Es ist nicht lange her, da schickten die Gratulanten Michael Joseph Jackson vergiftete Glückwünsche zum Geburtstag. 50 Jahre alt war er geworden, im gleichen August 1958 geboren wie Madonna und Prince. Jetzt ist er tot, bevor er die Welt mit einem Comeback vom Guten überzeugen konnte, das über das Schlechte siegt.

Die Jahre vor Michael Jacksons frühem Tod waren vom Schlechten bestimmt gewesen; von Negativschlagzeilen über demütigende Gerichtsprozesse, in denen der King of Pop sogar seine Genitalien offen legen musste. Angesichts bevorstehender Offenbarungseide, Häme und Schadenfreude über neue Platten, die längst keinen mehr interessierten, trat völlig in den Hintergrund, dass der Sänger einst unbestritten der Leitstern des Pop gewesen war. Oder war er es nach wie vor, und wir hatten es nur vergessen? Wir rieben uns verdutzt die Augen: Mühelos verkaufte Jackson weit über eine Million Tickets für seine anstehenden 50 Konzerte in der größten Halle Londons, 16 (!) Titel schossen in der Woche nach dem Tod allein in die Top-20-Verkaufsrankings des Online-Versandhauses Amazon.

Noch Wochen nach seinem Ableben dominieren Tränengeschichten über Michael Jackson die Titelseiten der Boulevardzeitungen weltweit. Dass Michael Jacksons Tod nur mit den frühen Toden von Lady Di, James Dean und John Lennon verglichen werden kann, hängt damit zusammen, dass er seit seinen Kindheitstagen ein durch und durch medialisierter Mensch war – den Fans als Projektionsfläche, nicht aber als Individuum kennen lernten. Das verdankte Michael Jackson der Macht der Bilder. Jackos bahnbrechende Erkenntnis war schlicht und einfach: Bediene dich einer Bildersprache, die jeder versteht. Kinder wie Erwachsene, Schwarze wie Weiße, Männer wie Frauen, Arme wie Reiche, Dumme wie Schlaue, Amerikaner, Chinesen, Russen, Deutsche und außerdem der ganze Rest des Planeten. Kein Wunder, dass es funktionierte, schließlich waren seine Lehrer die besten Entertainer der Weltgeschichte: Seinen Gesang, seine Moves und seine Silhouette hatte sich Jackson bei James Brown, Fred Astaire und dem Pantomimen Marcel Marceau abgeguckt.

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Und er besaß auch den Anstand, sich bei ihnen zu bedanken. „Er hat seinen ,Moonwalk‘ von mir adaptiert, es handelt sich um eine Abwandlung meines ,Marsches gegen den Wind‘, erzählte der 2007 verstorbene Marceau vor vier Jahren in einem Interview: „Michael Jackson und ich sind dann mit der Zeit Freunde geworden, er besuchte meine Auftritte, wenn ich Gastspiele in Los Angeles hatte.“ Weiß man um dieses künstlerbiografische Detail, bekommt der bei oberflächlicher Betrachtung ans Krankhafte grenzende Ehrgeiz Michael Jacksons etwas Menschliches: So gesehen war der Wunsch, der größte und ein auf der ganzen Welt verstandener Unterhalter zu sein, nicht nur anmaßende Ambition, sondern zugleich respektvolle Verbeugung eines Fans, der bei allem berechnenden Showbiz-Größenwahn Fan bleiben wollte. Michael Jackson sah sich als einer, der im Stande war die Fackel von seinen Vorbildern zu übernehmen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie Jackson dank eines Geniestreichs ein Markenzeichen erschuf und trotz Weltruhm zur geschlechtslosen Kunstfigur mutierte.Allerdings wusste der als Kinderstar im Business groß gewordene Ausnahmebegabte, dass Musicaltänze und Stummfilm-Körpersprache im anbrechenden MTV-Zeitalter Kunstformen von gestern waren. Sein Geniestreich war es, die universalen, ohne Worte auskommenden Ausdrucksformen Pantomime, Tanz und Musik in eine weltweit verständliche, fernsehtaugliche Bildsprache zu übertragen. Mit schlafwandlerischem Gespür addierte er schließlich eine entscheidende Zutat, gewissermaßen als Update auf die Zeit, in der er lebte: das video- und stadiongerechte Fashion-Statement. Der weiße Handschuh an der rechten Hand wurde zu seinem Markenzeichen. Die technicolorbunte Sgt.-Peppers-Fantasieuniform machte ihn auch visuell zum Kommandanten seiner Fanheere. Die Chirurgenmaske und der mit Sicherheitsnadeln und Mullbinde bandagierte Arm wirkten wie wahlweise eiskalt kalkulierte oder aber humorvolle Antworten eines Zerschnittenen auf die wuchernden Spekulationen um seine zahllosen Gesichtsoperationen.

Risse im eigenen Denkmal
Im Lande Neverland geschah lange Zeit nichts ohne den gewünschten Knalleffekt: Für seine beständig nachwachsenden jugendlichen Fans verschwamm der Star der Stars in den Neunzigern zu einer geschlechts- und alterslosen Special-Effects-Kunstfigur ohne erkennbare Hautfarbe. Michael Jacksons Kostümdesigner Dennis Tompkins und Michael Bush kannten die medialen Voraussetzungen, um auf den Philippinen und im Weißen Haus, auf dem Monitor und in der Westkurve gleichermaßen verstanden zu werden. Sie lenkten den Blick der Zuschauer auf die Körperteile, auf die es ankommt: den Schritt, die Füße des schwerelosen Tänzers, das entstellte Gesicht.

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So hätte es weiter und weitergehen können, bis sie alle gestorben sind, von Liz Taylor bis Lisa Marie Presley, doch es kam bekanntlich anders, schockierender. Mit immer bizarrer wirkendem Gestaltungswillen meißelte Michael Jackson an seinem eigenen Denkmal, bis die Risse für jeden mit bloßem Auge zu sehen waren. Wie ein Diktator einer Bananenrepublik umgab sich der Getriebene bei jedem sich bietenden Anlass mit Kindern. Ob beim Superbowl oder bei Interviews im Bett. Ihm schien nicht bewusst, dass selbst treuesten Fans das Verständnis dafür fehlte. Der Anfang vom Ende. Arto Lindsay schrieb im letzten August in „Spex“: „Die Menschen werden von zwei Dingen angezogen: Sex und Blut. Bei Michael Jackson hat man beides förmlich riechen können.“

Der Song „Dangerous“ aus dem Jahr 1991 blieb Michael Jacksons letzter künstlerischer Triumph. Groteskerweise war es im Rückblick zugleich ein verzweifelter Versuch, Jacksons ,erwachsene‘ Heterosexualität zu unterstreichen. Er singt von einer Femme fatale, die ihn verführt. Natürlich war dies ein durchsichtiges Unternehmen, das gründlich in die Hose ging. So begann eine gleichermaßen erstaunte und befremdete Weltöffentlichkeit über den Jahrhunderttänzer in der Vergangenheitsform zu sprechen. Michael Jackson war der Hasbeen der Nullerjahre, eine Witzfigur, die ihr eigenes Grab ohne Not und Verstand zu graben begonnen hatte, und auf die mit Ungläubigkeit, Abscheu oder, noch schlimmer, mit Mitleid geblickt wurde.

Die Frage, wer von uns gegangen ist, stellt sich nach seinem mysteriösen Tod am 25. Juni also absurderweise gar nicht, denn von uns gegangen ist ein längst Gefallener. Die Lücke, die er gerissen hat, ist eine ganz andere: Keiner, nicht ein einziger, ist seit seinem beispiellosen Aufstieg in die Nähe der Sonne auch nur annähernd universal berühmt geworden. Vor ihm gab es die Beatles und Elvis Presley. Nach ihm: Hunderte Sterne und Sternchen, die relevantere Musik machen mögen, aber nie diese Breitenwirkung erzielt haben. Michael Jackson bleibt für uns ein Mann im Spiegel, dessen mit viel Geld und Geschick inszenierte Bilder auf Youtube und sonstwo mit der Zeit jedes Zerrbild und jede Sünde in Heiligkeit verwandeln. So wie einst Michael Jackson den Mond in Gold verwandelte.
Max Dax

Über den Autor:
Max Dax, 39, ist seit 2006 Chefredakteur der Musikzeitschrift „Spex“. In seinem Buch „30 Gespräche“ (Edition Suhrkamp) versammelte er Interviews mit Ikonen der Pop- und Hochkultur.