Die Einheimischen verschanzen sich hinter den Felsfenstern. Selbst die längst zum Stadtbild gehörenden Japaner ziehen sich irritiert hinter ihre Digitalkameras zurück. Wenn die „so genannten Festspiele“ (Thomas Bernhard) über Salzburg kommen wie der Tod auf dem Domplatz über den eitlen Sünder, verwandelt sich die barock-beschauliche Kleinstadt in einen im sündteuren und geschmacksarmen Landhausstil brodelnden Jahrmarkt imponierender und importierter Eitelkeiten.

Eine Stadt ergibt sich kampflos der Hochkultur und deren bekannt-berüchtigten niederen Begleiterscheinungen. Ein ganz normaler Festspielalltag: Schon am Nachmittag fegen wallende Roben verschreckte Touristen von den Gehsteigen; auf dem „Salzburg Airport W.A. Mozart“ landen Privatjets im Dreivierteltakt; rund um den „Goldenen Hirsch“ beginnt ein prozessionsähnlicher Tanz selbst gekrönter Titelbild-Häupter; der Makartsteg vibriert vor Zauberflötentönen, während die Salzach bunte Schnürlregen-Fontänen gen Himmel spuckt.

Der Max-Reinhardt-Platz steht unter Champagnerkorken- Dauerbeschuss; am Karajanplatz formiert sich ein schütterer (verbotener) Demonstrationszug, auf Transparenten steht „Die Kunst ist eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende Mission“, die aktuelle Politik hält sich da raus und am bewährten Freikartensystem fest; hinter mozartkugelsicheren Absperrgittern vor dem Festspielhaus werden ohnmächtige Schaulustige von schaffnerlosen Fiakerpferden zertrampelt, derweil sich die zahlungskräftige Prominenz auf dem roten Teppich netrebkofiebrig bei La-Traviata- Wellen in den Armani-Armen liegt; Selbstmörder stürzen sich vom Mönchsberg koloraturjodelnd auf die Bühne der Felsenreitschule und mittenrein in irgendeinen allerletzten Opernakt; in der Pferdeschwemme führen sich badend ebenso hoffnungs- wie hemmungslose Nachwuchstalente auf, als wär‘ es der Trevibrunnen; am Eingang zur viel zu engen Steingasse bleiben Stretchlimousinen auf ihrem Weg zum rot beleuchteten „Maison de Plaisir“ stecken wie weiland die Panzer der amerikanischen Befreier; gemeine, das festliche Stadtbild störende Tagesgäste in kurzen Hosen werden bei Almdudler und Nockerl für vier Wochen im Mirabellgarten eingesperrt; der zukünftige Intendant und erklärte Fußballfachmann Jürgen Flimm lässt auf der Pernerinsel die Spieler von „Red Bull Salzburg“ auflaufen; im Mozarteum springt einer Studentin aus Fernost mit einem entfernten Laut wie vom Himmel „ersterbend, traurig“ eine Saite ihrer Geige; im Landestheater erlischt endlich die Notbeleuchtung…

Überleben lässt sich diese fünfte Jahreszeit nur im Kaffeehaus. Wenn man einen Stammplatz ergattert und sich das Wohlwollen der wichtigsten Ober („Tages- Wolfgang“ und „Abend-Wolfgang“) im „Café Bazar“ erworben hat, ist die Chance, die Festspiele mitten in Salzburg unbeschadet zu überstehen, relativ groß. Ein schlechtes Gewissen braucht man dabei nicht zu haben, schließlich schrieb schon der Dichter Anton Kuh: „Die Festspiele sind der Umweg – das ‚Bazar‘ ist der Zweck.“

Bernd Noack