Liebe geht durch den Magen? Ja. Aber sie geht auch durch den Hals, durch die Ohren, durch Augen, Hände, Arme, Kopf, Fleisch, Körper, Geist, Knie, Augen, Füße. Und immer wieder: durchs Herz. Gezählte 23 Mal taucht das menschliche Herz namentlich in den zwölf Songs des Debüts von Mumford & Sons aus London auf. Und das in allen erdenklichen Variationen: Von Tälern des Herzens ist da die Rede, von versiegelten und liebenden Herzen, aber auch vom verlorenen, schreienden Herz: „But you rip it from my hands, and you swear it’s all gone / And you rip out all I have, just to say that you’ve won“, ruft Sänger Marcus Mumford in „I Gave You All“. Die Verzweiflung in seiner whiskygeschwängerten Stimme hinterlässt Schauer im eigenen Herzen. Wann hat man selbst das letzte Mal so aufrichtig gelebt, geliebt und gelitten?

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Mumford & Sons ist nicht die erste Band, die in ihren Songs den Kampf mit der Liebe aufnimmt. Lange aber hat sich keine mehr so leidenschaftlich ins Gefecht gestürzt. Ihre Lieder besitzen das Harmonische, Entrückte der Fleet Foxes und das Rohe, Ungebremste der Kings Of Leon. Sie pendeln zwischen zerbrechlich und fuchsteufelswild. Mumford muss nicht lange überlegen, um den wichtigsten Effekt seiner Musik zu benennen: „Katharsis. Ich liebe das Wort und seine Bedeutung der inneren Reinigung. Ich habe mich an der Uni viel mit griechischer Literatur auseinandergesetzt. Katharsis ist eine Sache, an die ich fest glaube.“

2007 gründete Mumford in London mit seinen Schulfreunden Ben Lovett, Country Winston und Ted Dwane die Band. Der Name sei eher ein Versehen. „Wir haben ihn zum Spaß genommen und sind dann einfach dabei geblieben“, gibt Mumford zu, der ansonsten viel Wert auf eine präzise Begriffswahl legt. „Wir machen lyrische Musik. Da ist jedes Wort wichtig. Ich bin fasziniert davon, wie Wörter funktionieren und welche Gefühle sie auslösen.“

So scheut die Band in ihren Texten nicht vor großen Referenzen zurück. Der Titel „Sigh No More“ ist William Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ entnommen, und in dem Song „Dust Bowl Dance“ kam die Inspiration von John Steinbecks „Früchte des Zorns“. Texte, die problemlos in Mumfords Literaturseminare gepasst hätten.Dem Sänger liegt es fern, sich deshalb zum Poeten der Folkmusik zu stilisieren. „Liebe ist nie einfach, und Gefühle sind komplex. Wo Hoffnung ist, ist Trauer nicht weit“, sagt er. „Es tun sich Abgründe auf, aber am Ende kann etwas Versöhnliches stehen. Klingt das nach Hochkultur? Nein, oder? So ist doch das Leben!“ Stimmt. Nur hat es lange niemand mehr so mitreißend verpackt.
Nico Cramer