EIN ARBEITER HATTE ZU ARBEITEN UND NICHT ZU LESEN. Und wenn er doch lesen wollte, so hatte er weder Zeit noch Raum noch Geld dafür. Es gibt viele Geschichten von Arbeitern aus dem wilhelminischen Deutschland, die ihre Bildung der Ausbeutung ihrer Kraft abtrotzten und nächtens Bücher unter Straßenlaternen lasen, damit Frau und Kinder schlafen konnten. Einer dieser belesenen Proletarier war der Kieler Werftarbeiter Richard Ganske, geboren am 16. Dezember 1876 in Nienburg an der Saale, ein Mann mit, wie man heute sagen würde, sozialer Kompetenz. Er half den Kollegen auf der Werft, brachte ihnen das Rechnen bei, besorgte ihnen Mathematik-Lehrbücher und Fachliteratur.

Weil Bücher für die meisten seiner Kollegen zu teuer waren, verlieh er sie, gegen kleine Gebühr. Das sprach sich schnell herum. Als immer mehr Kollegen von ihm Bücher haben wollten, nicht nur Lehrbücher, sondern auch Journale für die Frauen, Bücher für die Kinder und schöne Zeitschriften, kaufte er bei den Verlagen gleich ganze Partien. Erstaunt über die Rabatte, die ihm dort eingeräumt werden, beschloss er, sich als Buchhändler selbstständig zu machen.

AM 1. APRIL 1907, vor 100 Jahren, gründete er in Kiel den Lesezirkel Daheim Richard Ganske. Nun war er Existenzgründer und Buch- und Zeitschriftenhändler. Er bewies Augenmaß für eine schrittweise Expansion, zeigte Talent für Logik und Logistik. Er machte den Blättern Beine, baute ein Lager auf, plante die Wege der Mappen zu bald über 1000 Kunden, teilte die Stadt Kiel in gangbare Bezirke und legte Wegstrecken fest für die Boten, für die Handwagen und die neuen Bäckerfahrräder, die in ihren großen Kisten ebensogut Journale wie Brot transportieren konnten und auf denen Söhnchen Kurt mit größtem Vergnügen herumturnte.

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Der Vater von drei Kindern wurde zum Berater seiner Kunden, übernahm die Aufgaben des Conférenciers und Moderators, war Intendant und Programmdirektor zugleich. Er wählte den Stoff aus, der unterhaltend sein sollte, aber auch anspruchsvoll und weiterbildend.
Die Mappen des Lesezirkel Daheim, in einem robusten Mantel aus Hartpappe und mit festem Bindfaden fixiert, waren eine klug kombinierte Wochenration an Lernstoff, Lebenshilfe und Literatur. Richard Ganske setzte auf Unterhaltung mit Niveau und Qualität; er wollte den Geheimrat ebenso gewinnen wie den Marineoffizier oder Hilfsarbeiter, vor allem aber auch deren lesende Frauen. Bei der Auswahl der Zeitschriften folgte er einem Grundsatz, von dem er, anders als viele seiner späteren Konkurrenten, niemals abwich: alle für alle. Wenn er ein Blatt in seinen Lesezirkel aufnahm, bekam es jeder Bezieher, und dieses unverrückbare Prinzip war das eigentliche Geheimnis des späteren Erfolgs, denn es garantierte Klarheit in der Organisation und hohe Auflagen für das ausgewählte Objekt. Gleichzeitig begann ein frischer Wind durch den Blätterwald zu rauschen, ein neuer Zeitschriftentyp machte Furore: illustrierte Blätter.

DAS GESCHÄFT BLÜHTE. Jede Zeitschrift, die ihm ein Verlag zum halben Preis überließ, holte ihre Kosten schnell wieder herein, bis zu vierzehnmal wurde sie verliehen. Das Unternehmen strebte in die Höhe und in die Breite. So zeigte denn auch der neue Firmensitz an der Gutenbergstraße 42 in Kiel eine stolze Fassade, ein fünfstöckiger Jugendstilbau mit eleganten Balkonen, hohen Räumen und hohen hellen Fenstern. Der Werftarbeiter Richard Ganske hatte es weit gebracht. Aber dann musste er in den Krieg. Im Alter von 37 Jahren wurde Ganske Soldat. Die Buchhandlung blieb geöffnet, der Lesezirkel Daheim lieferte weiter die Mappen aus. Wo Männer fehlten, übernahmen Frauen die Verantwortung, die Organisation und die Arbeit, die getan werden musste. Jede Hand wurde gebraucht. Die Kinder trugen nach der Schule Mappen aus, brachten sie zu den Kunden, holten die alten ab, rechneten auf den Pfennig genau ab, freuten sich über das Trinkgeld.

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Nach dem Krieg wurden die Karten neu gemischt. Neue Medien machten Furore. Mit Beginn der zwanziger Jahre begann der Rundfunk seinen Siegeszug; innerhalb von zehn Jahren erhöhte sich die Zahl der im Deutschen Reich angemeldeten Rundfunkgeräte von wenigen hundert auf über vier Millionen. Aber das war keine Konkurrenz für illustrierte Blätter. Im selben Zeitraum erlebte auch die Massenpresse ihr goldenes Zeitalter. Wer informiert sein wollte, las Bücher, Journale, Lesemappen. Der Lesezirkel Daheim des Richard Ganske kam nun erst richtig auf Touren – das Geschäft der vielen kleinen Schritte, von Haus zu Haus, bei jedem Wetter. Es überstand Inflation und Wirtschaftskrise.

SOHN KURT übernahm Verantwortung. Kaum im Betrieb, baute der 1905 Geborene ab 1924 das Unternehmen aus, gründete Filialen in Dresden und Chemnitz, brachte die Zahl der Abonnenten von 3500 auf 10 000. Im Jahr darauf öffnete der Lesezirkel Filialen in Stettin, Frankfurt, Nürnberg und Düsseldorf. Und so ging es weiter, nach dem Prinzip des Spinnennetzes, ein Fadenziehen, ein planmäßiger Ausbau der Wege zum Leser. Und weil die Spinne besser in der Mitte als am Rande des Marktes ihr Netz spinnen sollte, zog die Zentrale des Unternehmens 1926 von Kiel nach Hannover. Daheim war bald überall, in Gelsenkirchen, Kassel, Mannheim und Osnabrück, in Augsburg und Breslau, Danzig und Berlin.

RICHARD GANSKE konzentrierte sich aufs Stammgeschäft, der Sohn drehte ein großes Rad, der Lesezirkel wurde zum florierenden Unternehmen, dem weltweit größten seiner Art. Aus dem Juniorchef wurde ein Unternehmer. Er fuhr Cadillac mit Chauffeur und kaufte ein Rittergut in Nordhessen.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg lag das Unternehmen am Boden, die Filialen waren zerstört. Er machte sich an den Wiederaufbau, wurde Verleger in Hamburg und im Rheinland, stieg auf zum vielfachen Zeitschriftengründer und Konzernchef eines privaten Imperiums, das mit dem Jahreszeiten Verlag einen der fünf großen deutschen Zeitschriftenverlage umfasste und mit dem Hoffmann und Campe Verlag einen der traditionsreichsten deutschen Buchverlage.

1956 starb Richard Ganske, der Firmengründer. Sohn Kurt führte den Lesezirkel Daheim weiter und wurde zum Konstrukteur eines Unternehmens, das so unterschiedliche Facetten umfasste wie das Traditions-Wochenblatt Rheinischer Merkur und die Zeitschriften MERIAN oder Film und Frau. Kurt Ganskes Jahreszeiten-Verlag erlebte mit Titeln wie Für Sie und petra, Vital und Selbermachen, Der Feinschmecker, Zuhause wohnen und Architektur und Wohnen eine erfolgreiche Gründung nach der anderen, während der Hoffmann und Campe Verlag und seine Autoren, ihnen allen voran Siegfried Lenz, die Bestsellerlisten eroberten – Erfolge eines Großunternehmens, das in allen Zweigen mehr als 1000 Mitarbeiter zählte, und eines Unternehmers, der es verstand, Talente zu finden, zu fördern und an sein Haus zu binden.

Heute wird es in der dritten Generation von seinem Sohn Thomas Ganske geführt. Und immer noch blüht unter dem Dach dieses Unternehmens die Keimzelle, der Leserkreis Daheim, Deutschlands größter Lesezirkel.

Text (leicht verändert) aus dem Buch „Halte Schritt. Kurt Ganske und seine Zeit“, erschienen bei Hoffmann und Campe 2005.