Die Jugend ist eine seltsame Zeit. Jahre, auf der Suche nach der eigenen Identität. Die erste Enttäuschung für das Herz. Freundschaft, Liebe und Leid, von denen man vermutet, sie könnten nie gesteigert werden. Nie. Lachhaft. Oder? War der erste Liebeskummer doch der intensivste? Hört man Romy Madley Crofts und Oliver Sims schwermütigen Zwiegesang, scheint die Jugend wieder greifbar nah. Die innere Zerrissenheit, alle die Gefühle, in denen man nie wieder so schwelgen konnte wie damals: Die vier 19- und 20-jährigen Schwarzträger von The XX vermitteln sie mit ihrer subtilen und minimalistischen Zusammenführung von Antifolk und New Wave so ergreifend, dass die Rückblende bei jedem Hören von Neuem aufscheucht.

Kein Wunder, dass es Sängerin und Gitarristin Romy Madley Croft noch immer Überwindung kostet, Songs wie „Shelter“ live zu spielen und ihre Emotionen Auge in Auge zu teilen. „Das Album ist wie ein Tagebuch der vergangenen drei Jahre“, erläutert Sänger und Bassist Oliver Sim. „Ein Tagebuch der Veränderung, von 16 bis dort, wo wir jetzt sind.“ Jahre, die nicht selten von Zorn und Auflehnung geprägt sind. Doch das Londoner Quartett, zu dem auch Keyboarderin Baria Qreshi und Beat-Produzent Jamie Smith gehören, gleitet nie ab in schrammelige Wütereien. Selbst bei dynamischeren Songs wie „Crystalised“ wirkt es wie das Auge des Sturms. Alles ist pointiert, jedes Instrument hat seinen Platz. Über allem thronen Crofts Gitarrenläufe und der fast schon aneinander vorbeigerichtete Doppelgesang: schlingernde Zeilen, die auseinanderdriften und wieder zusammenfinden – eine eigenartige Kreuzung aus Duell und Duett.

Video-Tipp: „Crystalised“ von The XX

„Wir sind definitiv nicht Sonny & Cher. Wir singen uns nicht gegenseitig über Liebe und Einsamkeit an“, betont Sim. „Ich schreibe meine Texte bei mir zu Hause und Romy ihre bei sich.“ „Infinity“ ist der einzige Song, den die beiden nicht getrennt geschrieben haben. Obwohl dieses Lied auch an Chris Isaaks „Wicked Game“ erinnert, liegen Vergleiche mit The Velvet Underground, The Smiths oder The Cure deutlich näher. Nicht verwunderlich, dass sie in England von einem Publikum um und jenseits der 30 geschätzt werden. Selbst Sims Mutter fühlt sich stolz an ihre Reifejahre erinnert. Jahre, in denen man sein Leben gleichmäßig auf Tag und Nacht verteilt. Genau das spiegeln The XX wider. Die erste Hälfte des Albums ist bestimmt durch ein leichteres Taggefühl, zur Hälfte steigt man tiefer hinab in die Nacht. Am Ende bleibt die Melancholie. Als würde man allein und unglücklich verliebt im Nachtbus sitzen, unverstanden von der Welt. Ein seltsam schönes Gefühl.
Sascha König