In einer Benzinpfütze in Nexttimemaybe
Es gab eine Zeit, da wollte Clara sich entfernen. Ich verlasse dich, sagte sie an einem Sonnensonntag auf dem Balkon. Kann ich mitkommen?, fragte ich, denn Verlassen und Verlassenwerden sind keine einfachen Tätigkeiten. Let’s hit the road, antwortete Clara, dieser Satz sei schon seit Jahren eine Art Motto, er hinge gestickt und gerahmt an den Grundmauern unserer Beziehung, er stehe ihr vor allem in dieser Sekunde klar und deutlich vor Augen. Das müsse jetzt sein. Sie verzupfe sich jetzt mal, sagte Clara, sie gebe jetzt Fersengeld. Clara konnte solche Redensarten wie niemand sonst. Sie mache jetzt mal einen Schuh. Und so weiter. Und wohin? Nur in Amerika, behauptete Clara, nur in Amerika funktioniere Entfernung noch richtig. Das Konzept Straße! Deshalb: Let’s hit the road!

Clara buchte die Flüge, ich hörte auf zu essen. Eine Woche später saß Clara auf 27C, Gangplatz, und ich ein paar Reihen dahinter, mein Magen knurrte, unsere Reisepässe fühlten sich gefälscht an. Über Neufundland wählte Clara Erdbeereis, rosa wie ihre Haut, die Kerne wie Sommersprossen. Sie drehte sich zu mir um und warf ihre Waffelhaare. In der Eiswüste unter uns konnte ich allerfeinste Risse erkennen, wärmere Schichten, das Eis zerbrach und heraus quoll ein irrtümliches Hoffnungsblau, eine Art Oase der Liebe. Das, sagte Clara dann aber, ist der Klimawandel! Die Welt geht unter, du armer, einsamer Tropf! Ha! Clara lachte ihr redundantestes Lachen: Ha! Ha! Ha! Sie konnte einem Dinge verderben wie niemand sonst. Ha! Preisvergleich am Flughafen von Amerika, Mietwagen oder doch einen Gebrauchtwagen unter traurig baumelnden red-white-and-blue Flitter-Flatter-Seidenbändern, die Autos eingewickelt in Alufolie wie Unfallopfer. Es würde ein Gewitter geben, und ich würde Clara den Schirm halten müssen. Ihr Atem stand in Wolken in der kalten und präzisen Luft. Schreib mit, sagte Clara, schreib mit, wenn du etwas von uns behalten willst, und wenn Clara „schreib mit wenn du etwas von uns behalten willst“ sagte, schrieb ich mit: 2000 – 5000 – 2250 – 3000 – 2500! – OK.

Clara und Amerikas leidende Autoindustrie verhandelten hart, und Clara gewann natürlich. Der Dollar ist ein siecher Patient, diktierte sie mir, sehr schwach auf der Brust und blassgrün im Gesicht. Clara konnte solche Weisheiten sagen wie niemand sonst. Wir fuhren durch Amerika, ich hatte mich lange nicht mehr rasiert. Es sah überall ähnlich aus: Costco, Chrysler, Citibank, alles mit C wie Clara. Von Ost nach West auf jedem Mittelstreifen kaputte Autoreifen. Alles lief filmartig ab, es wurde immer wärmer, es roch immer stärker nach Benzin und Sand, unterbrochen nur von Cotton Candy, Cotton Candy, rosa wie Erdbeereis. Ich schwelgte in Erinnerungen an längst versendete Filme, an Clara, an meinen ersten Wellensittich. Mein Bart, mein Hunger und meine Liebe wuchsen, ich lenkte das Auto, mit dem sie mich verlassen wollte. Clara saß rum, rauchte und genoss gelangweilt ihre Freiheit, der Verkehr langweilte sie, die Kakteen am Straßenrand, ein totes Pferd. Die Sonne stand steil und direkt auf ihren rosa lackierten Zehen auf dem Armaturenbrett. Clara leuchtete.

Lesen Sie auf der nächsten Seite Teil 2 der Kurzgeschichte „In einer Benzinpfütze in Nexttimemaybe“.Dann eskalierte es. Kurz hinter der Stadtgrenze von Paintown (Pennsylvania) oder Mitleid City (Michigan) oder Iammerlappen (Iowa), an einer Tankstelle kurz hinter Ohgottohgott (Omaha) stand ich an einer Säule und tankte. Ein Mexikaner mit finstrem Schnurrbart kam zu uns rüber und fragte, woher wir denn seien, Where are you from, Sir? Der Schnurrbart in seinem Gesicht hatte etwas Repräsentatives, etwas Krawattenartiges, etwas Phallisches gar. Mir schwante das Ende. Clara wittert ja in allem etwas zu Geöltes und kolbenartig Pumpendes, aber vielleicht kannte ich sie nur zu deutlich. Ich erfand etwas wie „Neuschwanstein“ und hoffte auf Claras Lachen. Germany?, wiederholte der Mexikaner, home of the glorious Autobahn? Er zeigte auf die rauchende Clara auf dem Beifahrersitz und nickte mir ganz unter uns bärtigen Männern zu: Miss Germany! Was aber Clara gar nicht gut vertrug, sie war allergisch gegen Misswahlen und Großraumdiskotheken und Bikinicover und miserabel verteilte Geschlechterrollen. Ich kannte Clara: Ihr war diese Art schnurrbärtiger Mann schon immer und aus Prinzip zuwider.

Am Horizont stand ein selten heftiges Gewitter. Der Mexikaner wusste von nichts und meinte es gut und wiederholte, Miss Germany! Miss Germany! Da ruckelte Clara ratzfatz rüber auf die Fahrerseite, Zigarette im Mundwinkel und trat so heftig aufs Gas, dass der Schlauch abriss. Der Mexikaner stand sofort knöcheltief im Sprit. Bärtige Männer, rief Clara und ließ uns stehen: zu zweit in einer Benzinpfütze in Nexttimemaybe (New Mexico), es begann zu regnen, und dann war Clara weg.

Über den Autor:
Thomas Pletzinger, 33, hat kaum Erfahrungen mit Beziehungsenden und muss damit deshalb literarisch experimentieren: In seinem Debütroman „Bestattung eines Hundes“ (Kiepenheuer & Witsch, 19,95Euro) kommt die Hauptperson knapp davon.

Lesen Sie auf der nächsten Seiten: „Wüst! Eh!“ von Jakob Hein.

Wüst! Eh!
Sieh das Problem doch mal global!“ Konnte sie nicht einfach unseren Moment, den süßen Schmerz des Abschieds, genießen? Wir im Park und hatten uns gerade geküsst. Ihre Lippen schmeckten nach Erdbeer. Eisenach war vielleicht nicht gerade berühmt für seine Parks, aber der hier war wirklich schön. Ziemlich allein saßen wir inmitten der schönen Gartenanlage. Witterungsbedingt waren die meisten anderen Besucher schon längst nach Hause gegangen, denn es hatte vor einer halben Stunde plötzlich gehagelt. Die kleine Stadt war ganz still. In weiter Ferne hörte ich leise ein Auto. Bahngeräusche klangen von den Gleisen, die kaum einen Steinwurf von uns entfernt verliefen. Alle Wege führten mich aus dieser Stadt heraus, alle, außer dem Versprechen in ihren Augen.

„Wenn du jetzt fährst, trägst du damit nicht nur zur Klimakatastrophe bei, sondern auch noch zu unserer persönlichen Katastrophe. Hältst du das für einen Zufall, dass ausgerechnet wir beide uns gestern Abend begegnet sind und schon heute im Stadtpark küssen? Du würdest nur in spätestens zwei Tagen wieder zu mir zurückkommen müssen. Also bleib lieber gleich bei mir und verhindere zwei Katastrophen. „Die Linie, die der Saum des Kleides auf ihre Beine zeichnete, war unerträglich erotisch. „Na gut, ich bleibe“, sagte ich. „Aber hoffentlich ist dir klar: Ich bin wüst!“ „Eh!“, sagte sie. In den nächsten Stunden würden wir nicht mehr viel sprechen.

Über den Autor:
Jakob Hein, 37, praktiziert als Arzt und schreibt in Berlin. Wie ein Wort-Operateur seziert er die fünf vorgegebenen Begriffe mit präzisen Schnitten. Auf seiner Suche nach den Füllwörtern zwischen den Sommerbegriffen trieb ihn die Sorge, alle könnten die gleiche Idee haben wie er. Im September erscheint sein neuer Roman „Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand“ (Piper, 14,95Euro).

Lesen Sie auf der nächsten Seite: „Sommer in Sankt Petersburg“ von Lena Gorelik.
Sommer in Sankt Petersburg
Den Sommer in Sankt Petersburg erkennt man am Birkengeruch. Ich vermisse Sankt Petersburg nicht, es ist nichts weiter als eine ferne Erinnerung für mich, ich vermisse den Birken- und den Metrogeruch. Die Petersburger Metro gilt als eine der architektonisch schönsten der Welt, vor allem ist sie aber besonders tief, und fährt man mit der ewig langen Rolltreppe hinunter, kommt ein bestimmter Geruch auf, den ich eben vermisse. Ich verbrachte den Urlaub mit meinem besten Freund in Russland, er wollte die Stadt sehen, nicht ich. Ich schämte mich hauptsächlich. Für seine erste Zigarette morgens auf dem Balkon meines Onkels, von den Abgasen der unten vorbeifahrenden Autos wurde ihm schlecht. Für die vielen Schlaglöcher auf der so genannten Autobahn, von denen wurde ihm schlecht. Für das Eis, das uns als Erdbeereis angedreht wurde, es war weiß und schmeckte nach nichts, auch davon wurde ihm schlecht.

Für die abgasstinkende Schwüle, wir warteten auf ein Gewitter, das nicht kam. Für die Servicewüste Russland, von all dem Schämen wurde mir immer wieder schlecht. Der Sommer roch ein bisschen nach Birke, ich war mir nicht sicher, ob er das erkannte, ich war mir sicher, er vermisste einen anderen Sommer. Ich schämte mich, wie man sich manchmal für seine Eltern schämt, für jede ihrer Bewegungen, nicht hörend, dass alle anderen sie nett finden, eigentlich. Ich hörte nicht, wie er sagte, er fände die Stadt fantastisch, ich hörte nicht, wie er seiner Freundin am Telefon erzählte, er genieße den Urlaub total. Ich hörte erst zu, als er sagte: „Es riecht nach Birke. Das ist schön.“

Über die Autorin:
Lena Gorelik, 28, arbeitet diesen Sommer in ihrem Münchner Lieblingscafé an einem Roman über Hunde. Sie wurde in Leningrad, das heute wieder Sankt Petersburg heißt, geboren. Wenn sie Freunden ihr Geburtsland Russland zeigt, kommt sie immer überrascht von der Reise zurück, weil es schön dort war. Sehr schön. (Lena Gorelik, „Verliebt in Sankt Petersburg“, SchirmerGraf, 17,80Euro)

Lesen Sie auf der nächsten Seite: „Bitte beachten!“ von Ulrike Almut Sandig.
Bitte beachten!
Erdbeereis sollte auf dem Balkon verzehrt werden. Vorzugsweise im Kern- oder Halbschatten, denn pralles Sonnenlicht ist der Süßspeise nicht zuträglich. Ist kein Balkon zur Hand, kann das Erdbeereis auch auf der Autobahn verzehrt werden. Die Lichtverhältnisse sind unbeständiger als auf dem Balkon, bleiben für den Zustand Ihrer Süßspeise aber folgenlos. Halten Sie beim Verzehr den Straßenverkehr im Blick, es wäre schade um Sie und Ihr Erdbeereis.

Sind weder Autobahn noch Balkon zur Hand, haben Sie ein Problem. Der Verzehr von Erdbeereis in der Wüste empfiehlt sich unter keinen Umständen. Ihre Süßspeise würde schmelzen, schrecklich schmelzen, Nachschub wäre nur unter Schwierigkeiten zu beschaffen und von Gewitterausbrüchen aus heiterem Himmel schweigen wir besser gleich, es wäre schrecklich.

Über die Autorin:
Ulrike Almut Sandig, 30, liebt die Enzyklopädien für unerschrockene Leser von Ror Wolf, an den dieser Text ein Tribut ist. Sie lebt in einem Leipziger Stadtteil voller Eisläden. Einer hat sogar Hundeeis im Angebot. Zuletzt erschien ihr Gedichtband „Streumen“ (Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2007, 15Euro).

Lesen Sie auf der nächsten Seite: „Ein Draufgänger“ von Jakob Dobers.
Ein Draufgänger
Jean-Paul Belmondo drückte seine letzte Zigarette in der rissig-trockenen Erde dessen aus, was einmal eine Balkonbepflanzung gewesen war. Er trug das berühmte senffarbene Jacket, welches er damals nach Drehschluss von „Der Profi 2“ hatte mitgehen lassen. Immer schon ein Filou, immer noch ein stattlicher Mann. Mit leichtem Schwung aus dem Ellenbogen warf er die leere Zigarettenschachtel über die Brüstung und kniff die Augen zusammen, um ihrem Flug durch das helle Nachmittagslicht besser folgen zu können. Die Packung landete auf einer am Boden liegenden Tageszeitung, und zwar exakt auf einem Foto des französischen Präsidenten. Jean-Pauls Miene verfinsterte sich, denn dieser winzige Mann war ihm schon lange ein Dorn im Auge. Nicht dass er sich besonders für Politik interessierte. Aber er verehrte die schönen Frauen.

Und jene ehemalige Sängerin, zu deren sanfter Musik sich linksliberale Intellektuelle in ihren Sommerhäusern gelassen gegenseitig verführt hatten, gehörte von Rechts wegen an seine Seite. Das hier konnte also kein Zufall sein! Er fuhr sich mit dem Daumen über die Lippen, wie um sich seiner selbst zu vergewissern, und verließ kurz entschlossen das Haus. Da er seit Jahren keinen Führerschein mehr besaß, wegen irgendeiner dummen Sache, die er vergessen hatte, wählte er ein mittleres Tempo, um den Autobahnflics nicht aufzufallen. Jedes Kind wusste aus den Nachrichten, wo sich das Feriendomizil des Staatsoberhauptes befand. Er musste nicht mal seine Kontakte spielen lassen. Mit traumwandlerischer Sicherheit lenkte er den Wagen durch die weit offen stehende Einfahrt der Villa über den knirschenden Kies. Jetzt hieß es sich beeilen, denn das Eis in seiner Hand begann schon zu schmelzen. Erdbeereis!

Die herrlich bescheidene Lieblingssorte von Carla. Da würde sie kaum widerstehen können. Behutsam leckte er die sich stetig bildenden Tropfen vom Waffelrand und schaute sich um. Überall im Park waren weiße Schiedsrichterhochsitze aufgestellt, wie sie beim Tennis gebräuchlich sind. Eine Anordnung des Präsidenten, der sich den ehrwürdigen Bäumen gegenüber nicht so machtlos fühlen wollte. Doch gerade als Jean-Paul Belmondo das Auto zum Stehen gebracht hatte und sich anschickte, es mit einen eleganten Sprung über die geschlossene Wagentür zu verlassen, brach ein Gewitter los, das sich gewaschen hatte. In Sekundenschnelle saß er pitschnass in seinem Coupé. Und was dann geschah, überstieg jedes Maß an Erniedrigung, das er ertragen konnte.

Aus einem nahe gelegenen Gebüsch kroch eine Frau in einem seidenen Negligé gefolgt von einem schnaufenden alten Mann, der mit brummeliger Stimme etwas intonierte, das wie „Quelq’un m’a dit“ klang. Es war niemand anderes als Johnny Halliday, der Großvater des französischen Rock’n’Roll. Diese lebende Legende ist mir zuvorgekommen, mit ihrem ewigen Gesäusel! Jean-Paul rutschte tiefer in den Sitz seines Wagens, um nicht entdeckt zu werden. Dort schlief er sofort ein. Als er wieder erwachte, kitzelte ihn ein Gestrüpp an der Nase, er hatte trockenen Sand an der Wange, und eine heiße Sonne knallte ihm ins Gesicht. Marokko, dachte er. Die verdammte Wüste! Doch als er den Kopf hob und die vertraute Balkonbrüstung erblickte, musste er lächeln. Das berühmte unwiderstehliche Belmondo-Lächeln. Gegen diese heimtückischen Nachmittagsschläfchen war einfach kein Kraut gewachsen. Dann ging er nach drinnen, um seine Frisur neu zu ordnen.

Über den Autor:
Jakob Dobers, 40, spielt und singt bei zwei Berliner Bands. Als er sich von einer mehrwöchigen Tour mit Sorry Gilberto erholte, inspirierte ihn nachts ein Jean-Paul-Belmondo-Film zu dieser Sommergeschichte. (Jakob DObers ala Sorry Gilberto Musik: „Memory Oh“, Goldrauch-Records, 13,50Euro)