Dieser Mann ist nicht zu greifen. Die Faktenlage über das wahre Ich von Quentin Tarantino ist dürftig bis nicht existent. Das nebulöse Wesen ist Prinzip, keiner soll ihm zu nahe kommen. Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit sind nur in Momentaufnahmen möglich, wenn Tarantino die Disziplin verliert und offensichtlich er selbst ist. Wie im Mai bei seinem Auftritt in Cannes, wo er nach der Weltpremiere von „Inglourious Basterds“ auf dem roten Teppich tanzte und lachte. Man konnte kaum glauben, dass er kurz vorher den heftigen Publikumsreaktionen auf sein Nazi-Märchen ausgesetzt war: Auf Applaus folgte ein heftiges Pfeif- und Buhkonzert, das kein etablierter Künstler regungslos wegstecken kann. Tarantino aber schien es zu genießen. „Weil selbst in den Buhs mehr Leidenschaft für das Kino steckt, als anderswo überhaupt vorstellbar wäre, weil Film hier, Himmel noch mal, Bedeutung hat!“, brüllte er aufgewühlt in die Mikrofone. Tarantino lebt nur für das Kino – und nach seinen Regeln, die sich wie eine Ersatzreligion lesen.

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I. Gebot: Du sollst falsches Zeugnis ablegen

Seine Mutter ist dafür verantwortlich, dass Quentin Jerome Tarantino sich in die Welt der Filme flüchtete: Die Krankenschwester war sechzehn, als er zur Welt kam, und seine Kindheit mit einer allein erziehenden Mutter trieb das Einzelkind fast täglich in die Vorstadtkinos. So weit der gesicherte Teil seiner Biografie. Ob der Rollenname von Chris Penn aus „Reservoir Dogs“ – „Nice Guy Eddie“ – tatsächlich aus der Kundenkartei der Videothek Manhattan Beach Video Archives stammt, wo Tarantino gearbeitet hat und angeblich alles abspeicherte, was er später für seinen filmischen Kosmos gebrauchen konnte? Vielleicht handelt es sich um einen der Mythen, die er selbst um seine Person gestreut hat. So wie das Gerücht, mit dem Tarantino seine Karriere als Schauspieler in Fahrt bringen wollte: Angeblich habe er in Godards „King Lear“ mitgespielt. Eine glatte Lüge – in der Annahme, in den USA würde sich sowieso niemand diesen Film ansehen.

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II. Gebot: Du sollst stehlen

„Besser gut geklaut als schlecht selbst gemacht“, nach diesem Motto macht Tarantino Filme, die er selbst gern sehen würde. Er ist ein wandelndes Popkulturarchiv, das Versatzstücke aus Filmen, Comics und Musik genial neu zusammensetzt – und zwar nach dem Regelwerk, das seine Vision ihm vorschreibt. Die Szene, in der Uma Thurman in „Pulp Fiction“ von John Travolta mithilfe eines Eddings und einer ins Herz gerammten Adrenalinspritze reanimiert wird, stammt aus dem Erfahrungsbericht des Ex-Junkies Steven Prince – aus Martin Scorseses Doku „American Boy“ (1978). Auch sonst plündert Tarantino hemmungslos alles, um es sich dann zu eigen zu machen: von John Woos „A Better Tomorrow 2“ bis zu Trashfilmen wie dem schwedischen „Thriller – A Cruel Picture“, von Mangas wie „Lady Snowblood“ bis hin zu Ennio Morricones Italowesternmusik. Seine Filme leben von der Summe ihrer Teile – auch wenn die nicht unbedingt ein harmonisches Ganzes ergeben.

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III. Gebot: Du sollst deinen Kosmos heiligen

Quentin Tarantino lebt in seinem eigenen Universum. Das gilt für sein Leben – und besonders für sein filmisches Schaffen. Die selbstreferenziellen Querverweise innerhalb seiner Filme erhöhen deren Realität im Sinne ihres Schöpfers. Darum ist Vic Vega (Michael Madsen) aus „Reservoir Dogs“ der Bruder von Vincent Vega (John Travolta) aus einem völlig anderen Film – nämlich „Pulp Fiction“. Darum hat der Schwertmacher Hattori Hanzo aus „Kill Bill“ auch das Katana von Bruce Willis in „Pulp Fiction“ geschmiedet. Darum ist der Klingelton von Rosario Dawsons Handy in „Death Proof“ das Stück „Twisted Nerve“ von Bernard Hermann, das eine Szene in „Kill Bill“ musikalisch untermalt. Für Tarantino sind diese Querverweise ein konsequentes Stilmittel, um seinen in sich geschlossenen Kosmos glaubwürdiger darzustellen.

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IV. Gebot: Du sollst das Böse ehren

Einen Antirealisten wie Tarantino langweilt es, Wirklichkeit abzubilden. Ihm geht Stil über Substanz – darum setzt er auf Mittel wie verschachtelte Zeitebenen, die Ästhetisierung von Gewalt und die Umkehr von Identifikationsmodellen. Diesem Regelwerk folgen all seine Filme, von seinem Regiedebüt „Reservoir Dogs“ (1992) über „Pulp Fiction“ (1994) bis hin zu „Kill Bill“ (2003). Seine Leidenschaft für sympathische Gangster und sympathische Bad Guys ist selbst in seinen Drehbüchern zu „True Romance“ (1993), „Natural Born Killers“ (1994) und „From Dusk Till Dawn“ (1996) klar verankert. Auch in „Inglourious Basterds“ ist die faszinierendste Figur der von Christoph Waltz gespielte Nazi Hans Landa. Bei Tarantino sind die Bösen die Helden.

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V. Gebot: Du sollst die Frauen begehren

Es gibt Filmkritiker, die Quentin Tarantino vorwerfen, er verachte Frauen. Blödsinn: Tarantino liebt Frauen – besonders die starken. Darum zählen die Oscar-Gewinnerinnen Mira Sorvino und Sofia Coppola, die „Kill Bill“- Darstellerin Julie Dreyfus und die US-Komikerinnen Kathy Griffin und Margaret Cho zu seinen Ex-Freundinnen. Es mag sein, dass im Universum des Filmemachers bisher kein Platz für Ehe und Kinder war. Aber Tarantino verklärt starke Frauenfiguren in seinen Filmen: Wenn Zoe Bell, Rosario Dawson und Tracie Thoms ihren Peiniger Kurt Russell zu Tode treten, Uma Thurman ihren Rachefeldzug gegen den Ex-Geliebten antritt und Mélanie Laurent Nazis auslöscht, sind „Death Proof“, „Kill Bill“ und „Inglourious Basterds“ im Kern postfeministische Manifeste.

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VI. Gebot: Du sollst keine Götter neben dir haben

Einer wie Quentin Tarantino bleibt sich treu. Darum können wir guten Gewissens prophezeien, dass er wohl niemals ein Beziehungsdrama oder eine romantische Komödie inszenieren wird. Überraschungen sind ausgeschlossen im Tarantino-Land – er vertraut nur seinen filmischen Bildern. Und er übernimmt mehr und mehr die absolute Kontrolle über seine Filme – in „Death Proof“ war er neben Autor, Regisseur, Produzent und Schauspieler auch zum ersten Mal sein eigener Kameramann. Er duldet keine anderen Götter neben sich. Selbst wenn Tarantino noch Partner wie sein Co-Produzent Lawrence Bender und seine Cutterin Sally Menke zur Seite stehen. Seine Wunschprojekte – unter anderem die Neuauflage von Russ Meyers „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ und der Gangster-Thriller „The Vega Brothers“, in dem Michael Madsen und John Travolta noch einmal ihre Rollen aus „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“ spielen sollen – zeigen: Einer wie Tarantino bleibt in seinem Kosmos. Und wird weiter allein nach seinen Geboten spielen.

Text: Eric Stahl