Von wegen, in L.A. geht niemand zu Fuß!“ Mel donnert ihren Kaffeepott auf den Tisch. „Das waren mindestens fünf Blocks. Und dann auch noch mit Gepäck!“ Die Versicherungsmaklerin sitzt im „Angelique Café“, einer plüschigen Institution in Downtown L.A., gleich um die Ecke vom legendären Filmtempel Orpheum Theatre: erschöpft. Dabei ist heute Mels freier Tag – und es noch nicht einmal Mittag. Aber ein Designer-Sample-Ausverkauf schlaucht. Vor allem wenn sich die Schnäppchen-Jagd wie im „California Market Center“ über sieben Etagen erstreckt.

Bar-Mann Brian bringt „Eggs Benedict“ und Kaffee „Americano“, schwarz: „Hier, Kraftfutter.“ Zum Lippen-Piercing trägt Brian ein Shirt mit der Aufschrift „F**k Hollywood“. Wer in Downtown lebt, hat für den überkandidelten Entertainment-Zirkus zwischen Sunset Boulevard und Franklin Avenue wenig übrig. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich auf dem Broadway um die Ecke bis zum Zweiten Weltkrieg die weltweit größte Anzahl von Premieren-Kinos befand. Doch das ist eine Ewigkeit her.

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Heute ist Downtown L.A., wozu auch der älteste Teil der Metropole, das 1781 gegründete Pueblo de Los Angeles, zählt, ein unübersichtliches Konglomerat aus 15 Distrikten – darunter Bunker Hill mit seinen Theatern, der Walt Disney Concert Hall und dem höchsten Wolkenkratzer (310 Meter) der Stadt. Hier liegen Chinatown, Little Tokyo, das Warehouse-Viertel mit der Obdachlosen-Meile Skid Row und die Arts-, Fashion-, Jewelry- und Toy-Districts, deren Namen Programm sind. Historisches Herz und derzeit Darling junger Kreativer: der „Historic Core“. Dort, in den einst von illegalen Einwanderern und Obdachlosen bevölkerten Straßen, hat sich in den vergangenen Jahren eine enthusiastische Künstlerszene etabliert, mit putzigen Pop-up-Läden, schrägen Galerien, kleinen Restaurants und versteckten Souterrain-Bars, in denen die Musik und der Stil der 20er-Jahre zelebriert und Burlesque getanzt wird. Motto: Spaß mit Stil.

Mel trottet die Neunte Straße Richtung Santee Street hinunter, einer neuen kleinen Welt entgegen: In der Santee Alley, in einem Gewirr von Bruchbuden, die scheinbar nur noch von verwegen gespannten Stromleitungen zusammengehalten werden, versteckt sich ein stets proppenvoller mexikanischer Straßenmarkt. Durch die rund 200 Lädchen wuseln Latinos, Hipster mit Fedoa-Hüten und tätowierte Gang-Kids. Ein paar verirrte Touristen aus dem mittleren Westen der USA bestaunen die eigentümliche Angebotspalette aus bedruckten T-Shirts und Wasserpfeifen, aus Plastikspielzeug, Rüschenkleidern und Formunterwäsche. Es riecht nach frischen Tortillas, Diesel und Gummisandalen. Man spricht Spanisch oder mit Händen und Füßen.

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Mel hastet vorbei an den billigen koreanischen Modeschmuck-Läden, die sich um die Ecke wie Plastikperlen aneinanderreihen, auf die Main Street. Statt Mexiko-City- herrscht hier New-York-Flair. Für einen Freitagnachmittag im Herzen einer Großstadt geht es recht beschaulich zu. Vor „Big Man Bakes“ hat es sich der „dicke Mann“, Besitzer Chip, gemütlich gemacht und preist seine hausgebackenen Kuchen nach Geheimrezepten von Mama an: „Ein Leben ohne Cupcakes ist möglich, aber sinnlos, oder?“, fragt er und packt zweimal Geschmacksrichtung „Blue Velvet“ ein. Bis vor Kurzem war sein Laden ein beliebter Stopp beim allmonatlichen Downtown Art Walk, einem kunterbunten Galerie- und Straßenfest. Das viel Schrott gezeigt wurde, störte keinen, schließlich konnte man sich den ja schöntrinken. Doch im Oktober war Schluss mit Feiern. Begründung: Der Art Walk sei zu groß und ausufernd geworden. Die Fans waren fassungslos.

Wenn auch die Zeit der nächtlichen Straßenfeste vorerst vorbei ist: Im Vorbeigehen ein bisschen Kunst gucken und eine Runde mit den äußerst mitteilungsbedürftigen Ausstellern über das Leben philosophieren kann man trotzdem noch vortrefflich. Die Galerien von jungen Wilden oder zumindest wild Ambitionierten tragen Namen wie Art Slave, Red Dot und The Hive. Spaß mit Stil eben. Einer der umtriebigsten Galeristen ist Edgar Valera, der in seiner Galerie „EVFA“ auch deutsche und österreichische Künstler ausstellt. Seine Vernissage-Partys sind stadtbekannt.

„Gehen wir ins ‚Edison‘, da gibt’s Live-Swing“, schlägt Mel vor und stopft die bei „EVFA“ eingesammelten Flyer in ihre Handtasche. Zwei Blocks vom Broadway in der Zweiten Straße liegt, versteckt in einer Gasse, die schönste Bar Downtowns. Eine Stahltreppe führt hinab in ein ehemaliges Kraftwerk und zurück in die frühen 20er-Jahre. Es laufen Stummfilme, und während der Happy Hour gibt es einen Martini zum Rezessionspreis: 25 Cent. Die Gäste, gern in Hut, Anzug oder Cocktail-Kleid, sitzen zwischen Generatoren anno 1910. Im „Edison“ herrscht, wie in vielen Downtown-Bars, ein strikter Dress-Code: Shorts und Turnschuhe sind tabu.

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Leicht angeglüht klackert Mel zwischen Brownstone-Häusern dem „Cole’s“ entgegen. Die schummrige Diner-Bar von 1909 birgt im Hinterzimmer ein noch schummerigeres Geheimnis: „The Varnish“, eine kleine, fensterlose Prohibitions-Bar. Der Charlston klingt hier wie vom Grammofon, Öllampen flackern, Hollywood-Hektik ist weit weg. Bis der kleine Hunger kommt.

Mel schwankt zwischen dem Crocker Club in einem ehemaligen Banktresor und dem „Nickel Diner“ – Letzteres gewinnt. Wie viele Betreiber kleiner Restaurants hat auch der „Nickel“-Inhaber keine Alkoholschanklizenz, und das ist in Mels Fall auch gut so. Die altmodischen Sodapops machen sie nüchtern, während sie auf gehaltvolle Kleinigkeiten aus dem „Soak Up The Alcohol“-Menü wartet. Gesättigt läuft sie durch Neonreklame beleuchtete Straßenschluchten zur Flower Street: wieder einer neuen Welt entgegen, diesmal im 70er-Jahre-Stil.

Am Pershing Square werden ihr die Füße schwer. „Vielleicht sollten wir doch die Metro nehmen?“, überlegt Mel. Dann feuert sie sich selbst an: „Ach, was soll’s! Sind ja nur noch vier Blocks.“ Kurze Zeit später stecken ihre Füße im Pool der „Rooftop“-Bar des „The Standard Downtown“-Hotels, in dem Britney Spears mal oben ohne planschte. „Ich hol‘ mir noch ein Bier“, murmelt sie, während sie sich auf den quietschgrünen Kunstrasen fläzt und das nächtliche City-Panorama ignoriert. „Und falls auf dem Weg zur Bar irgendjemand behauptet, in L.A. ginge niemand zu Fuß, trete ich ihm kräftig in den Hintern!“

Angela Zierow