Fast widerwillig löst der Mann an der Aufnahme den Blick von seiner Zeitung. Er mustert Sophie, den Jungen auf ihrem Arm, das Blut auf dessen T-Shirt. Sein Blick bleibt müde und teilnahmslos. »Wir haben keinen Platz«, sagt er. Sophie schießen Tränen in die Augen. Verzweiflung überkommt sie, Ohnmacht und Wut. Jimmy, der Junge auf ihrem Arm, hustet, und mit jedem Atemstoß vibriert sein gebrechlicher Körper. Vor gut einer halben Stunde hat er Blut gespuckt. Sophie packte ihn, trug ihn ins Krankenhaus von Bujumbura, der Hauptstadt Burundis. Doch die Ärzte, Pfleger und Schwestern der Klinik sind überfordert und unmotiviert. Was kümmert sie das Schicksal eines Dreizehnjährigen? Eines Waisenkindes? Wo es in Burundi doch 800 000 davon gibt. Jimmy leidet an einem Herzfehler. Er ist sehr schwach; schon die geringste Anstrengung überfordert ihn. Abgemagert hatten ihn Mitarbeiter der Hilfsorganisation »Fondation Stamm« in einem kleinen Dorf gefunden. Seine Eltern waren nicht mehr in der Lage, ihn zu ernähren. In der von Hungersnöten heimgesuchten Region müssen Familien mit einer Mahlzeit pro Tag auskommen; fast immer gibt es Maisbrei mit Bohnen. Um ihn pflegen und stärken zu können, brachten die Helfer Jimmy nach Bujumbura. Dort lebt er mit siebzig Mädchen und Jungen im Waisenheim »Centre Uranderera«. Sophie ist noch nicht lange bei den Kindern, doch Jimmy fiel ihr schnell auf. Ein einsamer Junge, dachte sie, seltsam freudlos. Immer so langsam, so vorsichtig. Während die anderen beim Fußballspielen herumtoben, sitzt er im Sand, schnippt mit seinen dünnen Fingern einen Stein vor sich her. Eines Tages setzt sich Sophie neben ihn. Einem Impuls folgend, nimmt sie Jimmy in den Arm, drückt ihn an sich. Kurz halten die Fußballspieler inne, dann kicken sie weiter – Tor! Sophie spürt Jimmys Pulsschlag an ihrer Brust. Freiwillig hat sich die 19-Jährige aus Baden-Württemberg zu ihrem Einsatz in Burundi gemeldet. Hat die Annehmlichkeiten ihres Zuhauses gegen das Leben in einer Stadt getauscht, in der nichts selbstverständlich ist. In der das Licht nur manchmal angeht. In der das Wasser tagelang nicht fließt. In der medizinische Versorgung so gut wie nicht vorhanden ist. Das alles hat Sophie nicht abschrecken können. Sie hat ihr Abitur gemacht, sie hat Zeit, und sie will mit ihrer Zeit etwas Sinnvolles anfangen. Sie will helfen. Mit diesem Wunsch ist Sophie nicht allein. Immer mehr Menschen beschließen, ihre Urlaubszeit und ihre Abenteuerlust zu Reisen mit Sinn zu verbinden. So entsendet ein »Global Player« wie Earthwatch Europe jährlich 1100 Freiwillige in die ganze Welt. Die »Volunteers« beobachten Koalas am Great Barrier Reef, graben in der Toskana römische Siedlungen aus, beobachten die Folgen des Klimawandels in der Arktis oder geben Englischunterricht in südamerikanischen Elendsvierteln. Bei der Initiative »weltwärts« des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bewarben sich in einem halben Jahr rund 10 000 junge Menschen um einen Einsatz in einem Entwicklungsland – der ohne Bezahlung bleibt. In der Zeitung liest Sophie über den Verein »burundikids«, der sich um Waisen- und Straßenkinder kümmert, Aidskranken hilft, junge Mütter unterstützt und sich am Bau einer Schule beteiligt. Sophie ist Feuer und Flamme, sie nimmt Kontakt zur Vereinsgründerin Martina Wziontek auf. Nur zwei Monate später fliegt sie nach Bujumbura. Aus der Luft wirkt Burundi üppig grün, fruchtbar – mit Feldern und Hügeln wie eine bayerische Voralpenidylle. Doch als Sophie aus dem Flugzeug steigt, schlägt ihr ein heißer, schwüler Wind entgegen. Erwartet wird sie von Verena Stamm, der Heimleiterin, die sich seit 1999 humanitär in diesem Land engagiert. Neben ihr steht ein Polizist in blauer Uniform. Gelangweilt kaut er auf einem Zahnstocher, in seinen Händen hält er eine Kalaschnikow. Sophie erschrickt; sie ahnt nicht, wie schnell sie sich an den Anblick Waffen tragender Männer gewöhnt haben wird.

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Links und rechts neben der Straße, die vom Flughafen in die Stadt führt, verbrennen Bauern Haufen feuchten Grases, die Geruchsschwaden sind scharf und beißend. Männer, Frauen und Kinder versinken bis zu den Knien in sumpfigen Feldern. Ihre Gewänder sind bunt und leuchtend. Barfüßig, im Gänsemarsch, die Schulbücher auf dem Kopf balancierend gehen Schulkinder nach Hause. Unzählige Fahrradfahrer, ihre Vehikel mit Gemüse, Kanistern, Bambusstangen beladen, verstopfen die Straße. Wer Sophie erblickt, hält inne, betrachtet sie regungslos. Ihr ist das peinlich. Es wird eine ganze Weile dauern, bis sie versteht, dass sie nun die Exotin ist. Eine Woche verbringt sie bei der ausgebildeten Krankenschwester Stamm, die die junge Frau behutsam mit einer Welt vertraut macht, in der Leid und Armut der Menschen überall und immer präsent sind. Anschließend zieht Sophie in das Centre Uranderera – der Name bedeutet so viel wie »Erziehe mich!«. In einem Land, in dem bloß die Hälfte der Kinder eine Schule besuchen kann, ist dies mehr als bildungspolitische Rhetorik.
Philip Ziser

Volunteering: Im angelsächsischen Raum ist »volunteering« – es gibt für dieses Wort kein deutsches Äquivalent – gesellschaftlich fest verankert. Die Hilfe der Freiwilligen ist dort selten an Vereine oder Verbände geknüpft. Die Menschen engagieren sich für verschiedene Projekte, oft spontan, meistens zeitlich befristet. Und immer öfter auch im Urlaub. Wer sich dazu entschließt, muss zunächst das geeignete Projekt für sich finden. Dabei helfen zehlreiche Websites. Besonders empfehlenswert sind etwa: www.worldvolunteerweb.org und www.volunteerabroad.com. Einen übersichtlichen Wegweiser durch das Angebot von Organisationen – mit Schwerpunkt auf europäischen Programmen – bietet auch: Elke Gersmann: Volunteering – freiwillig helfen im Urlaub, Reise Know-how Verlag, 2006, 8,90 Euro. Wer sich für einen Einsatz in Burundi interessiert, kann sich etwa an die »Fondation Stamm« wenden. Diese wurde 1999 von der Wiesbadenerin Verena Stamm, die seit 1973 in Bujumbura lebt, gegründet. Die Fondation Stamm kümmert sich um 350 Kinder und Jugendliche, darunter Waisen, Straßenkinder, Vergewaltigungsopfer, allein erziehende Mütter und Aidskranke, in mehreren Heimen im gesamten Land. Informationen: www.fondation-stamm.org Unterstützt wird die Arbeit vom Kölner Verein »burundikids«, den die Architektin Martina Wziontek 2003 nach einer Burundi-Reise ins Leben rief. Das bisher größte Projekt der beiden Partnerorganisationen war der Bau einer Schule für 1000 Kinder. Darüber hinaus beteiligt sich burundikids auch an Projekten wie dem Heim »Centre Uranderera«. Informationen: www.burundikids.org