Wichtiges im Schilde
Die Oscar-Verleihung im vergangenen Jahr muss ein unbehagliches Erlebnis gewesen sein für Ellen Page. Für „Juno“ war sie als beste Darstellerin nominiert, deshalb musste sie über den roten Teppich schreiten, in einem bodenlangen Abendkleid. In Jeans und Kapuzenpulli fühlt sich die 22-jährige Kanadierin Ellen Page viel wohler, sie konzentriert sich lieber auf Inhalte statt auf Äußerlichkeiten und Glamour. „Ich will dieses Hollywood-Ding nicht“, sagt sie. „Die Leute sollen einfach nur über meine Filme nachdenken.“ Über „Hard Candy“, in dem sie in der Rolle einer 14-Jährigen einen Pädophilen richtet. Oder über „Tracey Fragments“: ein aufregender bis anstrengender collagenhafter Bilderrausch, mehr bewegte Fotos als Film. Page spielt darin eine 15-jährige Außenseiterin auf der Suche nach ihrem verschollenen Bruder: ruppig und verletzlich, in Jeans und Kapuzenpulli, so authentisch, dass sich die fragmentarische Geschichte zum komplexen Porträt eines Mädchens voller Selbsthass, Unsicherheit und Sehnsucht nach Liebe verdichtet.Leiser, doch nicht weniger unangepasst ist sie als kluge, sarkastische Tochter eines grantigen Professors in der schwarzhumorigen Familientragikomödie „Smart People“. Im anrührenden kanadischen Drama „The Stone Angel“ ist sie das junge Spiegelbild einer alten Frau auf der Suche nach Würde und Selbstbestimmung. Nein, Hollywood, das ist nicht Ellen Pages Ding – ihr Auftritt in „X-Men – Der letzte Widerstand“ mutet an wie ein Ausrutscher. Lieber dreht sie kleine, feine Filme, engagiert sich nebenbei politisch. Dazu braucht sie keine Kleider zu tragen, Kapuzenpullis reichen. Schließlich geht es ihr um Wichtiges. Christina Bednarz