Vor gut einem Jahr sorgte ein Video des Popduos Hurts in Musikblogs für Aufsehen. Mit seiner minimalistischen Inszenierung wirkte der Schwarzweiß-Clip zu „Wonderful Life“ herrlich mysteriös: Die Musiker Theo Hutchcraft und Adam Anderson stehen in Anzügen starr hinter Mikrofon und Keyboard vor einer ansonsten kargen Kulisse. Im Kontrast dazu legt eine Frau im schwarzen Spitzenkleid einen improvisierten Ausdruckstanz hin. Die Musik, die dazu tönt, ist ohrenschmeichelnder Electropop. Sie erinnert an „Joan Of Arc“ von OMD oder Duran Durans „Rio“ – und lässt sich doch nicht so einfach in der britischen New-Wave-Szene der Achtziger verorten. Eine gute Portion entschleunigter Italo-Disco hat sich eingeschlichen. Hurts sind clever genug, um daraus ihre eigene Legende zu stricken. „Im Urlaub in Verona trafen wir diesen merkwürdigen DJ. Er erklärte uns eine Stunde lang, dass unser Musikstil ‚Disco Lento‘ sei“, erzählt der stramm gekämmte Sänger Hutchcraft.

Zurück in England fanden sie nichts über das vermeintliche Genre. Vermutlich hat auch Achtziger-Jahre-Star Gazebo noch nie davon gehört, dass sein „I Like Chopin“ unter selbige Kategorie fallen soll: Der Wikipedia-Eintrag zu „Disco Lento“ existiert nicht länger als Hurts selbst. Doch die Wortschöpfung transportiert die Eleganz und unmittelbare Emotionalität, mit der das Duo aus Manchester den Pop bereichert.

Video-Tipp: „Wonderful Life“ von Hurts

„Happiness“ heißt ihr Debüt – auch wenn es klingt wie in Melancholie gebadet. „Das ganze Album handelt davon, dem Glück hinterherzujagen. „Das ist oftmals eine traurige Reise“, sagt Hutchcraft und verweist auf die eigene Bandbiografie. Anfang letzten Jahres noch trugen sie ihre Secondhand-Anzüge, um sich beim Gang zum Arbeitsamt die Menschenwürde zu erhalten. Heute posieren sie in der Klamotte als Anwärter auf den Popthron 2010.

Derlei Kontraste ziehen sich durch ihr gesamtes Schaffen. Hurts machen Radiopop und sind dennoch individuell. Sie nennen so unterschiedliche Einflüsse wie Take That und Joy Division. Sie frönen Disco, aber tanzen eher Walzer. Sie halten ihre Musik einfach, erzielen aber große Wirkung. „Eine emotionale Pophymne zu schreiben und sie in einer trostlosen Umgebung auszusetzen – das macht unsere Musik erst mächtig“, sagt Hutchcraft. „Das ist ein bisschen wie bei David Lynch: Auch er bringt normale, fröhliche Dinge in einen absurden, dunklen Kontext.“ So rücken Hurts im Song „Better Than Love“ sogar die Liebe ins Abseits. Hinter dem Liedtitel „Wonderful Life“ verstecken sie einen Selbstmord. Auch wenn für ihre Single mittlerweile ein Farbvideo an einem Luxuspool auf Ibiza gedreht wurde, das die Kontraste aufweicht: Hurts sind das Spannendste, was das andauernde Achtziger-Revival hervorgebracht hat.

Katja Schwemmers