Ein Mittelklassewagen muss her, aber…

Citroen hatte im Lauf seiner Geschichte immer Perioden gehabt, in denen unübersehbare Lücken im Programm klafften. In den Fünfzigern hatte sich die Göttin mit ihrem unvergleichlichen Nimbus der Avantgarde in der Oberklasse etabliert. Bei den Kleinwagen ragte die Ente mit ihrer minimalistischen Kargheit und ihrem dennoch außergewönlichen Fahrkomfort aus der Riege der Mitbewerber. Und in der Mittelklasse? Fehlanzeige! Es bestand dringender Handlungsbedarf, soviel war sicher. Einer weiteren Firmen-Tradition in der Citroen-Geschichte folgend war die Firmenkasse wieder einmal mit einigen spektakulären Entwicklungsprojekten extrem stark belastet worden, für eine völlige Neukonstruktion standen folglich nicht genügend Mittel zur Verfügung.

Die Kraft des Bewährtes paart sich mit dem Mut zur Avantgarde
Deshalb ordnete die Firmenleitung um Pierre Bercot die Verwendung von bereits vorhandenen Komponenten an. Bercot liess es sich auch nicht nehmen, weitere Vorgaben für das neue Modell zu definieren, so legte er die Länge des Autos auf vier Meter fest, lehnte eine Schräghecklösung kategorisch ab, bestand auf ausreichender Kopffreiheit für die Passagiere und einen großen Kofferraum und brachte auch sonst seine Mitarbeiter, vor allem den Designer Flaminio Bertoni, oftmals gegen sich auf. Aus den vielen Vorgaben seines Vorgesetzten extrahierte Bertoni etwas ganz Besonderes, die Ami 6. Das "Fräulein" baute dabei auf die bewährte Technik der Ente, Planungen, ihr auch die neue Hydropneumatik der Göttin zu gönnen, wurden schnell aus Kosten- und Haltbarkeitsgründen verworfen, denn das Hochdrucksystem steckte noch in den Kinderschuhen und krankte an vielen Kinderkrankheiten.

Leistung ohne Ende? Eher nicht…
Doch auch mit dem Enten-Fahrwerk wurde ein sanft-wiegendes Fahrverhalten erreicht, das zum Besten zählte, was es zu Kaufen gab. Durch konsequente Gewichtsreduzierung wog die Ami 6 nur circa 600 Kilogramm, was aber für den kleinen Entenmotor immer noch eine große Herausforderung darstellte. Folglich erhöhte Citroen den Hubraum des Zweizylinder-Boxers auf 600 ccm und die Leistung stieg auf anfänglich 19 PS. Immer noch nicht üppig motorisiert konnte der kleine Wagen die 100 km/h-Grenze überschreiten, der Fahrer musste nur ein wenig Geduld mitbringen.

Wie gewohnt: Anders!
Für den Umgang mit der großen Entenschwester waren auch ein paar Zugeständnisse an die Bedienung gefragt, die Ingenieure hatten sich eher für interessante Lösungen und zumeist gegen ausgetretene Pfade entschieden, so konnte der Blinker (der Links angebracht war!) nur ausgeschaltet werden, wenn der Hebel zum Fahrer hin gezogen wurde. Aus dem vierten Gang konnte nicht direkt in den Leerlauf gewechselt werden, zunächst war in die dritte Gangstufe zu schalten. Das flachstehende Lenkrad verlangte nach energischer Bedienung und der Anlasser wurde mit einem kleinen Extra-Hebel eingeschaltet. Die Konstruktion überzeugte aber auch mit einigen Höhepunkten.

Vorbildliche Umgangsformen
Da die Karosserie nicht selbsttragend aufgebaut, sondern auf einen Plattform-Rahmen aufgeschraubt war, konnten alle Bleche und Karosserie-Teile mit wenig Aufwand demontiert und repariert werden. Damit einher ging auch eine gute Zugänglichkeit zum haltbaren Motor und der restlichen Technik, die Ami 6 war beispielhaft wartungsfreundlich. Und sie ging mit dem Treibstoff sehr sparsam um, dank der ausgefeilten Aerodynamik und des geringen Gewichts begnügte sie sich mit 6 bis 7 Litern auf hundert Kilometer. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sich das Fräulein ausgezeichnet verkaufte, ja zeitweise in Frankreich der meist verkaufte Wagen war.

Zeitlose Schönheiten machen sich rar
Doch das liegt mittlerweile schon wieder über vierzig Jahre zurück und heute sind sie selten geworden, denn Rost und schonungsloser Gebrauch hat die einstige Millionenschar bis auf wenige Exemplare dezimiert. Für die unentwegten Freunde von Bertonis originellster Form steht aber auch ein ausgesucht schönes Modell parat, dass im Maßstab 1:18 dieses Highlight des Autodesigns in ihr Wohnzimmer bringen kann. Der französische Hersteller Norev hat im klassischen Baby-Blau die Version aus dem Jahre 1963 aufgelegt, die mit liebevoller Gestaltung und detaillierter Ausgestaltung zu gefallen weiss. Nicht nur die beiden vorderen Türen, auch die Motorhaube und die Heckklappe können geöffnet werden. Im Motorraum versteckt sich der kleine Zweizylinder ganz wie im Original unter dem Luftfilter und dem Reserverad.

Unverwechselbar: Ami 6
Durch das feinmaschige Kühlergitter ist der Lüfter zu erkennen und die gelben Scheinwerfer werden von der pfannkuchen-artigen Motorhaube umspielt. Im Innenraum ist ein Cockpit zu erkennen, dass Enten-Fahrern bekannt vorkommen könnte, die Anzeigeneinheit fand bei Citroen bald schon den Weg in den 2CV. An den Hinterrädern hat Norev vorsorglich Schmutzfänger installiert, wohl auch, um den berühmten Doppelwinkel der Franzosen überhaupt am Wagen zeigen zu können, denn die Ami 6 hatte es damals nicht nötig, auf ihre Herkunft plakativ hinweisen zu müssen. Aber bei ihr Bestand ohnehin niemals eine Verwechslungsgefahr.

Bildquelle: Modelcarworld

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