört dazu.

Menschen aus aller Welt,Franzosen inklusive, strömen jeden Tag über den Fußgängersteg „Pont des Arts“, der das „Institut“ und den Louvre verbindet. Die Eisenkonstruktion ist nicht die schönste unter den 37 Pariser Brücken, aber sie ist bei weitem die beliebteste und ihre Lage ist einfach grandios. Von hier sieht man im Osten auf die älteste und längste Brücke: Pont Neuf. Ihrem Namen, „Neue Brücke“, ist das nicht zu entnehmen. Sie war einst der einzige häuserfreie Übergang. Heinrich IV. hatte es so gewollt, um die Aussicht vom Louvre auf den Fluss nicht zu verbauen. Von den Parisern wird der Pont Neuf eigentlich erst richtig beachtet, seit Cristo die Brücke Mitte der 80er Jahre verpackte – und damit die Schönheit ihrer zwölf Bögen in den Mittelpunkt stellte.

Seit jeher, aber ganz besonders seit dem 17. Jahrhundert haben die Mächtigen der Nation an den Seineufern gebaut und sich so ein Denkmal für die Nachwelt gesetzt. Die Franzosen zeigen bis heute für Inszenierungen von monarchistischer Grandeur und Macht Verständnis, auch wenn sie am Nationalfeiertag die Französische Revolution bejubeln. Jüngster Renommierbau ist das „Musée du Quai Branly“ (s. S. 88), ein kunterbunter Pfahl-Bau in der Nähe des Eiffelturms, der im Volksmund bereits „Musée Chirac“ genannt wird, weil er Jacques Chirac in seiner Amtszeit als Staatspräsident zuzuschreiben ist. Stararchitekt Jean Nouvel hat den modernen Museumstempel konzipiert. Er wiederum hat bereits unter Chiracs Amtsvorgänger, François Mitterrand am Quai Saint-Bernard beim Pont Sully das Institut du Monde Arabe, „IMA“, entworfen. Ein interessanter, diskreter Bau mit lohnenswertem Kulturprogramm. Das breite Publikum begnügt sich jedoch meist mit dem Blick von der Dachterrasse auf die Seineufer und die herrschaftlichen Häuser auf der Île Saint-Louis.

Am Wasser unterhalb des „IMA“, am Quai Saint-Bernard schweben abends Paare elegant im Tangoschritt am Ufer entlang, vor dem die Ausflugsboote kreuzen. Tagsüber ist eine Fahrt auf der Seine völlig entbehrlich, bei Nacht aber wird sie zum wunderbaren Erlebnis. In der Dunkelheit verschwindet das Unwesentliche, um allem Schönen den großen Auftritt im Scheinwerferlicht des Boots zu überlassen. Notre-Dame (s. S. 76) wirkt dann noch erhabener und dem Irdischen entrückt. Bei der Conciergerie kommt einem das Schicksal von Marie Antoinette in den Sinn, die dort bis zu ihrer Enthauptung unter der Guillotine in Haft saß. Am Pont Neuf stellt man sich die Drei Musketiere vor, die mit Säbelgerassel ausgelassen über die Brücke jagen. Durch den Louvre sieht man vielleicht den Dämon Belphégor hasten, über den 1965 eine in Frankreich erfolgreiche Fernsehserie gedreht worden war. Hat man Glück, erreicht das Boot den Eiffelturm zur vollen Stunde. Dann sprüht er wie eine Wunderkerze Funken und löscht für einen Moment jeden Bezug zur Wirklichkeit.