Für manche ist es ein undurchdringlicher Dschungel, für andere – wie mich – der Himmel auf Erden: Wenn am 10. Februar mit der Premiere von „True Grit“ von den genialen Coen-Brüdern die 61. Internationalen Filmfestspiele mit Starreigen auf dem Roten Teppich eröffnet werden, beginnt für mich eine Zeit des totalen Ausnahmezustands. Schon um 9 Uhr morgens geht es los mit den ersten Pressevorführungen. Jeder „normale“ Besucher sollte dann schon längst in der Schlange an den Ticketkassen in den Potsdamer-Platz- Arkaden stehen, um sich mit viel Glück eines der raren Tickets für die glanzvollen Premieren des Berlinale-Wettbewerbs zu sichern, die im zum Kino umfunktionierten Musical- Theater am Marlene-Dietrich-Platz (großes Foto) gezeigt werden.

Die größte Entdeckung war für mich jedoch die Sektion Forum, als ich Ende der 90er Jahre zum ersten Mal in den Filmfest-Trubel eingetaucht bin. Einen realistischen, oft erschreckenden, manchmal sehr persönlichen und immer wieder aufwühlenden Einblick in die große, weite Welt – das bietet auch in diesem Jahr das Forum. „Requiem“-Darstellerin Sandra Hüller wird hier mit großer physischer Präsenz in ihrer ersten englischsprachigen Rolle zu sehen sein. Sogar bis in Museen schafft es das Filmfest mit dem Forum Expanded, in dem der Grenzbereich zwischen Film und Kunst neu definiert wird. Auf die Bühne des HAU kommt mit Genesis Breyer P-Orridge ein Künstler, der seine Umwandlung zur Frau als Kunstprojekt versteht und mit einer Doku im Programm des Forums vorgestellt wird.

Auch so kommt einem die Welt näher: durch die internationalen Stars, denen die Fotografen wieder penetrant hinterherjagen werden. Ihre Welt lässt sich am ehesten beim großen Wettbewerb der Berlinale erahnen. Wo durchaus mainstreamtaugliche, anspruchsvolle Weltpremieren um die Bären des Festivals rangeln, während im Panorama eher Tendenzen des Arthouse-Kinos aufgezeigt werden. Wie eigentlich alle Sektionen der Berlinale ist auch das Panorama stets eine politische. Vor allem hier wird überdies nach den Filmen geschaut, die für den putzigen Teddy Award in Frage kommen. Der wird verliehen für Filme mit queeren Themen. Die Preisverleihung ist für viele die Party der Berlinale. Gut möglich, dass Rosa von Praunheims Doku „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“ über Stricher aus dem Ostblock hier Chancen hat.

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Gespannt bin ich auf „Lollipop Monster“, das Filmdebüt der Berliner Comic-Künstlerin Ziska Riemann, zu sehen in der Sektion Perspektive Deutsches Kino, die gerade ihr 10. Jubiläum feiern kann. Elf frische Produktionen wurden dafür ausgewählt, die einmal mehr das Innenleben jüngerer Generationen porträtieren. Blaukraut oder Rotkohl, das wird hier die Frage: Anna Hepp bietet in ihrer gleichnamigen Doku Ruhrgebietshumor zu regionalen Spracheigenheiten. Oder ist am Ende doch alles einfach grün? Das Kulinarische Kino ist so etwas wie das grüne Gewissen des ohnehin auf mehr Umweltschutz drängenden Festivals. Wieder wird gelten, was Berlinale-Chef Dieter Kosslick schon 2010 vehement formulierte: „Wir zeigen Filme, die Appetit machen, aber auch Filme, die den Appetit verderben.“ Denn eingeführt wurde diese besondere Reihe 2007, um aufzuklären über die, wie Kosslick sagt, „katastrophale Lage der Ernährung in der Welt“.

Die erstaunlich medienscheue Fotografin Nan Goldin wird Mitglied der Kurzfilmjury sein, die unter den Beiträgen der Sektion Shorts Bären vergeben darf. In den in Kurzfilmprogrammen präsentierten Beiträgen dieser Sektion kann man binnen kürzester Zeit alle Facetten des Kinos kennenlernen – und dabei lachen, weinen, glücklich sein Verkehrte Welt. Tolle Welt. Ausnahmezustand. Bis bald. Im Kino!

Unsere Autorin Karen Grunow wird zehn Tage lang, bewaffnet mit fettem Stullenpaket, von morgens bis mitternachts Dutzende Kinosessel der Stadt testen. Und darüber auf prinz.de live berichten.