Dann schimmert das blanke schroffe Felsgestein zwischen zwei Hauswänden hervor. Deshalb ist es hier auch so angenehm kühl im Sommer, im Winter dagegen sorgt der konstant 15 Grad warme Felsen für ein fast wohliges „Klima“. Eng ist die Steingasse, so wie es sich für eine Gasse gehört, gerade breit genug für Fußgänger und Radfahrer; die Hände könnte man sich reichen von einem Fenster zum anderen über das brüchige Weg- Pflaster hinweg.

Zwischen den hohen, mittelalterlichen Fassaden scheinen die Stimmen der Passanten stecken zu bleiben: nichts dringt hier nach außen in die Stadt. Und drinnen bleibt nichts geheim. Nachts kann man noch erschrecken vor dem Hall der eigenen Schritte, vor dem eigenen Schatten, der aus einem dumpf beleuchteten Torborgen hervorzuhuschen scheint.

Die Steingasse auf der Seite der Inneren Stadt ist der wohl unbekannteste öffentliche Raum in Salzburg – und der schönste, sonderbarste, wahrhaftigste! So wie diese Gasse müssen alle Gassen der Stadt ausgesehen haben, bevor man sie mit Licht und Reklame tapezierte, sie herausputzte bis zur Unkenntlichkeit. So wie hier lebte man schon vor Jahrhunderten: auf engstem Raum, geborgen wohl, aber auch ohne die Chance auf Wahrung des Privaten. Geheimnisvoll ist es hier nur für Fremde, die wie Eindringlinge argwöhnisch mit stummen Blicken verfolgt werden.

Erzwungene, überlebensnotwendige Nachbarschaft. Und deshalb gab (und gibt) es hier alles, was die Stadt erst zur Stadt macht: Wand an dünner Wand die zahllosen Familien, Geschrei der Kinder, Klatsch und Zank der Alten – Lärmpegel ohne Sperrstunde. Dicht an dicht dunkle Wirtshäuser und staubige Werkstätten, kleine Läden für den Alltagskram neben einem verwinkelten Antiquariat; bis vor kurzem gab’s hier auch noch einen Metzger. Nur zwei Eingänge weiter warten wie eh und je die müden Huren für die Fleischeslust . Die verlogenen glitzernden Eitelkeiten mag man auf der linken Salzach-Seite pflegen, mag sich dort pikieren und generieren; hier, im Schatten und Schutz des Kapuzinerberges, verschanzt man sich lieber hinter einer ehrlicheren ironischen Melancholie, hier muss man sich weder verstellen noch genieren.

Apropos Ironie: „Die Zukunft hat schon begonnen“, warnte und mahnte einst der Wissenschaftler Robert Jungk; „die Vergangenheit hört nicht auf“, fällt einem beim Gang durch die Steingasse ein. Und dann bleibt man vor dem Haus Nummer 31 kurz stehen und schmunzelt vielleicht: Hier wohnte der „Zukunftsforscher“ Jungk – 24 Jahre lang.

Bernd Noack