Nein, sie könne nicht reiten, gesteht Victoria Hötzer, und überhaupt seien ihr Kühe viel lieber als Pferde: „Die sind nicht so stur.“ Die 20-jährige Studentin der Veterinärmedizin, die eigentlich am Mozarteum Geige studieren wollte, streichelt dabei den stämmigen Stuten Lucy und Paula, die geduldig auf dem Residenzplatz warten, über die Blessen. Sie hat zu den Tieren mit der Zeit doch eine Freundschaftsbeziehung aufgebaut, schließlich verbringt man den ganzen Tag miteinander. Victoria ist in den Semesterferien Fiakerkutscherin.

Die meisten der 35 Frauen und Männer, die in Wechselschichten von morgens bis oft in die Nacht hinein Touristen durch die engen Gassen Salzburgs kutschieren, sind fest angestellt bei einem der fünf Fuhrunternehmen, die zusammen über 80 Kutschpferde verfügen und sich die 14 Fiaker- Standplätze teilen. Geregelt ist das immer noch lukrative Geschäft (eine 25-minütige Fahrt kostet 33 Euro) in Salzburg streng und gerecht. Und es gibt einen bedeutenden Unterschied zur Hauptstadt: In Wien müssen die Tiere inzwischen Windeln tragen, während an der Salzach die „Wegmacher“ (mit langem „e“!) immer noch auf ihren Fahrrädern den Pferdeäpfeln auf der Spur sind.

Charly ist so ein Wegmacher, und für Victoria, die gerade von eher seltsamen Sightseeing-Wünschen mancher Kunden erzählt („Zum Goldenen Dachl, bitte!“), holt er vom nahen „Tomaselli“ schon mal gern einen heißen Kaffee im Pappbecher, den das ehrwürdige Traditionshaus auf diese Art natürlich nur an die Stammkunden verkauft.

Die Salzburger Kutschertruppe scheint eine verschworene Gemeinschaft zu sein, in der Konkurrenzkampf ein Fremdwort ist: Jeder kommt mal dran mit einer Tour, nach einem ganz bestimmten, allerdings nur schwer zu durchschauenden System. Und so stehen sie geduldig in ihrer Dienstkleidung (schwarze Hose, Gilet, Janker und Hut sind Pflicht) neben den Kutschen: „Ein Job für die Ewigkeit“, sagt beneidenswert zufrieden ein Kollege von Victoria.

Die kann sich zwar nicht vorstellen, ihr ganzes Arbeitsleben auf dem Kutschbock zu verbringen, ins Schwärmen gerät die gebürtige Salzburgerin aber schon, und die Augen in ihrem Sommersprossengesicht bekommen einen Glanz: „Am schönsten ist es, wenn die Fahrgäste mal hinaus wollen aus der Stadt, nach Hellbrunn oder Leopoldskron. Auf den langen Alleen freuen sich auch die Pferde so richtig über den Auslauf und wiehern in einer Tour. Und ich fühl‘ mich bei diesen Fahrten zu den Schlössern wie zurückversetzt in Kaisers Zeiten.“

Bernd Noack