Fest vertäut liegt die „Naumon“ im Duisburger Außenhafen. Neben all den flachen Binnenschiffen wirkt der norwegische Eisbrecher wie Goliath und sieht fast ein wenig gewalttätig aus. Wind pfeift über das Deck, im Bauch riecht es nach Dieselöl. Drinnen, in der mit Plastikfurnier vertäfelten Kajüte, sitzt Frank Jebavy. Der Festivalbüroleiter der Duisburger Akzente hatte das schwimmende Kraftpaket schon ungeduldig erwartet. Die „Naumon“, Heimathafen Las Palmas, ist für ihn nicht irgendein Kahn. Sie wird das Bühnenschiff von La Fura dels Baus sein. Die katalanische Performance-Theatertruppe eröffnete schon die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona, und im Mai ist sie der Höhepunkt der Duisburger „Local Heroes“-Woche. Für das Hafenfest der Kulturhauptstadt schrieben die Spanier eigens ein neues Stück: Zur Musik aus dem „Ring der Nibelungen“ wird die Gruppe am 21. Mai mit 60 Trapezkünstlern, neun Meter großen Riesenfiguren, Feuerwerk, einem Orchester und großen Ballons „Das globale Rheingold“ aufführen. 76 Kilometer weiter östlich, am anderen Ende des Ruhrgebiets, ist Professorin Ursula Sinnreich die Herrin über die Lichter. Neonblau blinken Wörter aus einem Loch im Boden des Unnaer Zentrums für Lichtkunst. Grellweiß setzten sich Kreise in einem Raum ab, der mit lichtschluckender Farbe gestrichen ist. Und im Skyspace auf dem Dach des Hauses blickt man durch ein Loch direkt in den Himmel, dessen Farben sich auf geheimnisvolle Weise stetig verändern.

„Die Lichtkunst ist radikal, weil es nur die Instanz des Betrachters gibt. Keine Kamera kann festhalten, was das Licht mit dem Auge und der Wahrnehmung anstellt“, erklärt Sinnreich. Die Direktorin des Unnaer Museums hat in den vergangenen Jahren viel erreicht: Die Mittelstadt am östlichen Rand des Reviers ist eine erste Adresse der Illuminationskunst geworden. Da versteht es sich fast von selbst, dass dieser Leuchtturm auch in der „Local Hero“- Woche strahlt: Am 27. April, dem „Tag des Lichts“, eröffnet eine Sonderausstellung mit Werken von Mischa Kuball und Dan Flavin. „Es geht um neue Erfahrungen“, betont Sinnreich. Denn trotz der Bilderflut, die jeden Tag auf uns einstürmt, sind uns die Geheimnisse des Sehens nur dunkel bewusst. Um Licht, wenngleich im Sinne von Erleuchtung, geht auch in Breckerfeld. Die „Hansestadt mit dörflichem Charakter“ ist die kleinste Kommune der gesamten Metropole Ruhr. Hier, am nördlichen Rand des Sauerlands, steht Pfarrer Gunter Urban zwischen Fichten und Fachwerkhäusern und deutet auf kleine, blau-gelbe Plaketten, die in den Wald führen. „Das ist unser Jakobusweg“ sagt der Geistliche. „Er ist der attraktivste Jakobsweg im Ruhrgebiet“. Und Urbans Arbeitsplatz, die Jakobuskirche aus dem 13. Jahrhundert, ist die älteste Pilgerkirche im Revier. Mitte März ist Breckerfeld der Local Hero der Kulturhauptstadt Europas, und mit Veranstaltungen wie „Plattdeutscher Abend“, „Heimatpflege“ und „Pilgern für die Dritte Welt“ fällt das Programm der 9358-Seelen-Gemeinde fast zwangsläufig bodenständiger aus. Dafür bietet der Jakobusweg – jenseits von Metropolenhysterie und auch ohne das Fernziel Santiago de Compostela zu erreichen – vielleicht etwas anderes an. „Auf dem Pilgerweg nähere ich mich der Folie meines eigenen Lebenswegs und finde zu mir“, sagt Pastor Urban.

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Die Stadt Mülheim hat ihre kulturellen Aushängeschilder: das Festival „stücke“, das Theater an der Ruhr und 2010 zusätzlich das Festival „Theater der Welt“, das von Ende Juni bis Mitte Juli in Essen und Mülheim stattfindet. Bei der Kulturhauptstadt-Woche im September rückt deshalb die lokale Szene in den Mittelpunkt – mit Uwe Dieter Bleil zum Beispiel. Der Sprecher des Mülheimer Arbeitskreises bildender Künstler verteilt zurzeit 50 hölzerne Anlehnleitern an die Künstler der Stadt. „In Bayern braucht man sie zum Fensterln, bei uns wird sie zum Kulturobjekt“, verkündet der Maler und Zeichner. „Die Leiter wurde erfunden, um nach oben zu steigen. Und dahin strebt ja auch die Kunst.“ Dass damit auch die höchste Anforderung an alle RUHR.2010-Projekte, die Nachhaltigkeit, erfüllt werde, streut Bleil noch lächelnd ein, während er sich die rote Malerfarbe von den Händen knibbelt: „Jeder Künstler kann die Leiter danach vor sein Atelier stellen“. Das RUHR.2010-Projekt „Local Heroes“ – es zeigt die Kulturhauptstadt wie unter dem Mikroskop. Hier offenbart das 4 435 Quadratkilometer große Ruhrgebiet seine Binnenstruktur: 52 Städte und Gemeinden, die so unterschiedlich sind wie ihr Wochenprogramm. Kleines trifft auf Riesiges, Internationales auf Intimität, gut Gemeintes auf noch besser Gemachtes. Und der Schmelztiegel Ruhr präsentiert sich als genau die Patchwork- Familie, die den anderen Teil seiner Identität ausmacht. Jan Wilms

„LOCAL HEROES“ IM JANUAR – DIE VERANSTALTUNGEN

Dinslaken: 10.-16.1., DinArt ZeltKunst 2010, Landestheater Burghofbühne, Dinslaken / 12.1., Glückauf JAZZ: Bergmannschor trifft New Jazz, Ledigenheim. / 13.-17.1.: „Unter Tage“ – Bergarbeiterdrama in realer Kulisse, Zeche Lohberg.

Kamp-Lintfort: 17.1., Kultur Unter Tage I: Lesung, Kloster Kamp. / 18.-23.1., Mensch Material / Foto-Grafik von Jörg Parsick-Mathieu, Linksrheinische Entwässerungsgenossenschaft LINEG. / 22.1., Ganz oder gar nicht – Das Ensemble des Oberhausener Ebertbades zu Gast in Kamp-Lintfort, Bergwerk West.

Xanten: 24.-30.1., Stromkilometer 823 – Lyrische Texte und Bilder von Norbert Lamers, Rathaus Xanten. / 24.- 30.1., Xanten macht blau – Illumination historischer Gebäude und des Marktes, Stadtkern Xanten. / 27.1., Bossa Nova und kurdisch/türkische Volksmusik,Aula der Marienschule

Neukirchen-Vluyn: 31.1. – 6.2., „BAUCHladen-Geschichten aus der Heimat“, verschiedene Orte. / 4.2., „Krimi à la carte“, Niederrheinschule. / 5.2., Kämmer & Rübhausen „Es brennt“ / Kabarett, Kulturhalle.

Veranstaltungshinweise und weitere Projektinformationen zur Programmreihe „Local Heroes“ in den Städten der Metropole Ruhr unter ruhr2010.de/local-heroes