Die alte Dame sitzt in ihrem Büro zwischen Landestheater und Mozarteum und denkt etwas wehmütig an die Zeit, als der verschmitzte geschnitzte Kerl noch der Star auf der Bühne war: ein Volksheld, einer, der sich traute, das Maul aufzumachen – auch wenn er doch eigentlich stumm war.

Kasperl war jahrzehntelang die Hauptfigur des Salzburger Marionettentheaters, doch jetzt hängt er in einer Glasvitrine im Foyer. Schlechte Zeiten für kluge Hanswurste? Solche Figuren seien heute nicht mehr so gefragt, erklärt die Enkelin des Salzburger Bildhauers Anton Aicher, der sich vor mehr als 90 Jahren seinen Kindheitstraum von der Puppenbühne erfüllte. Sie zählt heute zu den renommiertesten in der Welt. Gretl Aicher ist die Prinzipalin der nur gering subventionierten Institution, die sich längst aufs publikumswirksamere Opernfach verlegt hat.Touristen machen den größten Zuschaueranteil aus. Vier Mozart- Werke sind im Programm, wobei die „Zauberflöte“ in der Inszenierung von 1952 der Kassenschlager ist. Zwar kommt die Musik seit den fünfziger Jahren vom Band, die Bewegungen der Figuren an den seidenen Fäden aber sind immer noch so verblüffend grazil und exakt wie eh und je. Regisseure sagen schon mal mit einem Blick hinüber zum Großen Festspielhaus: „Mit den Puppen kann man besser arbeiten, die sind nicht so blöd wie die richtigen Sänger.“

Gretl Aicher, die noch beinahe jeden Abend selber diese Puppen tanzen lässt, schmunzelt über solche Sätze nicht ohne Stolz. Wenn man sie sieht im Puppenraum hinter der Bühne, wo ganze Ensembles sauber aufgereiht von der Decke herabhängen, merkt man schnell: Die Prinzipalin kennt jede einzelne Figur, weiß um ihre Eigenarten, Schrullen und Probleme, die sie tatsächlich „ausleben“, wenn man sie auf der Bühne tanzen, schweben, schreiten lässt. Sie spricht mit ihnen, streicht über die feinen Kostüme und schön geformten Köpfe. Und den Papageno in seinem bunten Federnkleid nimmt sie zärtlich in die Hände und sagt fast ungläubig, als sähe sie ihn gerade zum ersten Mal: „Ist er nicht wundervoll?“

Bernd Noack