Sein Geist ist da, wenn man unter rauschenden Palmen im hell beleuchteten Pool mit seinen Millionen von Mosaiksteinen ein paar Runden dreht. Wenn man dann den Geheimgang mit seinen Fresken nimmt in Richtung Parrot Suite, jenem Zimmer mit handgemalten 1001 Vögeln auf der Tapete, das der Meister für seine Nichte Allegra entworfen hat. Das Medusenhaupt, Gianni Versaces Markenzeichen, ist überall: im Pool, auf dem Fußboden, an den Türklinken, selbst auf dem Abflussstöpsel im Waschbecken. Kurz vor dem Eindämmern zwischen zwölf Kissen fällt einem Donatella Versaces Satz ein: „Jedes Zimmer ist wie ein anderer Traum von Gianni.“

Am nächsten Morgen, das Licht scheint sanft durch die weinroten und bernsteinfarbenen Gläser der Fenster, ist der pro Nacht knapp 600 Dollar teure Traum leider vorbei, und mit feuchtem Haar (er war beim Joggen am South Beach und kommt gerade aus der Dusche) empfängt der neue Hausherr Peter Loftin. Er fläzt sich in der Zigarrenlounge im zweiten Stock in einen Ledersessel und beginnt zu erzählen. Wie er, der Telekommunikations-Tycoon aus North Carolina, im Fernsehen einmal Versace in seiner Villa sah. Wie er im Jahr 2000, drei Jahre nach Versaces Ermordung, der Familie 19 Millionen Dollar dafür bot. Das Mobiliar war bei dieser Summe noch nicht inbegriffen, weil die beiden Parteien sich nicht einig wurden – am Ende versteigerte Donatella die Möbel für 20 Millionen Dollar. „Am Anfang habe ich hier allein gewohnt. Doch das Haus ist zu schön, um es für sich allein zu haben. So entstand die Idee eines Privatclubs.“ Doch weil sich in Zeiten der Krise nicht mehr allzu viele solvente Klienten finden lassen, die 50000 Dollar Aufnahme- plus weitere Jahresgebühren bezahlen wollen, sind die zehn Suiten in Versaces Villa nun auch ohne Clubzugehörigkeit zu mieten.

Die Chancen, dass man dabei einem Prominenten über den Weg läuft, sind groß: Tom Cruise und Katie Holmes verlobten sich nach einem dreistündigen Dinner im Sterne-Observatorium des Hauses. Cher liebt die in Beige gehaltene Wedgewood Suite, Elton John die Safari Suite (wer hier nicht aufpasst, stolpert nachts über den Kopf einer ausgestopften Löwin). Madonna war Gianni Versace ein so wichtiger Gast, dass er eigens für sie eine Badewanne einrichten ließ. Der Meister aus Italien liebte es, in seiner Villa große Feste zu feiern. Vielleicht schafft das eines Tages auch Peter Loftin – im Moment schlummert die Casa Casuarina ein wenig vergessen vor sich hin. Was morgen schon wieder vorbei sein kann: Miami bewegt sich manchmal schneller als New York.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Miami keinen Stillstand kennt und warum Gianni Versace genau hier leben wollte.

Morgens zum News Café
Miami ist keine fertige Stadt, sondern eine, die sich immer wieder neu erfindet. Stillstand? Kennt sie nicht. Exilhauptstadt Kubas? Das war einmal – im Stadtteil Little Havana trifft sich heute nicht nur Kuba, sondern ganz Lateinamerika. Rentnerparadies für Weiße aus dem Norden? 60 Prozent der 2,4 Millionen Einwohner von Miami-Dade County sprechen Spanisch als Muttersprache, nicht Englisch. Am Strand von South Beach treffen athletische College-Studenten beim Spring Break auf Models beim Fototermin, gay trifft auf straight, Latinos auf „Snowbirds“ aus Kanada, für alle ist Platz, auch und vor allem für den Glamour à la „Miami Vice“. Die Stadt ist Vorreiter in Kunst, Design, Architektur, Mode, Musik: Miami verändert sich mit jeder Welle des Atlantiks, die an die Küste brandet. Chic ist die Stadt in den vergangenen 20 Jahren aber immer gewesen. Kein Wunder, dass jemand wie Gianni Versace genau hier leben wollte.

Der Designer war keiner, der sich in seiner Residenz versteckte oder sich, einmal außerhalb der hohen Mauern unterwegs, stets von Bodyguards abschirmen ließ. Im Jahr 1997 wurde ihm das zum Verhängnis, als ihn die Kugeln von Andrew Cunanan trafen (das jedenfalls ist die offizielle Version, wie immer gibt es 1001 Verschwörungstheorien). Versace schien die Unbeschwertheit Miamis zu lieben, und so sah man ihn am Vormittag oft den Ocean Drive entlangschlendern, ein kleiner Morgenspaziergang die paar Straßenblocks von Hausnummer 1116 zu Hausnummer 804, dem News Café, wo er sich gelegentlich eine italienische Zeitung kaufte. Das News Café gibt es immer noch, der Laden läuft besser denn je, den Touristen sei Dank. Nur die Sonnenbrillen der Generation Umhängetasche, die hier ausgiebig frühstückt, sind noch etwas größer geworden als zu Zeiten Versaces, sie erreichen nun etwa den Durchmesser der auf den Tischchen platzierten Latte-macchiato-Gläser.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Immobilien-Entwickler Tony Goldman dem Ocean Drive ein neues Gesicht verpasste.

„Geldgierige Banditen!“
Doch es ist noch gar nicht so lange her, da gab es hier weder Bars noch Mädels mit knappen Bikinis, die ihre echten oder falschen Rundungen dekorativ zur Schau stellen. Schon gar keine Touristen auf der Suche nach international bekanntem Glanz. Bis der Pate von South Beach hier auftauchte und aufräumte, schloss sich die Laufkundschaft von Haus 804 Ocean Drive in einem der 16 Zimmer ein. Rauchte sich mit Crack um den Verstand und besorgte sich auf der Straße anschließend Geld für die nächste Pfeife. Den Paten würde man zunächst für einen Modedesigner halten, komplett in Schwarz gekleidet, mit wild abstehendem weißen Haar, braun gebrannt und mit runder Sonnenbrille. Doch Tony Goldman ist Immobilien-Entwickler. „Aber keiner dieser Ignoranten, die alte Häuser kaufen, sie rasch abreißen und dann hässliche Hochhäuser bauen, um möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen. Das sind geldgierige Banditen.“ Wen genau er damit in Miami meint, sagt der 65-Jährige nicht – es gab tatsächlich Pläne, das heruntergekommene Viertel komplett abzureißen und eine Lagunenstadt mit künstlichen Kanälen anzulegen.

Als der gebürtige New Yorker das erste Mal an dieser Stelle der Uferpromenade stand und sich die Gebäude anschaute, vor genau 23 Jahren, war er so begeistert wie heute. „Hier, ein Bullaugen-Fenster“, ruft der Architektur-Fan. „Dort oben, das sieht doch aus wie eine Reling. Dort ist ein Fahnenmast – alles architektonische Anspielungen auf die großen Ozeandampfer, die vor dem Zweiten Weltkrieg im Hafen von Miami anlegten.“ Tony Goldman, auf den auch der Boom des New Yorker Künstlerviertels Soho mit zurückgeht, war bezaubert von den vielen historischen Art-déco-Gebäuden: mehr als 800 Häuser entlang des weißen Sandstrands, gebaut zwischen 1923 und 1943. „Ich wusste: Das ist die Riviera Amerikas.“ Und er wollte dem heruntergekommenen Viertel wieder zu altem Glanz verhelfen.

Goldman lieh sich Geld von Freunden, Familienmitgliedern, Investoren. In 18 Monaten kaufte der aufstrebende Pate 18 Gebäude. „Es war wie Monopoly: Man schaut sich das Spielfeld an und überlegt, an welchen Stellen man am besten kaufen sollte, wo man am meisten Einfluss nehmen kann.“ Konkurrenz hatte er nicht, das Südende von Miami Beach war alles andere als eine begehrte Wohngegend. Vor dem „Clevelander Hotel“, das seit Jahren restauriert wird, sinniert Paddy Ericson über die vergangenen Zeiten. „Früher traute man sich nachts nicht auf die Straße. Stellen Sie sich das vor: Nicht mal zum Polizeiposten konnte man gehen“, sagt die 67-Jährige, die viele Jahre lang als Kriminalreporterin für den „Miami Herald“ unterwegs war und ihr ganzes Leben in South Beach verbracht hat. „Mit dem Kokain kam die Gewalt. Die Häuser sind verfallen. Am Ende waren nur noch dunkle Gestalten unterwegs und diejenigen, die zu arm waren, sich anderswo eine Wohnung zu nehmen.“ Scott Timm von der Miami Design Preservation League, die sich seit Ende der 1970er Jahre für die Erhaltung der historischen Gebäude einsetzt, erinnert sich noch gut: „Die Leute dachten: Der Mann spinnt. Warum investiert jemand in einen Slum?“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum South Beach eine einzigartige Aura hat und welches Synonym Miami derzeit moderner Kunst verpasst.

Kunst im Drogendepot
Tony Goldman hielt durch, verbündete sich mit Denkmalschützern und Gleichgesinnten, restaurierte das heruntergekommene „Park Central Hotel“, das 1987 wieder eröffnete. „Wie konnte man diesen Ort nicht nur schön, sondern cool machen? Es war ganz einfach: Sonderpreise für Model-Shootings“, schmunzelt der Unternehmer. Die Modeindustrie liebte den brüchigen Charme von South Beach, Künstler zogen hinterher, und Anfang der neunziger Jahre war South Beach plötzlich auch für den Jet-Set interessant. Und in das Haus Nummer 804 Ocean Drive, den ehemaligen Unterschlupf der Crack-Abhängigen, zog eine Modelagentur.

„Und jetzt?“ Der Pate von South Beach ist inzwischen zurück in seinem Büro: Tony Goldman steht am Fenster, blickt aus dem Büro von Goldman Properties im ersten Stock über dem News Café auf die Uferpromenade und die Kokospalmen des Lummus Park, mit einem wilden Blitzen in den Augen und einem Lächeln, das einen an das Gesicht eines zufriedenen Großvaters erinnert, der seinen wohlgeratenen Enkel betrachtet. „Schau dir den Ocean Drive an! Eine einzigartige Bühne, auf der sich jeder präsentieren kann, wie er will. Auf dem jedem abgedrehten Freak sein Auftritt gestattet ist, arm oder reich. Hier mischt sich alles, was diese multikulturelle Stadt ausmacht.“ Bis heute gibt es kaum Geschäfte am Ocean Drive, nur Restaurants und Bars – die großen Ketten finden sich erst in zweiter oder dritter Reihe. „Ein Gebiet wie South Beach lebt davon, dass es außergewöhnlich ist“, sagt Goldman. „Wenn man hier die gleichen Marken finden würde wie im Einkaufszentrum, wäre die Aura schnell verflogen.“

Für die meisten Kreativen, sofern sie nicht in die High Society aufgestiegen sind, ist South Beach mit den Jahren allerdings zu teuer geworden – sie sind zurück aufs Festland von Miami gezogen, denn auch in Downtown tut sich etwas. Im Design District siedeln sich Dutzende kleiner Läden an, gefördert vom Immobilien-Investor Craig Robins, der sich auch als Kunstsammler hervortut. Südlich davon, in Wynwood, verwandelt sich gerade eine Lagerhalle nach der anderen in eine Kunstgalerie. Im Museum der Rubell Family Collection erinnert sich Direktor Juan Valadez noch an die Jahre, in denen der graue Klotz als Depot für Drogen, Waffen und Geldbündel diente – allerdings von der amerikanischen Anti-Drogenbehörde DEA. „Als ich zum ersten Mal ins Gebäude kam, hing noch eine Zielscheibe in der Form eines Mannes an der Decke, die von Kugeln durchsiebt war.“

In der aktuellen Ausstellung „30 Americans“ greift der Künstler Kehinde Wiley dieses Thema auf: Beim Dreifachporträt eines jungen Schwarzen ließ er sich von Fahndungsfotos inspirieren. „In Miami ist moderne Kunst derzeit synonym mit Glamour“, sagt die Mäzenatin Rosa de la Cruz. „Natürlich gibt es die Gefahr, dass auch diese Kunst irgendwann trendy wird. Doch es ist immer noch besser, ein Glamour-Image zu haben als das Image, eine Hochburg der Kriminalität zu sein.
Helge Bendle