PRINZ: Eure Debüt-LP „Routes to Riches“ (Wege zum Reichtum) wird in ein paar Tagen veröffentlicht. Auf welchen Reichtum bezieht Ihr euch?
Mama’s Gun: Diamanten, Gold und andere kostbare Dinge, eigentlich akzeptieren wir nur Diamanten aus afrikanischen Minen, für die Leute sterben mussten. Nein im Ernst, mit Reichtum meinen wir etwas anderes.
Andy: Ich habe die meisten Songs geschrieben. Mein halbes Leben lang wurde ich um die Welt geschleppt, habe an vielen verschiedenen Orten gewohnt. Reichtum bezieht sich auf keine spirituelle Erleuchtung oder so etwas Pathetisches. Wenn aber Musik der rote Faden war, der mich zu dem machte, was ich heute bin, dann war das der Weg zu meinem Reichtum.

PRINZ: Wenn man Statements von euch hört, scheint ihr ziemlich auf dem Boden geblieben zu sein. Ihr räumt ein, dass es große Musiker vor euch gab, auf deren Pfaden ihr wandelt und dass ihr das Rad nicht erst neu erfunden habt. Ist das der einzige Weg glaubhaft zu bleiben?
Mama’s Gun: Das wäre eine gute Frage für eine Doktorarbeit. Also lasst uns diskutieren. Das würde ja bedeuten, dass wir bereits glaubhaft sind. Hervorragend. Ich hoffe, dass unsere Musik ehrlich ist, eine aufrichtige Reflektion unserer eigenen Geschichte als Musiker und Individuen. Wenn wir dabei ehrlich sind, bewahren wir uns Glaubwürdigkeit. Gäben wir vor, jemand zu sein, der wir nicht sind, würden wir sie verlieren. Natürlich gab es große Musiker und man kann sich nur bemühen und versuchen so etwas wie sie zu erreichen. Man muss arbeiten und sich bis an seine Grenzen als Musiker entwickeln, dabei aber ehrlich zu sich selbst sein.

Die Leute sind nicht dumm, die riechen es hundert Meter gegen den Wind, wenn man ihnen großen Mist als etwas Tolles verkaufen möchte. Aber wenn jemand mit großem um die Ecke kommt, dann spüren sie das ebenfalls. Das Risiko ist immer, dass man gekünstelt oder die Ernsthaftigkeit gestellt wirken könnte. Aber es ist so offensichtlich, ob ein Künstler ehrlich zu sich selbst oder zu seinem Publikum ist. Man spürt so etwas. So muss es auch sein. Dass man von seiner Musik leben kann, ist ein Geschenk. Da sind wir wieder bei dem gerade beschrieben Reichtum, den man wertschätzen muss. Wir hatten keinen großen Produzenten an Bord, der dem Ganzen seinen eigenen Sound gegeben hat, der nicht unser ist. Es waren vor allem Andy und Julien, wir leisten alle unseren eigenen Input und da liegt die Glaubwürdigkeit unserer Ansicht nach ebenfalls begründet.

Video-Tipp: „You Are The Music“ von Mama’s Gun

PRINZ: Ihr bezeichnet euch offen als Popmusiker und habt keine Angst vor diesem Namen – mit all seinen negativen Konnotationen?
Mama’s Gun: Viele Leute denken, Pop wäre ein schmutziges Wort. Es bedeutet für viele verschiedene Leute unterschiedliche Dinge, etwas wie Glanzvoll, Top 20, chartkompatible Musik, die deine Mutter kauft. Aber Popmusik ist einfach alles, so muss man es sehen.
Jack: Für mich ist Pop wie Folk Music. Folk war soziale Musik, welche die Leute spielten. Sie hat sich entwickelt, doch sie spiegelt immer noch die Gesellschaft wieder. Wenn sie kommerziell wird, dann reflektiert sie eben wie kommerziell die ganze Gesellschaft geworden ist. So ist Popmusik auch soziale Reflektion. Man bekommt, wonach man verlangt, was aber nicht heißt, dass dabei alles schlecht ist. Denn die gesamte Gesellschaft ist schließlich auch nicht schlecht. Soweit meine Definition von Pop und nach dieser Definition bezeichne ich Mama’s Gun gern als Pop. Wir arbeiten auf unserem Album mit einer dreieinhalb bis vierminütigen, wieder erkennbaren Struktur und die Idee ist es, dies im Folk-Bewusstsein zu verankern. Es gab eine Zeit in der westeuropäischen Tradition, in der Musik das ganze Leben begleitet hat: Beerdigungssongs, Geburtstagssongs, Wintersongs. Wir begleiten dies nicht so sehr mit Popmusik, aber man hört den blechernen Sound aus den iPods von den Leuten in der U-Bahn, die diesen Folk-Gedanken mittragen. Man sieht Kinder an der Bushaltestelle freestylen. Auch sie integrieren sich in dieses Folkkontinuum, in dem wir arbeiten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was Mama’s Gun von der britischen Musikszene halten und warum sie als Support für einfach jede Band funktionieren würden.
PRINZ: In England habt ihr bereits großen Erfolg. Britische Radiosender spielen eure Songs rauf und runter. Wie fühlt es sich an, so viel Anerkennung in der Heimat zu bekommen?
Mama’s Gun: Es ist aufregend. Es gibt kein besseres Gefühl als zum ersten Mal deinen eigenen Song im Radio zu hören. Danke an BBC. Der Typ dort moderierte den Song mehr als eine Minute an und sagte, besser als dieser Song könne nichts sein. Andy sprang im Garten auf und ab. Großartig, es ist ein einzigartiger Moment. Man lebt seinen Traum.

PRINZ: Denkt ihr, Euer Musikstil würde auch im Ausland funktionieren? Könnt ihr euch dort den gleichen Erfolg vorstellen?
Mama’s Gun: Natürlich, auf jeden Fall. Wir kennen Leute auf der ganzen Welt, die sind musikalisch sehr aufgeschlossen. Sie lieben Rock, Pop und auch Jazz. Warum sollten wir sie nicht überzeugen können. Wir waren schon Nummer 1 in den Airplaycharts in Indonesien mit unserer ersten Single, das war verrückt genug. Wir waren dort noch nie und kennen dort auch keinen Menschen. Generell wollen wir mit der Musik eine gute Zeit haben und laden das Publikum herzlich dazu ein, sich anzuschließen. Den Leuten dies anzubieten, ist eine überall verständliche Botschaft. Wenn sie uns ansteckend finden und uns immer wieder sehen wollen und ihren Freunden erzählen, dies ebenfalls zu tun, wenn sie eine gute Zeit haben wollen mit guter Musik, dann ist das großartig. Überall auf der Welt wollen Leute zusammen ihre Zeit genießen und gute Musik hören. Wir hatten immer vermutet, unsere Musik würde auf dem europäischen Festland und darüber hinaus besser ankommen als zu Hause, denn in Großbritannien ist es schwer, diese mit der Art zu vereinbaren, wie Livemusik rezipiert wird und der Einstellung zu Musik, die neu herauskommt. Es passt einfach in keine Schublade, wandelt auf keinem Trendpfad und bei uns kommt es sehr darauf an, sich in einem Trend zu verorten. Wenn man heute nicht auf irgendwelchen Bildern Koks von irgendwelchen Brüsten schnupft, ist man ein Niemand. Das ist eine traurige Erkenntnis. Versteh uns nicht falsch, wir lieben die britische Musikszene, sie ist wunderbar, aber es nicht die beste Entwicklung, Bands nicht zu unterstützen, die versuchen, neben diesem Mainstream mit Gitarrenbands oder fabrikerzeugten Pop-Acts mit anderer Musik zu bestehen. Auf dem Festland scheint man aufgeschlossener zu sein, wenn jemand mit Genregrenzen experimentiert wie wir.

PRINZ: Seht ihr das Konzert in der 02 World On Tour als eine solche Chance, die restliche Welt von euch zu überzeugen?
Mama’s Gun: Absolut, es ist so ein Privileg zu einem solchen Konzert eingeladen zu werden, die Chance zu bekommen mit einem so dermaßen anerkannten Act und vor seinem Publikum zu spielen. In Deutschland könnten wir kaum mit einer größeren Band auftreten. Das ist so ein Privileg. Man erreicht an einem Abend so viele Menschen, als würde man sechs Monate lang auf eigene Faust touren. Beim „Heimspiel“ in Stuttgart spielten wir vor etwa 40.000 Zuschauern, wie viele kleine Konzerte hätte es dafür gebraucht. Das ist einmalig und eine große Ehre für uns und nicht eine Sekunde würden wir das für eine Selbstverständlichkeit halten. Normalerweise bekommt eine Band so eine Gelegenheit nicht, das passiert einfach nicht. Die Resonanz hier in Deutschland ist toll. Die Leute mögen unsere Musik, was uns natürlich auch immer wieder hierher treiben wird.

PRINZ: Findet ihr es interessant, im Vorprogramm einer Band zu spielen, die einen komplett anderen Musikstil hat?
Mama’s Gun: Das ist gut so. Wir haben etliche Supportgigs mit Bands gespielt, deren Musik völlig anders war als unsere. Gerade da ist es eine richtige Mission, das Publikum für dich zu begeistern. Wenn wir unsere Zeit gespielt haben, dann hoffen wir, dass die Leute verstehen, was wir tun und es mögen. Das lief bisher jedes Mal sehr gut – auch mit musikalisch völlig anderen Bands. Das sagt aber auch viel über uns aus. Ein Rockact bekommt normalerweise einen Rockact als Support. Wir haben Funk-, Pop-, Rock-, Jazz-, HipHop-Bands supportet und es schien immer zu passen. Wahrscheinlich verstehen die Leute unsere uns selbst gestellte Aufgabe, ihnen einfach eine gute Zeit zu bereiten.
Tim Pommerenke

Über den Autor: Tim Pommerenke wurde auf seiner immerwährenden Suche nach interessanten neuen Bands auf der o2 World on Tour mit Mama’s Gun endlich fündig.