Mein erstes Album war so eine Art orale Selbstbefriedigung“, sagt Merrill Beth Nisker. „Das zweite klang nach einem Arschfick mit einem Umschnall-Dildo. Und das dritte entsprach eher einer wilden Orgie.“ Da haben wir’s. Aber wir wollen es ja genau wissen.

Seit rund zehn Jahren kanalisiert Nisker ihre Peaches-Botschaft mit expliziten Liedern über Sex. Von ihrer Kunstfigur redet sie gern in der dritten Person. Die beiden zu unterscheiden ist nicht schwer: Nisker kann sich noch aufregen. Über die Anrüchigkeit, die sexuell selbstbewussten Frauen anhängt, beispielsweise. Oder darüber, dass man Charlotte Roche verdächtigt, nur schockieren zu wollen, während kein Zweifel daran besteht, dass Tabubrecher wie Henry Miller und Vincent Gallo einfach nur geile Typen sind. Für Peaches wiederum ist Gleichberechtigung nichts, was man einfordern müsste. In ihrer Welt gibt es sie tatsächlich. Sie ist die Grundlage aller Stellvertreter-Ferkeleien, über die sie weibliches Selbstbewusstsein und Vergnügen vermittelt. Peaches ist der Swingerclub der jungen Großstadtintellektuellen, in dem alles erlaubt und selbstverständlich ist. Neuerdings sogar Liebeskummer.

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Mit zarter Melodie und traurigem Gesang ist das Synthiepop-Rührstück „Lose You“ der mit Abstand ungewöhnlichste Song ihres neuen Albums „I Feel Cream“. „Ich habe solche Lieder schon früher geschrieben, sie aber nie ans Tageslicht kommen lassen“, sagt Nisker. „Ich habe Peaches als Antichrist, Hardcore oder wie auch immer etabliert. Ich muss nicht mehr beweisen, wie hart ich bin.“ Auch nicht, wie hervorragend sie produziert. Trotzdem fiel es der Kanadierin schwer, ihren Kontrollzwang einzuschränken. Die Produzentenzügel für fünf der zwölf Songs hat sie in die gefragten Hände von Digitalism, Soulwax, Simian Mobile Disco und Drums Of Death gelegt. Das ermöglichte ihr, dem borstig groovenden Clubsound ungewöhnliche Melodien hinzuzufügen und am Gesang zu feilen. Der Großteil des Albums beschäftigt sich natürlich wieder mit Trieben – ergänzt um neue Facetten.

„,Mommy Complex‘ ist ein Song über das Älterwerden“, sagt Nisker. „Natürlich denke ich manchmal: ,Fuck, ich bin 40. Was mache ich im Musikbusiness, wo um mich herum nur 19-jährige Jungs sind?'“ Ganz einfach: Peaches bildet den nach wie vor notwendigen Gegenpol zu glattgebügelten Pop-Püppchen. Eine Quelle der Inspiration für Musikerinnen wie Uffie, Amanda Blank oder Yo Majesty, die weiterführen, was sie begonnen hat. „Ich bin so etwas wie die Patin einer neuen Generation“, sagt sie. Eine Patin, die sich nicht auf ihrem Status ausruht, sondern gelernt hat zu genießen. „Das neue Album? Es klingt wie eine Verabredung zu einem sehr teuren Essen – um sich danach sofort die Klamotten vom Leib zu reißen.“
Sascha König