Es geht um die Kunst, bei der immer noch etwas mitschwingt, das man nicht greifen kann. Etwas, das unter der Oberfläche lauert, das nicht zu beschreiben oder gar zu analysieren ist. Das jeder anders empfindet. Das zweite Album der Blood Red Shoes ist so ein Werk. „Got a feeling, it’s a fever, it’s a fire“, singt Steven Ansell, genauer wird er nicht. Nur bestimmter: „Light it up.“ Ein Musterbeispiel für die Stimmung auf „Fire Like This“. Den Albumtitel entlehnten sie „Twin Peaks“, der Saga von David Lynch aus den frühen Neunzigern, die als Meisterwerk unter den schwer zu beschreibenden Meisterwerken gilt.

Video-Tipp: „Colours Fade“ von Blood Red Shoes

„Ich habe in den vergangenen Jahren definitiv zu viel ,Twin Peaks‘ geschaut“, gesteht Gitarristin Laura-Mary Carter verlegen, „ich sollte mal eine Pause machen.“ Das Duo aus Brighton liebt die Serie und den dazugehörigen Film. Auf ihrer schier endlosen Tour zum Debüt „Box Of Secrets“ hat es jede freie Minute mit den DVDs verbracht. Das hat sich nicht nur auf die Texte ausgewirkt, die rätselhafter geworden sind. Auch die Musik hat an Schichten gewonnen. Zwar ist das noch immer der kompromisslose Garagenrock, der an die gute Zeit des Grunge erinnert und mehr als einmal Nirvana zitiert; zwar sagt der schmächtige Schlagzeuger immer noch: „Fuck slow songs“, aber dennoch variieren sie inzwischen viel häufiger das Tempo, spielen mit Stimmungen. Sie klingen immer noch zwingend und verbindlich, gleichzeitig aber geheimnisvoll. Das ist die größte Leistung des Albums. „Unsere Musik basiert nicht auf bewussten Entscheidungen“, sagt Carter. „Wir schreiben nicht über bestimmte Personen oder Situationen. Es geht nur um Seele und Gefühl.“

Für das Album zogen sie sich für zehn Tage in eine einsame Hütte in Cornwall zurück. „Wir haben uns die ganze Zeit gestritten“, sagt Ansell und lacht. „Unsere Alkoholvorräte haben wir am ersten Abend aufgebraucht, und der nächste Shop war viel zu weit weg. Ein Szenario wie bei David Lynch.“ Es hat sich gelohnt, in dieser Abgeschiedenheit auszuharren. „Wir haben dort einen fantastischen Song geschrieben“, sagt Carter. Gemeint ist „One More Empty Chair“, ein verspieltes, für ihre Verhältnisse fast experimentelles Stück mit Cello-Klängen – das Album-Highlight. „Wir wollen eine große Band werden“, sagt Carter fast zurückhaltend. „Aber nicht wie U2“, fällt Ansell ihr ins Wort. „Wir wollen groß, aber auch relevant sein. Wie die Queens Of The Stone Age.“ Die Blood Red Shoes haben sich für den mutigen Weg zum Ziel entschieden. Es ist der richtige. Weil ihre Musik nicht zu fassen ist. Tim Sohr