Das Leben von John, Jupiter, Jacob und Benjamin aus Kalifornien ist gerade ein einziger Rausch. Ihr Alltag kennt kein Früh und kein Spät, keine Routine, keine festen Regeln. Auf ihrer Tour durch Europa sehen sie jeden Tag neue Städte, Gesichter, Clubs und trinken Bier aus Flaschen, die von Land zu Land immer anders aussehen. Einziger Fixpunkt ist ihre Musik. Experimenteller Noiserock, der so weit am Mainstream vorbeischrammt wie möglich. In ihrer Heimat Echo Park in East L.A. sind Health die Stars der Undergroundszene, in Deutschland haben sie bislang erst in kleinen Clubs gespielt und gerade ihr Debütalbum „Get Color“ veröffentlicht. In zwei Tagen werden sie beim Berlin Festival zusammen mit Musikern wie Peter Doherty oder Jarvis Cocker zum ersten Mal vor großem Publikum auftreten und spüren, ob es auch in Europa mit dem Durchbruch klappen könnte. Alles ist möglich, nichts vorhersehbar.

Das gilt auch für die drei Berlinerinnen, mit denen sie heute vor der Kamera der Fotografin Hadley Hudson stehen. Palina arbeitet seit drei Monaten als Moderatorin bei MTV, Anna ist angehende Schauspielerin, und Claude strebt eine Karriere als Fotografin an. Was genau die Zukunft bringt, weiß keiner von ihnen so genau, aber das ist auch egal an diesem Abend, an dem nichts anderes zählt als Spaß und die Schönheit des Moments. John küsst Claude, ein Champagnerkorken knallt gegen die Zimmerdecke, und die Beastie Boys schreien „Sabotage“ aus den Lautsprechern. Gitarrist Jacob versucht zu umreißen, worum es der Band in ihrer Musik geht: „Unser Sound umfasst die ganze Palette an Emotionen: Wut, Freude, Aggressionen und Schmerz. Das Energielevel unserer Auftritte ist so hoch, dass wir kein zusätzliches Workout brauchen.“ Drei Wochen auf Tour, und die Band sei topfit, einzig an Schlaf würde es ihr meist fehlen. „Das liegt daran, dass wir nicht immer im Hotel übernachten, sondern oft bei Leuten aus dem Publikum. Die schmeißen dann Partys für uns, statt uns schlafen zu lassen.“

Video-Tipp: „Heaven“ von Health

Die meiste Zeit befände sich die Band jedoch in einem ganz natürlichen Endorphinrausch, der erst am letzten Tag der Tour ende. „Dann verfallen wir in Depressionen und brauchen mindestens zwei Wochen, bis wir uns wieder zu Hause eingelebt haben. Man verliert ganz einfach den Bezug zu seinem Alltag, wenn man sechs Wochen am Stück jeden Abend in einer anderen Stadt spielt“, so Schlagzeuger Jupiter. In Berlin gefalle es der Band besonders gut. „Die Stadt ist viel entspannter als Los Angeles, und man darf auf der Straße Bier trinken. Wir fühlen uns hier sehr frei.“ Regeln kennt auch ihre Musik nicht. Bei den Auftritten von Health verschwimmen die Grenzen zwischen Publikum und Band. Alles pumpt, alles kreischt, alles tanzt.

Wenn die vier Musiker auf der Bühne ihre Instrumente malträtieren und ins Mikro kreischen, vergessen sie alles um sich herum. Für manche Ohren mag ihre Musik wie ein Verkehrsunfall klingen, für ihre Fans ist sie überschäumende jugendliche Energie. Noch haben die Mittzwanziger genug davon in den Adern, doch sie wissen auch, dass ihre Karriere einmal zu Ende sein wird. „Sobald wir langweilig klingen, hören wir auf“, meint Jupiter. Im nächsten Moment ist er auf dem Bett unter Kissen und Frauen begraben, Benjamin hat High Heels im Gesicht, und John entkleidet sich für ein Foto bis auf die Unterhose. „Ich mache alles, was ihr wollt“, ruft er lachend und dreht die Musik lauter.
Aileen Tiedemann