Es ist Donnerstag, der 6. August 2009 um 16.24 Uhr, als die Journalistin Judith Liere auf Facebook eine Statusmeldung schreibt. „Da draußen muss was Schlimmes passiert sein, Twitter geht nicht mehr.“ Die Unruhe ist beträchtlich, die dieser Satz an einem bis dato ganz ruhigen Sommertag auslöst. In den Neunzigern hätte man, wenn irgendein Computersystem ausgefallen wäre, nur auf Bill Gates geschimpft. Heute muss man eine aufkommende Universalpanik niederkämpfen und öffnet gleichzeitig die Seiten von CNN, Spiegel Online und den N24-Livefeed. Wenn Twitter nicht mehr funktioniert, muss etwas passiert sein.

Diesen Zusammenhang verstehen weder unsere Eltern, noch hätten wir ihn letztes Jahr zur gleichen Zeit schon verstanden. In den letzten zwölf Monaten aber hat sich einiges verändert und so gut wie nichts verbessert: Das Sommerloch des vergangenen Jahres ging direkt in die Krisensaison 08/09 über, in der sich die Krisen aneinander ansteckten wie Briten an der Schweinegrippe. Das Archiv der „Süddeutschen Zeitung“ listet für diesen Zeitraum knapp 10000 Überschriften in deutschen Zeitungen auf, die das Wort „Krise“ enthielten. Und als Twitter im Juni zuletzt ins Stottern geriet, war der größte Popstar der Welt gestorben. Es musste also wieder etwas Schlimmes passiert sein an diesem 6. August. Es wäre ja auch kein Wunder, denkt man, während Spiegel Online noch seelenruhig mit irgendeiner Nebenoffensive der Amerikaner in Afghanistan titelt. Er ist ja streng genommen überfällig, der richtige Big Bang, und er könnte doch aus jeder verdammten Richtung kommen.

Ist die Weltbank doch pleite? Schwappt die Klimaflutwelle doch schneller als erwartet? Haben doch alle Terroristen gemeinsam Mallorca versenkt? Oder hat sich die Schweinegrippe endlich zu der Pest ausgebreitet, zu der sie seit Monaten gesteigert wird und die nicht nur in Regionalkrankenhäusern und auf asiatischen Flughäfen spürbar ist, sondern auch hier vor unserer Tür, also Albrechtstraße, Ecke Volkartstraße? Denn dort sieht man noch immer nichts, was auf die Vollzeitkrise und Beinahe-Apokalypse, an die wir glauben sollen, hinweisen würde. Eigentlich ist es da – Albrecht, Ecke Volkart – ziemlich friedlich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum wir uns eigentlich nicht mehr aus dem Haus trauen sollten und Breaking News unseren Herzschlag dramatisch nach oben schießen lassen.Dieser tägliche Widerspruch macht uns schizophren. Auf der einen Seite die theoretische Härte der Zeit, mit aktuell vier unwägbar großen Angstszenarien: Terror, Klima, Wirtschaft, Pandemie. Auf der anderen Seite ist jede einzelne dieser Bedrohungen so abstrakt und so vielleicht, dass sie unser tägliches Handeln kaum verändern. Nach einer durchschnittlichen Nachrichtenwoche der letzten Monate sollte man eigentlich das Haus nicht verlassen und gibt der Welt keine fünf Tage mehr. Zumal sich die Ängste ganz gut ergänzen: Wer wegen Klima oder Rezession nicht mit dem Auto fährt, setzt sich in der U-Bahn erhöhter Grippegefahr aus und fürchtet sich schließlich am Hauptbahnhof vor allein stehenden Koffern.

Ein komplexes System der Verunsicherung, das draußen wartet. Trotzdem verlässt man das Haus, trotzdem lebt man. Das schon sprichwörtliche „Von wegen Klimawandel!“, wenn es wieder richtig kalt ist, das alberne „Hilfe, Schweinegrippe!“, sobald der Bürokollege niest, und der verschämte Blick am Air-Berlin-Gate, ob vielleicht andere Passagiere wie Radikal-Islamisten aussehen – das sind doch unsere einzigen lebensweltlichen Reaktionen auf die dauerschlechten Nachrichten. Die richtige, breitflächige Existenzangst, sie ist irgendwo zwischen den Brennpunkten und Breaking News auf der Strecke geblieben. Gut, jeder kennt einen bis drei Menschen, deren Grafikbüro gerade „nicht so gut“ läuft oder die tatsächlich ihren Job verloren haben. Wenn man sie anruft, sagen sie: Wird schon wieder besser werden, und man verabredet sich zum Grillen. Aber das Karstadt-Haus am Eck hat immer noch offen, der neue Quelle-Katalog liegt wie immer im Treppenhaus. In den Aktiendepots ist weniger Geld als vor einem Jahr, aber schon geht die Kurskurve, die man auf dem iPhone angezeigt bekommt, wieder nach oben.

Was von den vielen angekündigten Krisen und Katastrophen also bleibt, ist keine tatsächliche Einschränkung, sondern ein grundsätzlich unsicheres Grundgefühl, ein stetes Unbehagen. Das ist vielleicht noch schlimmer als jede Panik, denn es wird sich entweder zu einer Alles-egal-Haltung oder zu einer Schreckstarre auswachsen. Besonders betroffen ist davon die junge Generation, die allen Prognosen zufolge weder in den Genuss von Schnee noch einer Rente kommen wird. Wir wegsuchenden Nachrückenden sind nicht nur für Verunsicherung empfänglicher, sondern auch erreichbarer und umzingelter, als es unsere Eltern je waren. Seit uns die Nachrichten überall erwischen, seit die Nachrichtenticker der Agenturen quasi eins zu eins ins Netz gestellt werden, seit auf dem Handy Eilmeldungen mit der Headline „Bombenterror auf Mallorca“ aufploppen und die Laufbänder am Flughafen ständig Breaking News vermelden, herrscht bei uns ständig Fluchtbereitschaft.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie Medien Meldungen nach deren Hysterietauglichkeit abgeklopfen und uns dazu bringen, akut Existenzangst zu bekommen, Lebensmittel zu bunkern und ein Golddepot anzulegen.Die Berichterstattung scheint sich jeweils auf das Abklopfen auf die potenziell schlimmste Auswirkung einer Nachricht spezialisiert zu haben. Im Herbst 2008 etwa wurde das Einschalten des Teilchenbeschleunigers im CERN von nicht wenigen Medien zum Anlass genommen, mal eben über das nahende Ende der Welt zu spekulieren. So eine kurzzeitige Angstlawine verschüttet dann jeweils auch problemlos die bis dato befeuerten Ängste, vertreibt sie gewissermaßen von der Spitze der Panik-Charts. Die Trommelei zur Schweinegrippe schien wie die willkommene Ablösung der Wirtschaftskrisennachrichten, in einer Zeit, in der der ARD auch der Rauswurf Jürgen Klinsmanns beim FC Bayern schon genug Grund für einen Brennpunkt bot. Die Themen werden vorrangig auf ihre Hysterietauglichkeit abgeklopft und nicht auf ihre tatsächliche Bedeutung. Schon jetzt hat man das Rauschen im Ohr, das der erste deutsche Schweinegrippe-Tote verursachen wird – Hysterietauglichkeit: enorm. 15000 Todesfälle dagegen, die das Robert-Koch-Institut in einem normalen Grippejahr in Deutschland zählt – Hysterietauglichkeit: null.

Etwas Neues sind öffentliche Angstszenarien nicht, im Gegenteil, sie unterliegen sogar Trends wie Wintermäntel und Autos. Jede Zeit hat ihre Top-Angst, unsere allerdings hat gleich vier oder fünf gleichwertige Top-Ängste, das macht es so anstrengend, die Zeitung aufzuschlagen. Bisher kam das alles schön hintereinander: Kalter Krieg, Tschernobyl, saurer Regen und Waldsterben, Aids, Fuchsbandwurm, BSE und die beinahe kultverdächtige Computerhysterie „Y2K“ zur Jahrtausendwende. Kann sich daran noch jemand erinnern? Das Ende des Computerzeitalters, der Zusammenbruch der Netze wurde 1999 beschworen, und verängstigte Besitzer von Windows-95-PCs kauften sich ein Sicherheits-Kit, um den Crash mit einem blauen Auge zu überstehen, die Firmen rüsteten sich mit neuen Geräten aus, die auch über den Jahrtausendwechsel hinaus bestehen konnten. Was geschah? Nichts. Alles lief weiter, die Ampeln schalteten, die Heizkraftwerke heizten. Nur der Verkauf von Bürogeräten brach in den Folgejahren massiv ein, weil sich alle Menschen vor der Jahrtausendwende neu ausgestattet hatten.

Wir haben uns mittlerweile an die schlimmsten Prognosen gewöhnt. „Die Zeichen mehren sich, dass die aktuelle Wirtschaftskrise schlimmer wird als die Große Depression“, stand am 11. Februar ganz vorne in der „Financial Times“. Ein guter Grund, am folgenden Tag letzte Zeitzeugen von damals nach Überlebenstipps zu befragen. Und ein guter Grund für alle Menschen, die nicht mal halb so alt waren, für ein paar Tage in akute Existenzangst zu verfallen, Lebensmittel zu bunkern und ein Golddepot anzulegen. Prompt wurde man auf diese Weise Teil der sich selbst erfüllenden Prophezeiung, zu der die ganze Krise geworden war, veränderte den Goldkurs und stützte den Einzelhandel. Okay, dachte man später, war das jetzt schlimmer als die Große Depression? Wie verhalten wir uns, wenn Spiegel Online das nächste Mal die Indizes und Erwartungen „dramatisch“ in die tiefsten Keller rauschen lässt? Die Vermutung liegt nahe, dass wir irgendwann gar nichts mehr glauben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum wir als Volk zum Spielball der Panikmacher werden, aber eigentlich endlich gelassener werden sollten.Darin liegt genau die Gefahr unserer unterschwelligen Dauerangst. Sie verkommt zu einem Normalgefühl, das völlig stumpf macht gegenüber einer wirklichen Bedrohung und uns unseres Einschätzungsvermögens beraubt. Das Volk als Spielball der Panikmacher. Heute sollen wir Gold kaufen, morgen die Tamiflu-Packung bunkern und den Mallorca-Flug stornieren. Nicht, dass wir das alles schon befolgen, aber immerhin denken wir schon darüber nach. Es fehlt uns ein wenig das, was unsere Eltern gesunden Menschenverstand nennen. Und den müssen wir uns wieder antrainieren. Die eigene Nachrichtenzufuhr entschleunigen und wieder Handelnder bei der Auswahl der Medien werden, statt das passive Auffangbecken zu sein, das von allen Displays und Zeitungskästen schlechte Nachrichten schluckt und allen Experten glaubt. Nur wer sich ausgewogen informiert, ist auch in der Lage, die Bedeutung der zukünftigen Krisen für sein eigenes Leben runterzubrechen.

Die Medien geben die gesamte Weltlage wieder, aber man selber ist nur ein ganz kleiner Teil dieser Welt. Wir müssen deswegen sortieren: Was mich nicht betrifft, muss mich erst mal auch nicht sorgen. Wenn der Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko dazu führt, dass wir hier kein Schweinefleisch mehr kaufen und mexikanische Restaurants meiden, läuft etwas falsch. Wir müssen gelassener werden. An jenem Nachmittag im August 2009, an dem Twitter nicht mehr funktionierte, war übrigens gar nichts Schlimmes passiert. Die Schlagzeile von Spiegel Online änderte sich bis zum Abend nicht. Es war nur ein Hacker aus Georgien, der alles durcheinanderbrachte und dem es gelungen war, unter jungen Menschen mehr Angst zu verbreiten als mehrere CNN-Laufbänder übereinander.
Max Scharnigg