Der Blick auf das Wasser und die Skyline ist atemberaubend. Die Abendsonne taucht die Stadt in ein surreales Licht, ganz in der Ferne beginnen die schneebedeckten Gipfel der Coast Mountains orange zu leuchten. Wir sitzen mit Benjamin Adrion und den beiden kanadischen Umweltaktivisten Mark Mattson und Krystyn Tully im „Lift“, einem der angesagtesten Restaurants von Vancouver direkt am Pier, und können angesichts der großartigen Kulisse gar nicht glauben, was wir gerade zu hören bekommen. Die Umwelt, sagt Mattson, sei in Kanada alles andere als intakt. „Wir greifen unserer Regierung deshalb ein wenig unter die Arme – die ist uns sogar dankbar, weil wir schon viel erreicht haben“, fasst er das Engagement zusammen. Er ist Geschäftsführer und einer von zahlreichen ehrenamtlichen Rechtsanwälten bei den Waterkeepern. Endlich haben es Mattson, seine Vize-Präsidentin Tully und Benjamin Adrion, Gründer der Hamburger Trinkwasserinitiative Viva con Agua de Sankt Pauli, geschafft, einen gemeinsamen Termin zu finden. An diesem Abend wollen sie ein geplantes Gewässerschutzprojekt anschieben. Die Tischrunde im „Lift“ ist ein kleines Gipfeltreffen der Weltretter.

Die neuen Umweltschützer sehen aus wie Rockstars

Zur Waterkeeper Alliance gehören mittlerweile an die 200 Initiativen, die für die Rechte der Menschen auf sauberes Trinkwasser kämpfen. Aus dem 1999 von Robert F. Kennedy Jr. gegründeten Kern ist mittlerweile eine globale Vereinigung mit prominenten Unterstützern wie Benicio del Toro, Jack Johnson oder Gloria Reuben („Emergency Room“) geworden, – eine der am schnellsten wachsenden Organisationen weltweit. Und auch die wöchentliche Radioshow von Mattson und Tully, ihr gemeinsamer Podcast, ihre spannenden Blogs, Twitter und Co erreichen immer mehr Helfer. Ihre Konzertreihe „Swim Drink Fish Music“ wird von allen kanadischen Musikgrößen unterstützt. Tatsächlich sind die Zielgruppen derer, die sich für die Waterkeeper als Freiwillige melden oder zu den Konzerten pilgern, erstaunlich identisch. Diese Generation erzielt die ersten Erfolge bei der Erziehung ihrer bequemen Eltern. Die kanadischen Grünen, die bis zur Jahrtausendwende bei Nullkommairgendwas herumkrebsten, kommen mittlerweile bei Wahlen auf knapp zehn Prozent, und der Umweltschutz wird massentauglicher in einem Land, dessen Bewohner bislang andere Hobbys hatten als über Benzinsparen oder Biolebensmittel nachzudenken.

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Vancouver gilt als das Epizentrum dieses Mentalitätswandels. Das mag damit zusammenhängen, dass die Stadt durch die Olympischen Winterspiele in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit rückt und es sich schon deshalb nicht leisten kann, als ökologisches Sündenbabel dazustehen. Angesichts dessen, was in der größten Stadt des kanadischen Bundesstaates British Columbia gerade passiert, wird ein Besuch Vancouvers selbst für Benjamin Adrion zu einer Art Bildungsreise. Es passt noch in einer zweiten Hinsicht, denn auch Adrion gehört dieser neuen Generation von Ökoaktivisten an, die weniger auf Konfrontation als auf Konstruktivität setzen. Sie sind keine weltabgewandten Träumer, sondern setzen auf Netzwerke aus Wissenschaftlern, Lehrern und Juristen. So gelingt es, Lobbyisten und Politikern mit fundierten Argumenten entgegentreten, den Nachwuchs gezielt anzusprechen und Umweltsünder zu empfindlichen Geldstrafen zu verdonnern. Das Wichtigste aber: Die neuen Umweltschützer verbinden ihr Engagement mit einer Menge Spaß. Weil sie beim Weltretten auch noch aussehen wie Rockstars, fällt es leicht, junge Mitstreiter zu gewinnen.

Der Fluss brennt

Die Aufgaben der nordamerikanischen Waterkeeper allerdings klingen nicht nach Rockstarleben, sondern oft nach einer Mischung aus Fiktionen von Dan Brown und Frank Schätzing. Nukleare Abwässer, die mit Wissen vom Bürgermeister und der Regierung in die Flüsse geleitet werden, giftige Industrieabfälle und das vielleicht schlimmste Szenario, das diese Problematik jemals hervorgebracht hat: Cuyahoga, ein Fluss, der durch Cleveland fließt und eines Tages so sehr verschmutzt war, dass er tagelang lichterloh gebrannt hat. Fälle, von denen die Elterngeneration nichts mehr wissen will. Aufräumen müssen die Kinder – wie Mattson oder Tully, die nun mit Adrion am vornehm eingedeckten Tisch sitzen. Gerade wird der dritte Gang serviert, eine Muschelsuppe mit fangfrischem Lachs und Apfelsalat. Alle Zutaten hier erfüllen zwei Bedingungen: Sie stammen aus einer Region, die maximal 100 Meilen vom Restaurant entfernt sein darf. Das schreibt die freiwillige 100-Meilen-Regel vor, die dafür sorgt, dass Restaurants verstärkt auf regionale, organische und fair gehandelte Zutaten achten. Außerdem dürfen die Fische und Meeresfrüchte nicht aus verschmutzten Gewässern, Beifang oder Überfischung stammen – die Gastronomen setzen sich mit einer Kennzeichnung in ihren Speisekarten für Nachhaltigkeit ein. Auch ein Erfolg jahrelanger Anstrengungen der Waterkeeper.

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Wasser im Überfluss

Die Stadt ist umgeben vom Pazifik. British Columbia, in dessen südlichem Zipfel Vancouver liegt, zählt 30 Seen pro 100 Quadratkilometer, viele davon sind malerische Berg- und Gletscherseen, wie man sie von Bob-Ross-Motiven oder aus Auswanderer-Dokus kennt. Es ist die Heimat einer ansonsten auf der ganzen Erde ausgestorbenen Lungenflechtenart, eine Pflanze, die nur bei absolut reinen Luft- und Wasserverhältnissen gedeiht. In ganz Kanada gibt es zwei Millionen Seen, das Land verfügt über 80 Prozent des weltweiten Süßwasservorkommens. Deshalb vergessen die Menschen hier leicht, wie wertvoll die Ressource Wasser ist. Vancouver kämpft auch mit der starren Haltung vieler Autofahrer, die mit ihren SUVs jeden Tag im Stau stehen, um morgens von ihrem Häuschen im Grünen in die Stadt zu pendeln, um dann abends wieder auf dem Heimweg das Gaspedal durchzutreten. Das sind immerhin mehr als eine Million Menschen pro Tag. Und das in einer Stadt, die nicht mal 600 000 Einwohner zählt.

Die Kinder beginnen ihre Eltern zu erziehen

Doch auch diese Menschen wachen langsam auf: Es gibt immer mehr Fahrräder in Vancouver, und die Stadt hat sich eines weiteren Verkehrsproblemes entledigt. Der „Goat Trail“, der in beide Richtungen nur zweispurig befahrbare Highway 1A und die einzige Möglichkeit, in die Stadt zu kommen und sie zu verlassen, wurde zwar kurzfristig für Olympia um je eine Spur erweitert. Gerade beginnen aber die Bauarbeiten für eine S-Bahn, die zukünftig parallel zum Highway verlaufen wird. Was den jungen Umweltschützern bei ihrer Arbeit hilft, ist die Tatsache, dass die Natur zum bedeutendsten Faktor für den immens wichtigen Tourismus geworden ist. Was die Politik in den vergangenen Jahren an Direktiven umgesetzt hat, ist auch der Sorge geschuldet, die touristischen Magneten wie die Seenplatten und Wälder könnten durch negative Umwelteinflüsse ihre Anziehungskraft verlieren. Mittlerweile erzeugt die Nutzung von sauberer Wasserkraft in großem Umfang den Strom der Großstädte entlang der Pazifikküste. Das neue Denken im kanadischen Umweltschutz zeigt sich auch in Kamloops, einem 80 000-Einwohner-Städtchen am South Thompson River im Süden von British Columbia. Dort steht seit 2008 eine der modernsten Wasseraufbereitungsanlagen der Welt. Die nötigen 48,5 Millionen Kanadische Dollar, das sind umgerechnet etwas mehr als 32 Millionen Euro, hat die Gemeinde selbst aufgebracht – beunruhigt vom miserablen Geschmack ihres Trinkwassers. Nun reinigt und liefert die Anlage täglich 200 000 Kubikmeter Wasser für die Bewohner, und für die Umgebung gleich mit. Kamloops liegt ganz in der Nähe von Vancouver.

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Plötzlich fragt Tully quer über dem Tisch: „Wie ist das bei euch in Deutschland, Benny? Engagiert ihr euch viel für die Umwelt und sauberes Wasser?“ Benjamin Adrion blickt auf und muss dann selbst erst einmal lange nachdenken. „Nein, eigentlich nicht. Unser Wasser ist immer sauber und immer verfügbar, da blenden viele Menschen aus, dass eben nicht auf der ganzen Welt Trinkwasser wie selbstverständlich aus der Leitung kommt. Das ist nicht anders als bei euch in Kanada. In Hamburg gilt sogar die Devise, dass Wasser sparen schädlich ist, weil Leitungen und die Kanalisation nicht mehr ausreichend durchgespült werden. Waterkeeper hätten es wohl schwer bei uns“, sagt er und beginnt vorsichtig zu lachen.

Ein weltweites Netzwerk

So endet der Abend im „Lift“, Tully und Adrion ziehen noch weiter durch ein paar Bars. Ein perfekter Tag für ihn: Die deutsch-kanadische Kooperation mit Tully und dem alternativen Reiseanbieter Kanadaria, der nachhaltig organisierte Touren durch Kanada anbietet, ist auf den Weg gebracht. Gleich am nächsten Morgen soll die Kooperation von der örtlichen Fraser- Riverkeeper-Geschäftsführerin und Juristin Lauren Brown Hornor aufgesetzt werden. Und aus der Heimat ereilt den ehemaligen Profikicker die lang ersehnte SMS, dass sein früherer Verein FC St. Pauli gewonnen hat und nun um den Aufstieg in die erste Liga kämpft. Lächelnd packt Adrion seinen Terminkalender in die Tasche, den er eben noch um ein wichtiges Datum ergänzt hat: Anfang Februar, direkt vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Vancouver, planen die Waterkeeper ein großes Event. Alle Infos dazu gibt es ganz aktuell auf der Homepage der Waterkeeper, bei Facebook („Waterkeeper Alliance“) und via Twitter.

Unser Autor Jannes Vahl leitet die PRINZRedaktion in Hamburg und ist ein bisschen stolz darauf, einer der Trauzeugen des neuen deutsch-kanadischen Bündnisses für den Umweltschutz zu sein.