Imanol ist fertig. Seine Beine sind steif wie Säulen, die Handgelenke schmerzen, die Schultern, der Nacken – alles verspannt. Er ist durchnässt, ihm ist kalt, er zittert. Als wollte sein Körper die Müdigkeit abschütteln, die nach 410 Kilometern auf dem Rennrad in seine Glieder kriecht, ihm den Willen raubt, die Energie. Schritt für Schritt geht Imanol hinter das Verpflegungszelt, lässt sich auf eine Holzbank fallen. Sekundenschlaf übermannt ihn, zuckend schreckt er wieder hoch. Er findet keine Ruhe. Zu groß ist seine Angst. Die Angst, seinen fünf Mitfahrern das Rennen kaputtzumachen. Es nicht zu schaffen. Zu versagen. Es sind noch 132 Kilometer bis Oslo.

15 Stunden zuvor:
In Trondheim, am Nordatlantik, wo sich Norwegen zum Flaschenhals verengt, steigen Imanol Gonzales Tabar, Stefan »Stoa« Steinbauer, Hans Rumpfinger, Stefan Pfisterer, Hansi Strasser und Helge Huber auf ihre Rennräder. Um 10.24 Uhr beginnt »Styrkeprøven«, ihre Kraftprobe. Sie führt über 542 Kilometer bis Oslo, den ganzen Tag, die ganze Nacht hindurch. 2356 Wettkämpfer messen ihre Kräfte – Männer und Frauen, Junge und Alte, Spitzensportler und Amateure, die alle zeitlich gestaffelt in Trondheim losfahren, manche allein, andere in kleinen Grüppchen, viele als Mannschaft. Wie das »Team Alpenstoff«, das aus fünf Bayern und einem Spanier besteht und sich nach einer Biermarke genannt hat – die den Bajuwaren eine Art Mentaldoping sein soll. Imanol ist nervös. Sein eigener Anspruch und die Erwartung der anderen setzen ihn unter Druck. So weit entfernt liegt das Ziel, und er weiß nicht, ob er es bis Oslo schaffen wird. Bei den vielen Trainingsfahrten, die das Team vor »Styrkeprøven« absolviert hat, ist er stets der Schwächste gewesen. Und auf jeder Tour hat er sich einen Platten gefahren. Aber jetzt, an diesem Tag, »bitte, heute soll nichts schiefgehen«. Angespannt steuert Imanol sein Rad über das Kopfsteinpflaster bis zum ersten Kreisverkehr. Ja keinen Fehler machen. Auf jeden Fall durchkommen: »Für mich, für die anderen.« Vielleicht wäre Imanol erleichtert, wüsste er, dass seine Freunde dieselben Gedanken haben. Dass jeder befürchtet, der Bremsklotz zu sein. Doch weil niemand etwas sagt, bleibt jeder für sich, mit seinen Sorgen allein. Imanol übersteht den Start gut, dann geht es aus der Stadt hinaus. Der Himmel ist bedeckt, doch das tiefe Grau der Wolken sehen die Radfahrer nicht. Sie sehen nicht das Grün der Tannen und Birkenwälder, die sich in ihrem Gegenwind biegen. Und auch nicht die weißen Sprenkel, die in den Bergen auf sie warten: Schnee. »Team Alpenstoff« sieht nur noch das Hinterrad des Vordermanns und Asphalt. Bei Kilometer 18 steht ein Elternpaar, dessen drei Kinder ein Schild hochheben: »God Tur!«, steht darauf. Dies bleiben die letzten guten Wünsche.

Es ist 1.40 Uhr.
Nebelschwaden nehmen dem letzten blauen Licht der Mitternachtssonne die Kraft. An der Zeltstation, dem fünften Rastpunkt für »Team Alpenstoff«, gibt’s trockenes Brot und Bockwürste, die so lange im warmen Wasser lagen, dass ihr rosa Fleisch zwischen den Fingern zerfällt. Den Radfahrern ist das egal. »Wo ist eigentlich der Imanol?«, fragt einer. Fünf Männer blicken sich um, zucken mit den Schultern, zu müde, um nach irgendjemandem zu suchen. »Hoffentlich ist er nicht eingeschlafen.« – »Wenn er jetzt nicht bald auftaucht, müssen wir ohne ihn weiterfahren.«

Vor einem Dreivierteljahr haben sie die Idee für diese Norwegenreise gehabt. Wie in Bayern häufig der Fall, wenn etwas Verrücktes ausgemacht wird: auf der »Wiesn«, in einem Bierzelt, die Luft geschwängert von Alkohol und Zigarettenrauch, das Brathendl auf dem Tisch, »wir könnten doch mal bei Styrkeprøven mitfahren«, die Blasmusik spielt einen Tusch, die Krüge zusammen, prost! Alle sind begeistert. Keiner ist ein profilierter Radrennfahrer. In den Monaten darauf folgt ein straffes Programm: Kilometer um Kilometer spulen die Männer ab, bis zur Generalprobe, die vom oberbayerischen Schliersee an den Gardasee führt, einmal quer über die Alpen. 13 Stunden sind die Radler unterwegs, rund 300 Kilometer. »Wir haben gelitten«, erinnert sich Imanol. Von Trondheim nach Oslo wollen sie nicht mehr als 22 Stunden benötigen. Am Abend vor dem Start hält »Team Alpenstoff« noch eine Lagebesprechung ab. Hansi, der Fitteste, sagt: »Wir sind im Training so viel gemeinsam gefahren, dass es mir egal ist, ob wir 20 oder 22 Stunden brauchen. Hauptsache, wir kommen zusammen an.«
Tom Dauer