In Brooklyn scheint die Fantasie grenzenlos. Animal Collective, MGMT oder Grizzly Bear, allesamt Bands bestehend aus kreativen und technikbegeisterten Schlaumeiern, beflügeln sich gegenseitig mit immer abgedrehteren Alben. Nun setzen Yeasayer mit ihrem zweiten Album „Odd Blood“ zum künstlerischen Höhenflug an. Schon ihr Debüt „All Hour Cymbal“ ließ aufhorchen, ein schwer zu definierender Hybrid aus Pop, New Wave und folkloristischen Einflüssen. Viele verpassten dem schrägen und recht chaotischen Mix damals das problematische Label „Weltmusik“. Aus dieser Schublade hat sich die mittlerweile zum Trio geschrumpfte Band befreit. Versandeten auf dem Erstling noch viele Songs in hippiesker Schluffigkeit, wissen sie jetzt sehr genau, wohin die Reise gehen soll: poppig und tanzbar. Der Sound ist kraftvoll, die Songs halten eine gute Balance zwischen Irrsinn und Wiedererkennungswert. Schon die ersten beiden Lieder des Albums lassen die beeindruckende Spannbreite erkennen: „The Children“ ist ein psychedelisches Experimentalstück mit Autotune-Gesang, die Single „Ambling Alp“ stellt Chris Keatings souligen Gesang in den Vordergrund und strotzt vor Lebensfreude und Spielwitz.

Video-Tipp: „Ambling Alp“ von Yeasayer

Ganze drei Monate hat sich die Band in einem Studio in Woodstock eingenistet, experimentiert und aufgenommen. Dabei geht sie einen Weg, den man ihrer organischen Musik gar nicht anhört. Grundlage ist nie ein geschriebener Song, sondern Versatzstücke wie Loops, Samples oder ein Refrain: Songdesign statt Songwriting. Nach Monaten der Schnipselarbeit kehrten sie mit haufenweise Material nach New York zurück. Dort mischten sie das Album in nur vier Wochen. Für Elektronikkünstler mag diese Arbeitsweise normal sein. Für eine ausgewiesene Liveband, die bis vor Kurzem noch aussah wie die Enkel von Grateful Dead, ist sie eher ungewöhnlich. Auch Nachwuchskünstler möchten sie darin bestärken, sich Computer zunutze zu machen, anstatt sie als Feind zu betrachten. „Wir reden so viel über unsere Arbeitsweise, weil wir die Leute inspirieren möchten. Jeder kann heute einen guten Song schreiben, ohne eine akustische Gitarre beherrschen zu müssen“, meint Anand Wilder.

„Bei unseren Shows wollen die Leute tanzen.“

Erst im Proberaum werden Yeasayer wieder zur klassischen und hoch geschätzten Liveband. Dort übersetzen sie die komplexen Album-Arrangements für die Bühne. Live werden zwei Schlagzeuger mit von der Partie sein, um die neuen perkussiv-treibenden Songs adäquat umzusetzen. Zudem wollen Yeasayer endlich die wichtigste Erkenntnis ihrer einjährigen Tour einbringen: „Bei unseren Shows wollen die Leute tanzen“, sagt Chris Keating. „Das wollten wir mit dem Album bedienen – auch weil wir selbst gerne tanzen. Früher hatten wir dafür einfach nicht das Know-how.“
Florian Fricke