Sachiko und Achim Stegmüller haben einen weiten Weg hinter sich: Aus Japan, wo sie im Großraum Kyoto lebten, zogen die Malerin und der Schriftsteller in die Saarbrücker Str. 41a in Duisburg-Hochfeld. Hier heißen die Gaststätten „Number One by Meikel“ oder „Hochfelder Markt“. Abgedunkelte Benz schleifen über die Bordsteinkante, und über die Bürgersteige schlendern viele Türken und ältere Herren in dunklen Mänteln. Die dreistöckigen Mietshäuser am Straßenrand wurden in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schnell hochgezogen. Nach außen zeigen sie schmucklose Fassaden, aber die Treppenhäuser sind renoviert. Ein unspektakuläres innerstädtisches Arbeiterquartier, wie es im Revier viele gibt.

Duisburg, Mülheim, Dortmund – drei Revierstädte, „2-3 Straßen“: Das sind Titel und Grundgerüst des Kunst- und Lebensraumprojekts, das der Konzeptkünstler Jochen Gerz in Zusammenarbeit mit der RUHR.2010 und ortsansässigen Immobiliengesellschaften startete. 50 mietfreie Wohnungen wurden für Künstlern in Duisburg-Hochfeld, der der Dortmunder Nordstadt und im Mülheimer Hochhaus am Hans-Böckler-Platz bereitgestellt. Bezahlen müssen sie auch – allerdings mit kreativem Output: Texten, Design, Konzepten und Kommunikation. Wo das alles hinführen soll? „Wenn ich jetzt schon wüsste, was dabei am Ende entsteht“, so Gerz, „dann wäre ich das ganze Projekt doch überhaupt nicht angegangen.“

Die Bewerbungsphase für das Projekt lief seit 2008, und von insgesamt 1600 Interessenten wurden letztlich 100 ausgewählt. Achim und Sachiko Stegmüller zählen zu den Ersten, die eingezogen sind. Kennen gelernt hatten sie sich während der Kirschblüte vor dem Palast des Tenno und dann auch geheiratet. Das Deutschland, in dem die 31-Jährige seit November lebt – es hat so gar nichts gemein mit den Motiven, die ihre Landsleute auf Europatour fotografieren. Dennoch fühlt Sachiko sich hier wohl. Und in ihr Japanisch, das der Ehemann übersetzt, streut sie schon Worte wie „Kneipe“ und „Multikulti“ ein. Wie wirkte sich der weite Weg auf die Erwartungen aus? „Es gibt viel zu entdecken“, sagt Achim Stegmüller, „denn zu Japan steht hier grundsätzlich alles im Gegensatz.“ Dort verfasste er die Erzählung „Nagaoka“, die im Textem Verlag erschien. Hier sucht der 32- Jährige erst noch nach Perspektive und Position, die er für die eigene Arbeit und das Projekt „2-3 Straßen“ einnehmen könnte. Ob er vielleicht über eine Japanerin im Revier schreibt? Sachiko ist fasziniert von der direkten Kontaktaufnahme der Menschen. Und – wie sie am Ende des Gesprächs sagt – von diese Angewohnheit der Ruhrgebietler, immer noch wei ter zu reden, wenn sie sich längst schon verabschiedet haben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Welche ungewöhnlichen Kunstprojekte Jochen Gerz verwirklicht hat und welche Botschaft hinter dem Projekt 2-3 Straßen steckt.Das Projekt „2-3 Straßen“ ist typisch für den Aktionskünstler Jochen Gerz. Seine Leinwand: fast schon traditionell der öffentliche Raum. 1986 installierte er in Hamburg ein Mahnmal gegen Faschismus, das immer tiefer in den Boden versenkt wurde, je mehr Bürger auf der Stahlstele unterzeichneten. Vor dem Saarbrücker Schloss schuf er 1990 den „Platz des unsichtbaren Mahnmals“: In einer Nachtaktion entfernte er Pflastersteine, gravierte auf ihrer Rückseite die Namen jüdischer Friedhöfe und setzte die Quader wieder ein.

Sein Verständnis von der Kunst als verändernde Kraft in der Gesellschaft – im Revier konzentriert es auf die kleinste geographische Einheit der Stadt: die Mietwohnung. Gerade im Ruhrgebiet fiel dem 69-Jährigen die enorme Zahl an Museen auf. „Trotzdem“, so Gerz, „scheint Kultur im Alltag der Menschen nur eine kleine Rolle zu spielen.“ Diesen Alltagsblick will sein Projekt schärfen und damit auch den Blick auf die Kunst. Die Besucher der Straßen, die andere Mieter – auch sie sollen schreiben, malen, sprechen. „Ich träume von einer Gesellschaft, in der jeder als Autor schreibt“, sagt Gerz. „Anders als im Museum, wo wir stumm stehen, möchte ich Stimmen und Gedanken hören.“ Gerz kann sich gut vorstellen, dass seine Mieter ihre Straßen mehr als nur kommunikativ verändern. „Vielleicht entwirft ja jemand eine Parkbank. Ich würde diesen Stadtplanern gern zeigen, dass die Stadt auch auf eine freigeistige Art und Weise gestaltet werden kann“, gesteht der Künstler. „Wenn man von den richtigen Dingen erzählt, bekommen all diese Stadtviertel wieder eine Anziehungskraft.“

Vielleicht ein Kandidat für kleine Eingriffe in die Stadtlandschaft: der Designer Daan de De Haan aus Venlo. Der 28-Jährige entwirft Lampen, Tische und Vasen. Sein neuestes Projekt: edle Sonnenbrillen aus alten Autoblechen der Marken Austin, Fiat, Volvo oder Suzuki. Ein modisches Accessoire, das gut ins Revier passt, wie er findet, zumal er gerade an einem Modell aus Opel-Schrott arbeitet. Ins Mülheimer Hochhaus am Hans-Böckler-Platz zog de Haan mit seiner Freundin Jannie Schmitz ein. Der Niederländer ist schon länger fasziniert von der „Melancholie des Ruhrgebiets“, die er gut zu kennen glaubt: Als Student fuhr er im Lkw Blumen von Holland nach Dortmund. Nun will er das Hinterland der Beton- und Stahlkulissen entdecken, die er von seinen Fahrten auf der Autobahn kennt.
Jan Wilms