Es ist Samstagnacht, drei Uhr, und der Club tobt. Die Luft flirrt, und im spärlichen Licht recken schwitzende Körper die Arme zu kraftvollen House-Rhythmen in die Luft. Eine Party am Siedepunkt. Kein Tänzer duldet Ruhepausen, der DJ mixt sich hochkonzentriert von Höhepunkt zu Höhepunkt mit einer Miene, als würde er gerade eine Matheklausur schreiben. Plötzlich schmuggelt sich ein junger Mann in die DJ-Kabine, verkabelt seinen Computer mit der Anlage und fährt nach einer Weile die Beatfrequenz ungeniert auf null herunter. Stillstand. Pfiffe ertönen, und aus den Boxen erhebt sich eine sanfte Pianomelodie. Sekunden später poppt ein dezent federnder Bass auf, das Publikum fängt an zu wippen, die Frauen drängen zur Quelle der Musik, um ganz nah dabei zu sein, wie ein 21-jähriger Lockenkopf charmant lächelnd der Party-Hektik Schrittgeschwindigkeit entgegensetzt. Und die Stimmung damit weiter anheizt.

Video-Tipp: Nicolas Jaar + Band – Live at Le Bain,
The Standard NY

Nicolas Jaar heißt der lässige Entschleuniger an der Beatmaschine. New York ist seine Heimatstadt, und Europas Clubszene liegt ihm derzeit zu Füßen wie keinem zweiten zeitgenössischen Produzenten elektronischer Tanzmusik. „In New York kennt mich zum Glück noch keiner. Hier kann ich in Ruhe produzieren, und der Rummel um meine Person ist weit weg“, erzählt er in einem Café nahe seiner Wohnung im Manhattaner Stadtteil SoHo. Hier hat der Student, der seine Sets ausschließlich in den Semesterferien spielt, in den vergangenen vier Jahren mit Eifer Stücke produziert, die elegant HipHop, R&B, Chanson, Klassik, Jazz und afrikanische Rhythmen mit House vereinen. Mit ruhigem Tempo, einfachen Melodien und einer souligen Atmosphäre gab er so der Clubmusik eine lang vermisste Musikalität zurück und trieb ihr ihren nervösen Rhythmus aus. „Wenn man möchte, kann man in meiner Musik viel entdecken“, sagt Jaar. „Aber sie lässt sich auch gut über Computerboxen genießen, während man die Wäsche faltet.“

Nachdem er mit fünf Maxis und diversen unautorisierten Remixen von Hits wie Michael Jacksons „Billie Jean“ der Clubmusik einen entspannten Tanzschritt beigebracht hat, drosselt er auf seinem Debütalbum „Space Is Only Noise“ noch einmal die Geschwindigkeit, feiert mit sehnsüchtigem Gesang Pop im tanzbaren Schneckentempo. „Mein Album ist für eine Gruppe von Freunden gemacht, die in aller Ruhe eine Flasche Wein teilen“, sagt Jaar. Aus wie vielen Menschen diese Gruppe besteht, definiert er nicht genauer. Aber sie ist inzwischen groß genug, um die angesagtesten Clubs zu füllen. Nur Wein will Samstagnacht um drei Uhr keiner trinken.

Für Fans von: Axel Boman, Isolée, James Blake, dOP, DJ Koze