Den Auftakt macht „Die Ausbildung“ von Dirk Lütter, der zur Vorführung auch anwesend sein wird. Der Film wurde mit dem Preis Dialogue en perspective ausgezeichnet; sehr zu recht, denn Lütter ist ein genau beobachtetes Porträt eines jungen Mannes gelungen, der hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch, im Job alles richtig zu machen, und seinem Mitgefühl für Kollegen, die vom aalglatten Chef hinterrücks hinauskatapultiert werden. Als Hauptdarsteller glänzt hier Joseph K. Bundschuh. Eine große, große Entdeckung.
21. Februar, 18 Uhr

Gleich im Anschluss ist die Dokumention „Utopia Ltd.“ von Sandra Trostel zu sehen. Die hat drei Jahre lang die Hamburger Punkband 1000Robota begleitet, den Alltag der drei Jungs zwischen Schule, Kinderzimmer, Konzerten und Diskussionen mit ihrem Label eingefangen. Lässt sie vor der Kamera träumen, philosophieren und ein Stück erwachsener werden.
21. Februar, 20 Uhr

Der witzigste Film der Sektion, vielleicht sogar einer der amüsantesten der Berlinale, ist „Kamakia – Helden der Insel“. Der Entertainer Kosta Rapadopoulos macht sich auf den Weg nach Griechenland, um einige der sagenumwobenen Kamakia aufzuspüren, eben jene Männer, die in den Zeiten vor Aids mittel- und nordeuropäische Frauen an den Stränden Griechenlands scharenweise und in gewisser Weise organisiert vernaschten. Kosta, eine zottelige Puppe mit Hasenzähnen, träumt von diesen guten alten Zeiten, als die schönen Frauen noch wild und willig waren…
22. Februar, 18 Uhr

„Digame – Sag mir“ von Josephine Frydetzki spielt in Buenos Aires. In dem Kurzfilm wird ein Mann begleitet, der mit seiner Vergangenheit abschließen will und den Weg in die Freiheit doch nicht finden kann. Regisseurin Josephine Frydetzki und Editor David Jeremy Rauschning werden zur Vorführung anwesend sein.
22. Februar, 18 Uhr (Vorführung mit „Kamakia“)

Gewöhnen muss man sich erst einmal an die Distanzlosigkeit der Kamera in Anna Hepps Dokumentation „Rotkohl und Blaukraut“. Mittenrein in zwei deutsch-türkische Familien blickt dieser Film, lässt seine Protagonisten erzählen von ihrem Leben. Erstaunlich sorglos agieren sie vor der Kamera, als wäre das ein Gespräch unter Freunden. Vor allem die Kinder sagen Erstaunliches. Am Ende ist der Film vor allem sehr klug und die erste Irritation ob es tiefen Einblicks in den Alltag der Familien ist längst vergessen. Man meint fast, man sitzt bei den Porträtierten mit am Küchentisch und klönt über Sehnsüchte, dumme Klischees und Erziehungstipps.
23. Februar, 18 Uhr

Frau Osterloh klaut Büchsensuppe. Die an Demenz erkrankte Frau verliert den Halt zu Regeln, geht in einen Supermarkt als sei der ihre eigene Speisekammer. Da taucht Amir auf, er soll der Frau helfen. Amir ist illegal in Deutschland, gerade wurde er wieder aus einem Job geschmissen, ohne Bezahlung, er hat ja eh keine Rechte. Nun hofft er auf den Pflegerjob bei Frau Osterloh, die Vertrauen zu ihm fasst. Doch ihr Sohn hat andere Pläne. „Eisblumen“ ist ein gut gespielter Kurzfilm.
23. Februar, 20 Uhr

Den schönsten Titel des Festivals hat zweifelsohne Lothar Herzog für seinen Kurzfilm gefunden: „Weisst Du eigentlich, dass ganz viele Blumen blühen im Park“, fragt die junge Lena ihren Freund am Telefon. Sie hat welche gepflückt, für die gemeinsame Wohnung in Brandenburg, heute will er zurückkommen von der Montage, eigentlich, sie ist voller Vorfreude, doch nein, er sei zu müde für die Fahrt. In ihrer Sehnsucht zieht sie los, verführt ihren Chef im Jeansladen. Sie ist orientierungslos in ihrem Leben. Wegen der Eskapaden ihres Freundes?
23. Februar, 20 Uhr (Vorführung mit „Eisblumen“)

Die Glocken von Shakira läuten in Nicolas Steiners Kuh-Spektakel „Kampf der Königinnen“. Wir haben von den adretten Damen schon ausführlich geschwärmt:
Berlinale-Tagebuch, Tag 9
24. Februar, 18 Uhr

„Der größte Feind im ganzen Land ist der Denunziant“, sagt Paul Gratzig, derweil er munter die Dokfilm-Regisseurin Annekatrin Hendel über einen See rudert. Das habe seine Mutter immer zu ihm gesagt. Er selbst hat in der DDR mehr als 20 Jahre lang Leute bespitzelt, Künstler- und Schriftstellerkollegen, auch sehr berühmte wie Heiner Müller. „Ich habe viel zu wenige Leute angeschissen“, rotzt er, und: „Ich habe kein Gewissen und habe keine Moral.“ „Der Vaterlandsverräter“ ist ein faszinierendes Porträt eines rundum Unangepassten, in dem auch einstige Wegbegleiter (bspw. sein ehemaliger Führungsoffizier) zu Wort kommen. Hendel wird zur Vorführung anwesend sein.
24. Februar, 20 Uhr

Ein rundum solider und sehenswerter Spielfilm ist „Der Preis“ von Elke Hauck geworden, in dem ein Architekt aus Frankfurt am Main in eine Thüringer Plattenbausiedlung reist, um diese nach seinen preisgekrönten Plänen umzubauen. Was zunächst niemand ahnt: Er ist genau hier aufgewachsen. Und trägt seit seiner Jugend als überzeugter FDJler eine schwere Schuld in sich: Sein einst bester Freund kam um, weil die DDR ihm durch den Verrat seines Freundes keine Chancen bot. Regisseurin Elke Hauck wird anwesend sein.
25. Februar, 18 Uhr

Grell und laut und igendwie auch düster ist „Lollipop Monster“ von der Berliner Comiczeichnerin Ziska Riemann. Der Vater eines Mädchens erhängt sich, weil seine Frau mit seinem Bruder rummacht. Die Tochter Oona verachtet ihre Mutter dafür, verkraftet den Tod des Vaters nicht. Da beginnt sich die skurrile Ari, die in einer bonbonbunten, verkitschten Puppenstubenwelt aufwächst und zunehmend ihre erotische Ausstrahlung entdeckt und ungehemmt austestet, für Oona zu interessieren. Eine ungewöhnliche Freundschaft beginnt. Zwei tolle junge Darstellerinnen – Jella Haase (Ari), Sarah Horváth (Oona). Ziska Riemann wird zur Vorführung anwesend sein.
25. Februar, 20 Uhr

19. Februar, Tag 10, nach dem Bärenregen.
Wir haben es gewusst (na gut, die meisten Journalisten sahen es auch so): „Nader and Simin, a Separation“ (Originaltitel: „Jodaeiye Nader az Simin“) hat den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen. Über das großartig gespielte Drama ergoss sich heute ein wahrer Preisregen, denn auch die Darstellerinnen und Darsteller haben als weibliches und männliches Ensemble Silberne Darsteller-Bären bekommen. Außerdem erhielt er den Preis der Ökumenischen Jury.
Für eine große Überraschung sorgte die von Isabella Rossellini angeführte Jury mit ihrer Entscheidung, „Das Turiner Pferd“ von Béla Tarr mit dem Großen Preis der Jury, einem Silbernen Bären, zu ehren. Wie kommentierte heute ein auf das Wetter fixierter Kollege in der Berliner Zeitung treffend diesen strengen Film? Zweieinhalb Stunden lang gehe es darum, dass ein Mann und seine Tochter nicht vor die Tür können, weil es draußen zu windig ist. Er scheint aber auch die Schöpfungsgeschichte rückwärts zu erzählen, am Ende stirbt das Pferd und damit auch das Leben. Und der Wind hört auch auf. Da der kanadische Filmemacher Guy Maddin, selbst bekannt für eine eigentümliche Bilsprache und skurrile Geschichten, in der Jury saß, war eine etwas abseitige Entscheidung durchaus zu erwarten. Béla Tarr selbst versteht seinen Film als Summe seines Filmschaffens, der Preis also würdigt ihn und sein Werk gewissermaßen auch als einen der ungewöhnlichsten Autorenfilmer.
Für das Production Design und die Kamera wurde der argentinische Film „El Premio“ von Paula Markovitch ausgezeichnet; die Regisseurin hatte dafür Erinnerungen an ihre eigene Kindheit zu Zeiten der Militärdiktatur verarbeitet. Im Film ist der Schrecken immer da, durch Blicke, Gesten, Handlungen, doch eindeutig sichtbar wird er nie. Kamermann Wojciech Staron hat eine tolle Leistung vollbracht, spielen doch vor allem Kinder hier die Hauptrollen. Seine Erfahrung als Dokumentarfilmer habe ihm sehr dabei geholfen.
Der Regisseur Ulrich Köhler, der mit „Schlafkrankenheit“ einen Film in den Wettbewerb brachte, der die Kritiker arg gespalten hat, wurde für seine Regieleistung mit einem Silbernen Bären geehrt. Die Hauptfigur, der deutsche Arzt und Entwicklungshelfer Ebbo (Pierre Bokma), ist keine sympathische Persn, aber eine sehr glaubhafte.
Dass „The Forgiveness of Blood“ wenigstens für das tolle Drehbuch ausgezeichnet wurde – mit einem Silbernen Bären – ist sehr, sehr erfreulich, die Geschichte ist nah dran an der Realität, leben doch in Albanien noch immer tausende Menschen aufgrund von Blutfehden im Untergrund.
Toll auch, dass „On the Ice“, der Gewinner des Jugendfilmfestivals Generation 14plus, auch als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet wurde. Ein sehr, sehr eindrucksvolles Drama im ewigen Eis.
Regisseur Andrew Okpeaha MacLean war glücklich, den Film überhaupt auf der Berlinale vorstellen zu können: „Das wird uns so helfen!“ Nebenbei sind an den Erstlingsfilmpreis 50000 Euro gekoppelt – eine kleine Starthilfe für weitere Filmprojekte.

19. Februar, Tag 10, mittags.
Eben war ich noch arg enttäuscht, keine Karten mehr für die Vorführungen der Preisträger der Panorama-Publikumspreise bekommen zu haben. Denn die Filme, die sich hier durchsetzen, sind immer sehenswert. Mehr als 23000 Stimmen wurden dieses Jahr abgegeben. Doch gerade wabert die Presseinfo, wer da morgen prämiert wird, rein und, puh, ich habe die Gewinnerfilme schon gesehen. Gute Auswahl: Gewonnen hat „Tambien la lluvia“ (Even the rain), ein Film über einen Film: Gael Garcia Bernal spielt hier einen Filmregisseur, der in Bolivien einen Film über Christoph Kolumbus machen möchte – passende Landschaft, billige Arbeitskräfte. Das gesamte Filmteam gerät mitten hinein in Unruhen, denn das Volk kämpft für sauberes Wasser. Der Regisseur will sich jedoch nicht beirren lassen, nur sein Produzent (ganz toll: Luis Tosar) bekommt irgendwann Zweifel am Sinn ihres Projekts, wo es hier doch schlicht ums Überleben geht.
Außerdem haben sich die Zuschauer für „Medianeras“ ausgesprochen, eine ungemein zarte, niedliche Liebesgeschichte, die in Buenos Aires spielt und uns zwei wunderliche Charaktere vorführt: Sie ist eigentlich Architektin und richtet aber Schaufenster ein und kann nicht Fahrstuhl fahren, er ist Computerfreak und geht kaum raus und wenn, dann nur mit Überlebensrucksack. Immer mal wieder kreuzen sich die Wege der beiden, sie chatten auch miteinander, wohnen sogar im gleichen riesigen Appartement-Block, doch erst ein Kinderbuch wird sie letztlich zusammenführen. Sehr, sehr süß und wunderbar erzählt, man gewinnt beide sehr lieb und die Architektur der Stadt spielt auch eine große Rolle.
Besonders freue ich mich über den Dokumentarfilm, der gewonnen hat: „Im Himmel, über der Erde“, eine Dokumentation von Britta Wauer über den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Der größte in Europa, der noch in Funktion ist übrigens. Er hat den Zweiten Weltkrieg weitestgehend unbeschadet überstanden, mehr als 115000 (!!) Gräber gibt es hier. Eine Totenstadt, vielmehr ein Totenwald, der doch sehr lebendig ist, wie Britta Wauer uns eindrucksvoll vorführt. Faszinierender Ort, der nun auch zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt werden soll.
Natürlich aber liegt der Fokus längst auf dem heutigen Abend, der großen Preisverleihung im Berlinale-Palast, wenn die Bären vergeben werden. Anbei eine kleine Bilderauswahl möglicher Gewinner.

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18. Februar, Tag 9, abends.
Rührend war das eben bei der Preisverleihung der Gläsernen Bären in der Jugendfilmsektion Generation 14plus. Lobend erwähnt wird der schwedische Film „Apflickorna“ Lisa Aschan, die aus Jugendlichen bestehende Jury sagt über das Drama in einer Voltigierhalle: „Gefühle zeigen macht verletzlich. Wer verletzlich ist, verliert die Kontrolle. Ein Spiel zwischen Liebe und Macht.“ Die Regisseurin ist aufgeregt, bringt erst kein Wort heraus, doch dann ist sie nicht mehr zu bremsen. Das Großartigste am Berliner Festival sei für sie nicht die Auszeichnung, sondern der Kontakt mit dem Publikum gewesen. In den Frage-Antwort-Runden nach der Filmvorführung sei sie gefragt worden, ob sie es nicht komisch finde, im Jugendfilmfest der Berlinale gelandet zu sein. Doch sie sei einfach nur glücklich gewesen, denn: Jungen Menschen kann man nichts vormachen. Sie hätte nie, nie mit der Auszeichnung gerechnet, sagt sie noch, vor allem auch, weil sie für die Tour zur Gala im großen, restlos gefüllten Saal des Hauses der Kulturen der Welt keinen Wagen bekommen hätte.
Den hatten wir auch nicht, lacht kurz darauf der Gewinner des Gläsernen Bären, Andrew Okpeaha MacLean. Schon bevor der Name des Siegerfilms „On the Ice“ von der Jugendjury genannt wurde, lösten sich erste Begeisterungsrufe im Publikum: Als die Jury sprach von einer „Welt, in der alles in Dunkelheit getaucht scheint, obwohl die Sonne nie untergeht“, ahnten einige schon, dass der Gewinner nach Alaska führen könnte.
Als bester Kurzfilm wurde übrigens „Manurewa“ von dem Neuseeländer Sam Peacocke mit dem Gläsernen Bären prämiert.
Die beiden Siegerfilme wurden nach der Verleihung dann auch gezeigt, zwei starke Dramen über (falsche) Freundschaften und Mord.

18. Februar, Tag 9, nachmittags.
Husch, weg war sie, die Diane – oder auch Daijänn, wie die deutsche Blondine Diane Krüger alias Daijänn Kruger von vielen gerufen wurde. Nach der Pressekonferenz zu „The Unknown“ (wahlweise auch „Unknown Identity“) verschwand sie flott, nur wenige konnten ein schnell gekritzeltes Autogramm der Hollywood-Aktrice ergattern. Zwei kleine Jungen freuten sich tierisch, wussten allerdings gar nicht, wer da vor ihnen gestanden hatte.
Über den Film nur soviel: Solide gemachter Actionreißer mit ein paar Szenen, die die Journaille in der Pressevorführung zu Zwischenapplaus animierten. Am heißesten war die rasante Verfolgungsjagd die Friedrichstraße entlang. Ganz recht, der Film spielt in Berlin, Diane Krüger darf als Taxifahrerin spektakulär von der Oberbaumbrücke in die Spree stürzen, mit einem pseudobosnischen Akzent ihrer Stimme etwas mehr Wohlklang verleihen (tatsächlich: Wenn sie tiefer spricht, dann ist ihr Stimmchen ganz verträglich) und Liam Neeson als unbekannten Verkannten bei tollen Actiontrips durch die Innenstadt begleiten. Von einigen inhaltlichen Schwächen mal abgesehen dürfte der Film prädestiniert sein, im Kino erfolgreich zu werden. Heute Abend jedenfalls ist die Premiere, leider ohne Hauptdarsteller Liam Neeson, der dreht in Kanada und hat seinen Berlinale-Auftritt kurzfristig abgeblasen.

18. Februar, Tag 9, vormittags.
Sie heißen Dominga, Shakira und Diamond. Sind äußerst robust, haben stämmige Beine, schlagen gerne aus und blinzeln aus liebevollen Augen unter sagenhaft langen Wimpern. Ihre, ähm, Glocken sind groß und – klangvoll. Die drei schmucken Grazien mit dem glänzenden Haar sind die Protagonistinnen in „Kampf der Königinnen“, werden in Nicolas Steiners Dokumentation in der Reihe Perspektive deutsches Kino vorgestellt. Er schildert einen Tag voller Anspannung, denn die drei Damen werden in einen Ringkampf geschickt, unter den Argusaugen ihrer Herren, die gewissermaßen ihre Trainer und Hirten sind. Denn Dominga, Shakira und Diamond sind Kühe, Kampfkühe quasi, denn einmal im Jahr sind Kühe wie sie die Heldinnen eines großen Kuhkampf-Spektakels im schweizerischen Aproz. Steiner begleitet die stolzen Besitzer und ihre Kühe zur Arena, fängt die Aufregung ein, trifft einen Züricher Radioreporter, der fasziniert ist von diesem außergewöhnlichen und nur in dieser entlegenen Gegend populären Ereignis, beobachtet drei Jungs, die mal in der Doku sagen, „die ist hübsch“ und man weiß nicht, meinen sie die sympathische und schlagfertige Hirtin von Diamond oder die Kuh selbst? Mehr als 10000 Zuschauer verfolgen, wie die Kühe ihre Hörner ineinander verkeilen, wie sie loswüten, wie kraftvoll ihre Masse, ihre Muskelmasse bebt. Ein faszinierender Einblick in eine eigentümlich aus der Zeit gefallene Tradition.

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17. Februar, Tag 8
Was nun? Die Festspiele sind fast vorbei und noch immer ist kein eindeutiger Bärenkandidat in sich. Persönlicher Favorit und der vieler Journalisten ist ja Asghar Farhadis „Nader and Simin, a Separation“, eine konfliktreiche Familienstudie im Iran. Und durchaus „El premio“, der von Kinderlachen erfüllte, erschütternde argentinische Beitrag. Vielleicht hat ja nun auch Andres Veiel, der renommierte und engagierte Dokumentarfilmer („Black Box BRD“, „Die Spielwütigen“, „Der Kick“), Chancen auf einen Bären. Er hat jedenfalls für sein Spielfilmdebüt tolle Schauspieler versammelt, sogar die winzigen Rollen sind bemerkenswert besetzt – da taucht die herrliche Carmen-Maja Antoni vom Berliner Ensemble mal ganz kurz als Krankenschwester auf, Susanne Lothar als Mutter der Hauptfigur Gudrun. Diese Gudrun ist Gudrun Ensslin und gespielt wird sie von Lena Lauzemis.
Die junge Frau mit dem eigenartig herben Gesicht spielt enorm körperlich, mal schüchtern schlaksig, mal offensiv erotisch, hilflos, kraftvoll – einfach alle Facetten. An ihrer Seite nicht minder spannend August Diehl als Bernward Vesper, der Mann, mit dem die Ensslin lange liiert war und einen Sohn hatte, bevor sie sich dem Kampf gegen den Imperialismus mit wirklich allen Mitteln verschrieben hat. Vesper war der Sohn eines dichtenden Hitler-Fans, sein Leben lang sollte er sich an diesem Vater abarbeiten. Und an der Liebe zu Gudrun, die er selbst immer wieder mal verriet und die sie für Andreas Baader (Alexander Fehling gibt ihn schnöselig, potent, arrogant) und den Kampf aufgeben wird.
In der Pressekonferenz nach der viel beklatschten ersten Vorführung des Films kommt jedenfalls der eigene Zweifel sofort ins Gespräch: Ob Veiel diesen Film denn nur für ein deutsches Publikum gemacht hätte? Wer verstünde die historischen Zusammenhänge und wisse denn im Ausland schon, wer Walter Jens ist (bei dem Vesper studierte)? Das konterte Veiel mit dem Verweis, dass der Film eben auf mehreren Ebenen funktionierte, da er sich eben stark auch auf das Private konzentriere. Doch das Private ist für Veiel auch politisch: Ensslin muss ihr Kind aufgeben. Und diesen Schmerz, den kann sie nun mal nicht mit ein paar kleinen Agitationen in der Arbeiterszene verwinden – „da kann es nur noch um die Weltrevolution gehen“.
Der Zweifel nagt noch immer, auch wenn der Film gefiel. Denn auch ein jüngeres Publikum, das nicht mit breitem Wissen über die RAF ausgestattet ist – Diehl gestand, auch er habe wie die meisten bis vor ein paar Jahren nur die großen Schlagzeilen gekannt -, wird etwas hilflos auf die große Erklärung des Filmplots warten.
Veiel nun führt uns eine fast kleinbürgerliche Gudrun Ensslin vor, die auch Bernward Vespers verqueres Verhältnis zu seinem Vater brauchte, um sich in der Welt hinterfragen zu können.
Übrigens: Lena Lauzemis tut balinern tun, wenn sie nicht schick hochdeutsch reden muss vor einer Kamera oder auf der Bühne. Sympathisch und unbedingt einzuprägen, diese Frau.

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16. Februar, Tag 7, kurz nach Colin
Schon in Premierenroben, kurz vor der Abfahrt zur großen Galapremiere von „The King’s Sppech“ im Friedrichstadtpalast, präsentierten sich King George VI. Colin Firth, Filmgattin Helena Bonham Carter und Regisseur Tom Hooper den Journalisten im Pressezentrum im Hyatt-Hotel. Noch immer sieht sie etwas müde aus, die schöne Helena Bonham Carter, deren typische Blässe ja doch immer gern als vornehm verschlagwortet wird. Immer mal wieder lacht sie ihr heiseres, kehliges Lachen, mit den Kameras direkt vor dem Podium flirtet sie dennoch nicht. Colin Firth jedenfalls sieht sehr anziehend aus, wir erinnern uns an „A single Man“ und die bei ihm irre perfekt sitzenden Hemden.
Ob es nach der Rolle des stotternden Königs in „The King’s Speech“ schwierig war, wieder normal zu reden, wird er gefragt. Tatsächlich, sagt er, habe er eine gewisse Zeit noch langsamer geredet als normal. Als er über Ängste reden soll, verweigert er charmant miteinem Zitat aus „Lawrence von Arabien“: „My fear is my concern.“
Natürlich kommt die Oscar-Frage, immerhin, zwölfmal ist der Film dafür nominiert. Fasrig reagiert Hooper, natürlich habe er sich ausgemalt, was wäre, wenn er das goldene Bürschchen kriege in einer guten Woche. Tiefes Lachen von Bonham Carter. Und tschüss, auf zur Premiere.

16. Februar, Tag 7, kurz vor Colin
„Nazi-Filme gehen immer“, sagt die Journalistin neben mir trocken ins Telefon und marschiet schnurstracks zur Pressevorführug von „Mein bester Feind“. Moritz Bleibtreu spielt den Sohn eines jüdischen Kunsthändlers in Wien, der von seinem besten Freund an die Nazis verraten wird. Krude Story, die Regisseur Wolfgang Murnberger in der nachmittäglichen Pressekonferenz als eine Art Komödie verkaufen wollte. In der Vorführung jedenfalls saßen hinter mir zwei spanische Journalisten, die wonniglich alle Klischees aufzählten, die solche Filme von der Handlung her aufbieten können. Und die kamen. Nur die Sex-Szene, die sie prognostiziert hatten, fehlte dann doch…. Gleich ist die Premiere, am Roten Teppich war es schon gut gefüllt. Ob Bleibtreu allerdings kommen wird, war noch nicht ganz klar: Er steckt mitten in Dreharbeiten.
Komischerweise leerte sich der Pressekonferenzensaal nach der Fragerunde zum Film, die meisten Journalisten hatten wohl nicht mitbekommen, dass Helena Bonham Carter die Nigel-Slater-Biografie „Toast“ vorstellen würde. Und da kam sie dann auch prompt, müde sah sie aus, gähnte verhalten auf dem Podium und nippte am Kaffee. Er hätte, sagte ein Pressevertreter, nach dem Film, der die Jugend des berühmten britischen Kochs in den sechziger Jahren in Bonbonfarben malt, extremen Hunger nach der Filmvorführung bekommen. Und lobte Bonham Carter für ihre anregende Körpersprache. Da wurde sie dann doch etwas munterer, wenngleich die Aussicht darauf, am Abend noch eine Pressekonferenz und zwei Premieren zu absolvieren, ihr doch einen gehörigen Schrecken einjagte. Ich jedenfalls freue mich drauf, sie gleich nochmal zu sehen und neben ihr den Mann, der hoffentlich und hochverdient in einer guten Woche für „The King’s Speech“ den Oscar einstreicht (und Mrs. Bonham Carter ja eventuell auch!): Colin Firth.

16. Februar, Tag 7, vormittags
Die coolsten Schuhe des Festivals trägt Sandra Hüller. Zur Premiere von „Brownian Movement“ im Kino Delphi, das schönste Kino der Berlinale, kam die im Film so zurückhaltend wie businessschick gekleidete Aktrice in lachsfarbener Sackbluse und eben diesen eigentümlichen Heels hier links.
Wobei: Häufiger trägt sie im Film auch gar nichts, sondern dekoriert sich auf einem flusigen Flokati, um hier der Lust eines Mannes zu gehören. Doch dieser Mann ist nicht ihr Mann, der schöne Max (Dragan Bakema), sondern ein Patient. Die junge Frau ist Ärztin in Brüssel, Wissenschaftlerin, und mit geradezu wissenschaftlicher Akribie beginnt sie das eigene eigenartige Verlangen zu erforschen. Denn die Männer, die sie in einem eigens angemieteten Appartement trifft, sind wahlweise fett, extrem behaart oder alt und gebrechlich. Wie diese merkwürdigen Amouren nun vonstatten gehen, bleibt uns erspart, auch wird nicht versucht, das Begehren der Frau zu erklären. Regisseurin Nanouk Leopold beobachtet das alles aus einer Distanz, die nur dann bricht, wenn Sandra Hüllers Gesicht in Großaufnahme zu sehen ist. Die Regisseurin schwärmte, wie die Zuschauer auch, von diesem Gesicht, „bei dem man meint, die Gedanken lesen zu können“.
„Schnarchen sie nicht“, scherzte Nanouk Leopold vor der Premiere, denn der Film, warnte sie, sei sehr, sehr langsam. Doch genau diese Zeit, diese Ruhe braucht der Film, damit man in Sandra Hüllers Gesicht versinken kann und doch nichts begreift. Es wird nichts erklärt, nur vorgeführt. „Verstehen ist überbewertet“, so Nanouk Leopold. Es sei ein Film über die Akzeptanz, dass man eben nie alles weiß über die Person, die man liebt. Für die großartige Sandra Hüller, die wir schon etwas vermisst haben und die nun bei der Berlinale in gleich zwei Filmen präsent ist, jedenfalls eine sehr markante Rolle.

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15. Februar, Tag 6.
Eben bei McDonalds. Der Blick auf den Roten Teppich vor dem Berlinale-Palast ist gut. Alles hell erleuchtet, aber gähnende Leere. Die erste Premiere des Tages läuft längst. „Kommt Miley Cyrus auch?“, fragt mich ein kleines Mädchen neugierig, nachdem sie schüchtern gefragt hatte, ob ich arbeite auf der Berlinale. Äh, ja, Miley Cyrus, nein. Welche Stars denn kommen? Ich überlege, wen kann das Mädchen kennen, vielleicht Moritz Bleibtreu? Habe ich schon mal gehört, sagt sie, wenig interessiert. Aber die Mutter wird jetzt hellhörig, ich erzähle ihr vom Kinder- und Jugendfilmdfest Generation. Noch nie gehört, sagt die Berlinerin. Ich bin einigermaßen baff, schließlich fasst der Kinosaal im Haus der Kulturen der Welt, wo die meisten großen Premieren der Sektion Generation stattfinden, mehr als 1000 Leute und ist immer sehr gut gefüllt dieser Tage. Die Stimmung dort ist großartig, viele der Filme sind längst nicht nur für Kinder, was die alles begreifen, ist verblüffend, selbst seltsam verzirkelte Plots, bei den Fragerunden nach den Filmvorführungen – auch hier sind Schauspieler und Macher oft anwesend – sind sie superneugierig. Die Mutter dankt für den Tipp, mal gucken, sagt sie, kostet nur drei Euro Eintritt!, werbe ich, das Mädchen winkt zum Abschied.
Und ich trotte heim, voller heftiger Eindrücke, der Tag begann mit einem Film, der unbedingt Chancen auf einen Bären haben sollte: Der iranische Regisseur Asghar Farhadi (2009 Silberner Bär für „Wo ist Elly“) erzählt in „Nader and Simin, a Separation“ die Geschichte von Nader und Simin, die sich scheiden lassen wollen. Nicht, weil sie sich nicht mehr liebten, sndern weil Simin das Land verlassen möchte, um der elfjährigen Tochter der beiden ein besseres, ein ungezwungeneres Leben zu ermöglichen. Doch Nader zögert; er will seinen Vater nicht allein lassen, der hat Alzheimer. Simin zieht trotzig aus, Nader engagiert eine Pflegerin für seinen Vater. Die schwangere Frau ist überfordert, ein dummer Fehler führt zu einer Katastrophe, sie verliert ihr Kind und beschuldigt deshalb Nader, der Simins Vertrauen und das seiner Tochter verliert. Eine zunehmend verzwicktere Geschichte, die so ausweglos wohl nur in diesem Land, im Iran passieren könnte. Immer wieder kommt der Glaube ins Spiel. Groß war der Applaus schon nach der Pressevorführung.
Danach, „The Future“, wäre eigentlich ein perfekter Kandidat fürs Forum oder besser noch für das Panorama, habe mich etwas gewundert über diesen Indie-Film im großen Programm. Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin Miranda July ist auch Performancekünstlerin und wurde als Autorin für ihre Short Stories gefeiert. Am Ende ihres Films stirbt eine kranke Katze, weil Jason (Hamish Linklater) und Sophie (July) gar nicht fähig sind, Verantwortung zu übernehmen, sondern sich lieber treiben lassen. Porträt zweier Mittdreißiger, witzig, aber irgendwie belanglos.
Gewaltig und episch dagegen „Das Turiner Pferd“ von Bela Tarr: Der ungarische Autorenfilmer packt große, große Schwermut in seine schwarzweißen Bilder. Diese muss man aushalten können, vielmehr die Ausdauer dieser Bilder, umtost vom Klagelied des Windes. Erst hören die Holzwürmer auf, ihr täglich Werk zu verrichten, dann versiegt der Brunnen, das Pferd stirbt, das Licht verlischt. Über allem schwebt der zuvor aus dem Off geschilderte Vorfall anno 1889 in Turin, als Friedrich Nietzsche ein von seinem Bauern gequältes Pferd umarmt und dabei weint – danach versank er endgültig in dauerhafte geistige Umnachtung.
Auch wenn es schwer fällt nach diesem krassen Film: Gleich geht es zur Premiere von „Brownian Movement“ ins Delphi. Sandra Hüller, die mit „Requiem“ bekannt wurde und seitdem immer wieder durch tiefe Charakterrollen auffiel, gibt eine Ärztin, die sich zum Sex mit Patienten verabredet. Bevorzugt mit dicken, haarigen Männern…

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14. Februar, Tag 5, Teil 2.
Man soll den Menschen in die Augen sehen können, ihre Unbeschwertheit nach einer langen Arbeitswoche, ihr Glück bei der Hochzeit wahrnehmen. Wissend, dass das Leben, das sie hier so überschwänglich feiern, für sie eigentlich vorbei ist. Es ist Samstag, der 26. April 1986. Wir befinden uns in der Ukrainischen Sowjetrepublik, in Prypjat, wenige Kilometer vom Reaktor Tschernobyl entfernt. „V Subbotu“ (An einem Samstag), der Wettbewerbsbeitrag von Alexander Mindadze, zeigt uns nicht den Hergang der Katastrophe, sondern die Menschen, die nichts ahnen, weil sie nicht informiert werden – erst am Tag danach begann die Evakuierung der 48000 Einwohner zählenden Stadt.
Was in der morgendliche Pressevorführung einige offensichtlich irritierte Pressevertreter aus dem Kino trieb, wirkt nun, Stunden später, bei mir umso stärker nach. Diese Leute in so einem verrückten, unglaublichen, furchtbaren Moment im Glück zu zeigen, lässt eigene Erinnerungen an jenen 26. April 1986 aufkommen, von dem man hierzulande – und erst recht in der DDR – offiziell erst viel später erfuhr. Was für ein Grauen.
Für mich irritierend war eher die folgende Pressekonferenz, in der eigentlich russisch sprechende Journalisten wirre Fragen in Englisch oder Deutsch ablieferten, die finstere Assoziationen zu Parteikaderkauderwelsch aufkommen ließen.
Blutig und deutlich wurde es danach in „Coriolanus“, das Regiedebüt des Schauspielers Ralph Fiennes. Der Shakespeare-Mime hat sich Shakespeares blutrünstiges Drama um Caius Martius Coriolanus ausgesucht, einem erfolgreichen General, der Rom schon mehrfach vor feindlichen Einfällen bewahrt hat. Er will Konsul werden, doch das Volk, das ihn auch wählen muss, ist ihm verhasst. Es bestimmt ihn dennoch, zieht dann aber durch das intrigante Einwirken zweier Tribunen seine Entscheidung zurück, Martius wird verbannt. Da verbündet er sich mit seinem Feind und zieht kampfeswillig gen Rom. Das im Film keineswegs im 4. Jahehundert v. Chr. sondern im Jetzt angesiedelt ist, was verblüffend gut funktioniert! Ein gewaltiger und gewalttägiger Film mit gewaltigem Musikbombast und Vanessa Redgrave als starrsinnige, machtbewusste Mutter des Verbannten. Eine tolle Rolle für eine unglaubliche Schauspielerin, die denn auch in der Pressekonferenz bedacht wurde mit großem Applaus – auch von ihren Kollegen Gerard Butler, Jessica Chastain und Ralph Fiennes. Über den die Redgrave sagte, er sei ein „extraordinary director“ und sie habe vollstes Vertrauen in ihn gehabt.
Am Ende des Tages hatte der Wettbewerb dann doch noch Vergnügliches: In „Les femmes de 6ieme étage“ lernt der wohlsituierte Jean-Louis den Weg aus seiner noblen Wohnung in den Dienstbotenaufgang und dann noch weiter bis hoch zur 6. Etage, in der klassischerweise in Paris die Dienstmädchenzimmer – die Chambres des Bonnes – liegen. Hier trifft er auf muntere, stolze, trotz Ausbeutung durch ihre „bosses“ den Widrigkeiten ihres kargen Lebens trotzende Spanierinnen.

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14. Februar, Tag 5, Teil 1.
Tag 5 bricht an und noch immer ist kein Favorit in Sicht für einen Bären. Ob Ralph Fiennes mit seinem Regiedebüt „Coriolanus“ da Hoffnungen machen wird? Oder der Tschernobyl-Film „V Subbotu“ (An einem Samstag)? Beide haben heute ihre Premiere.
Groß jedenfalls war das Lob für Victoria Mahoneys Regiedebüt „Yelling to the sky“ über ein familiär stark gebeuteltes Mädchen in der harten Realität in einem Gang-beherrschten Viertel in Queens. Sweetness ist tough, stark genug, um die Depressionen der Mutter, den brutalen Vater und die Verzweiflung der schwangeren Schwester abzufedern. Dass die 2010 für „Precious“ für einen Oscar nominierte Gabourey Sidibe hier in einer Nebenrolle zu sehen ist, macht die inhaltliche Nähe beider Filme noch sinnfälliger: In beiden Sozialdramen begehren die Mädchen auf, Sweetness allerdings stürzt dadurch ab, dealt, kokst, bis die plötzlich aufkeimende Sorge ihres Vaters sie so verunsichert, dass sie endlich spürt, dass sie eben doch nicht alles im Griff hat. Tolle Leistung der Hauptdarstellerin Zoë Kravitz. Aber irgendwie doch kein Bärenkandidat.
Am meisten beeindruckt hat mich bislang jedoch Paula Galinelli Hertzog in „El premio“. Mal wieder, wie schon 2010 beim Berlinale-Gewinner „Bal“, überzeugen hier die kleinen Darsteller. Wie unbefangen die Kinder in dem argentinischen Beitrag lachen, wie unbeobachtet sie sich trotz der Kamera zu fühlen scheinen, steht in krassem Gegensatz zu dem Unheil, dass über der kleinen Cecilia und seiner Mutter schwebt. Es ist die Geschichte der Regisseurin Paula Markovitch, die mit ihrer Mutter während der Militärjunta in Argentinien untertauchte. Ein fast kammerspielartiger Film, der stark nachwirkt, gerade weil er soviel unbeschwerte Kindheitsmomente einfängt.
Leider außer Konkurrenz im Wettbewerb: „Almanya“ von den Samdereli-Schwestern. Noch nie gab es auf der immer auch sehr politischen Berlinale so viel zu lachen. Dabei ist die grandios pointierte Komödie eigentlich sogar hochpolitisch, denn es geht um die bis ins Heute reichende Geschichte der Familie eines Mannes, der 1964 als junger Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kommt und bei der Einbürgerung als alter Mann seinen starken Integrationswillen zeigen muss. Wie hier, mit einer Fantasiesprache und genauen Beobachtungen, der Zusammenprall der Kulturen humoristisch aufgefasst wird, Klischees und Vorurteile präzise vorgeführt werden, ist von einer verblüffenden Leichtigkeit. Der Film wird, wenn er ab 10.3. bundesweit in den Kinos läuft, definitiv ein Kassenknüller werden!
Eindringliche Filme bieten vor allem die anderen Sektionen, durchaus auch mit Humor wie in „Die Vaterlosen“ von Marie Kreutzer. Gestochen scharf sind die Texte des Drehbuchs, was Wunder, ist die Regisseurin doch vor allem eine gestandene Drehbuchautorin. „I‘ muss doch net höflich zu euch sein, ihr seid’s meine Familie“, sagt da ein Bruder mal zu dieser versprengten Geschwistertruppe. Ein Film mit sehr viel Wahrheit, der aber auch offensiv mit Klischees spielt. Und einen Eindruck hinterlässt, der es an einem mit Filmen vollgepfropften Berlinale-Tag schwer macht, tatsächlich gleich im Anschluss in die nächste Vorführung zu wanken.
Auch sehenswert: „Sing your Song“, ein Porträt Harry Belafontes. Ein toller Typ, Musiker, Mensch, ein Kämpfer, der hohe Einsätze hatte und viel verändern konnte. Irre, dass doch irgendwie jeder, über mehrere Generationen hinweg Harry-Belafonte-Erinnerungen hat. Und wenn es an seine Auftritte in der Muppet-Show ist – die neben seinem Kampf an der Seite Martin Luther Kings natürlich auch in der Doku zu sehen sind. Ein fader Beigeschmack bleibt allerdings bei dem Film: Produziert von der eigenen Produktionsfirma erstaunt es kaum, dass der Film seltsam unkritisch bleibt. Ein persönliches Porträt sucht die Brüche, um einem die Person wirklich nahebringen zu können. So lenkt Belafonte noch im hohen Alter – fast 84 ist der Barde jetzt – geschickt das Bild der Öffentlichkeit von sich. Und die hat dieser Tage gleich mehrere Male Gelegenheit, über ihn zu jubeln. Denn auch in Mika Kaurismäkis wunderbar energetischem Porträt über die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba taucht Belafonte auf, er spricht auf dem Berlinale Talent Campus und wird auch in der Doku „The Black Power Mixtape“ über die Black-Power-Bürgerrechtsbewegung gewürdigt. Gute Gelegenheiten also für all diejenigen, die sich noch alte Calypso-Schallplatten signieren lassen wollen.

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13. Februar, Tag 4.
Eben war es noch knallbunt auf der Leinwand in Michel Ocelots 3D-Animationsfilm „Les contes de la nuit“, da hängt ein Schneegestöber einen tristen Grauschleier über den drögen Potsdamer Platz. Schon frühmorgens, vor 9 Uhr und damit locker eine gute Stunde vor Öffnung der Ticketcounter in den Potsdamer-Platz-Arkaden, waren die Warteschlangen dort lang. Mit Klappstühlchen und Thermoskanne harren die Cineasten aus, sehen erstaunlich frisch und entspannt aus für den Sonntagmorgen. Hektik bricht erst aus, als zur zweiten Wettbewerbs-Pressevorführung des Tages, „Pina“ von Wim Wenders, Presseleute und Film-Market-Akkreditierte in den Berlinale-Palast drängeln. Mit der 3D-Brille auf der Nase fühlt es sich tatsächlich so an, als würde man in einem Theater sitzen und die Tänzer von Pina Bauschs Wuppertaler Compagnie auf der Bühne beobachten. Auf einmal ist man mittendrin in der Reihe der Tänzer, die sich durch zarte Organza-Vorhänge bewegen. Da! Ich greife unwillkürlich nach vorn als wollte ich den Stoff sanft beiseite ziehen, so nah, so mittendrin ist man plötzlich. „Tanz um die Liebe“, sagte Pina Bausch, die große, 2009 verstorbene Zauberin des Tanztheaters, mal zu einem jungen Tänzer. Du musst mir Angst machen, zu einem anderen. Oder: Deine Zerbrechlichkeit ist deine Stärke. Mit solch kurzen Statements nur drang sie genau im richtigen Moment ein in die Seelen ihrer Tänzer, die allesamt starke Individuen sind auf der Bühne, immer wieder. Zweimal hatte ich das große Glück, Pina Bauschs Tanztheater live zu erleben. Das wirkt nach, auch Jahre später noch. Was für ein Geschenk also sind Wim Wenders überwältigende Bilder, die ab 24.2. jedermann überall in den Kinos sehen kann. Eine Hommage an Pina und den suggestiven Sog des Tanzes. Der uns berührt, ganz tief drinnen, dort, wo das Begreifen manchmal nicht mehr erklärlich ist.

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12. Februar, Tag 3.
Puh, der Tag startete schwülwarm. Die Sonne schien herrlich, am Potsdamer Platz fehlte die werktägliche Geschäftigkeit, nur dort, wo die für den Filmmarkt Akkreditierten, die Agenten und Einkäufer, ihre Eintrittskarten kriegen, war es voll. Mehrfach drehte sich die Warteschlange um sich selbst, einige von denen dürften locker seit halb acht angestanden haben. Da hat es die Presse noch bequem, „erst“ um 9 Uhr beginnen die Vorführungen. Und rein kommt man mit dem roten Presseausweis auch noch auf den letzten Drücker.
Im Kino ging es nach Kamerun, in die Wärme, die die Sonne draußen zwar versprach, aber nicht hielt. „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler begleitet das Leben eines deutschen Arzts. Gute Darsteller, große Nähe zu den Figuren, aber von der Geschichte her leider etwas verquast. Mit dabei ist der Franzose Hyppolyte Girardot, der irgendwie immer sinister zu zu lächeln scheint, auch gerade jetzt bei der Pressekonferenz, obzwar ihm die Ernsthafigkeit beim Gesprächsthema Entwicklungshilfe natürlich anzusehen ist. Bislang noch nicht auf der Leinwand bewusst wahrgenommen: Hauptdarsteller Pierre Bokma, ein in Paris geborener Niederländer, der bereits einen Emmy einstreichen konnte.
Heute wird in der Reihe Perspektive deutsches Kino ein Film Premiere haben, der uns ebenso einen bis dato noch nicht allzu oft aufgetauchten Darsteller vorführt: Joseph K. Bundschuh. Der junge Schauspieler ist einfach großartig in Dirk Lütters „Die Ausbildung“. Ein zartes Mienenspiel, Spannung im Körper, spürbar wird die Unsicherheit des jungen Azubis Jan, der versucht, all seine Aufgaben zur Zufriedenheit seines Chefs zu lösen, der sich zwar pseudovertraulich duzt mit seinen Mitarbeitern, tatsächlich aber wenig für sie tut. Bei Jan aber setzt das Begreifen erst allmählich ein. Auch toll in diesem Regiedebüt Lütters, der eigentlich Kameramann ist: Anke Retzlaff als Jans Freundin, sie spielt in dieser Rolle ein ungelenkes und doch seltsam selbstbewusstes Mädchen. Lütter hat einen enorm guten Blick für Figuren und Darsteller.
Eröffnet wurde die Perspektive-Sektion gestern Abend mit „Utopia Ltd.“, einer Doku über die Hamburger Punkband 1000Robota. Drei Schulfreunde, denen zwar noch das einst so Rebellische des Punk bewusst ist, die das aber selbst nicht leben können. Zu akzeptiert ist das, was sich durch dier Musik mal ausdrückte. Doch sie machen auch ordentlich Krach und das so gut, dass sie einen Plattenvertrag kriegen. Die drei Jungs lernen nun die Realität des Musikbusiness‘ kennen, haben zunächst noch Visionen, große Träume, wollen was mitteilen. Die Kamera ist immer dabei, sehr nah, sehr ehrlich. Nach drei Jahren sind sie reifer, klüger, studieren. Die Musik ist noch immer wichtig, aber irgendwie doch nicht alles.
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11. Februar, Tag 2.
Darauf können auch nur Hollywood-Stars kommen: Diane Lane besichtigte die Alte Nationalgalerie mit Sonnenbrille auf der Nase. Sie hatte ihren Mann Josh Brolin zur Premiere von „True Grit“ nach Berlin begleitet und wollte beim kunstvollen Zeitvertreib wohl besonders unerkannt bleiben. Dabei zeichnet die Berliner doch gerade ihr Gleichmut aus: Es wird mal kurz geguckt, nicht geglotzt, und dann ist auch wieder gut. In der Stadt wohnen schließlich genug Prominente, würde man jedes Mal, wenn man eine der bekannteren Nasen sieht, Herzflattern kriegen, bräuchte man einen Schrittmacher.
Na gut, stimmt schon, zur Berlinale ist das Promiaufkommen nochmal höher und nur dann holt jemand wie Uwe Ochsenknecht so ein fesches rotes Pailettenjacket raus, wie das, in dem er vor der abendlichen Premiere von „Margin Call“ am Eingang des Hyatt-Hotels formvollendet angeschickerte Damen begrüßte.
Anna Maria Mühe jedenfalls, die gestern gemeinsam mit ihrer guten Freundin Hannah Herzsprung die Eröffnungsgala der Filmfestspiele besuchte, plauderte vor einigen Tagen im PRINZ-Interview auch über das Erkanntwerden in der Öffentlichkeit. Dabei saß sie, von der Sonne angestrahlt, am Fenster des Restaurants Mädchenitaliener. Hin und wieder schaute jemand im Vorbeigehen ein paar Sekündchen länger zu unserem Tisch, aber weniger irritiert wegen des bekannten Gesichts als wegen des Fotografen, der uns umtänzelte. Sie würde lieber, sagte sie, mal direkt angesprochen als nur beobachtet werden. Denn die heimlichen scheuen Blicke sind viel irritierender als wenn jemand sich als Fan outet und um Autogramme bittet. Also doch mit Sonnenbrille ins Museum?
Sympathisch unprätentiös war heute Jury-Mitglied Nina Hoss unterwegs. Zur Pressevorführung von „El premio“ schob sie sich ganz normal, nicht abgeschirmt, mit einem Schwall Journalisten ins Parkett des Berlinale-Palastes. Dass sie dennoch auffiel, lag vor allem daran, dass sie die meisten Leute schlichtweg überragte.

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10. Februar, Tag 1.
Alles ganz entspannt und irgendwie wie gewohnt. Außer: Die Sonne scheint, absolut Berlinale-untypisch. Trotzdem taucht die Journaille mittags hochmotiviert ab in die finsteren Kinosäle, um „True Grit“, den Eröffnungsfilm der Berlinale, schon mal vor der Premiere zu begutachten. Da ist es wieder, der geliebte, lang vermisste Berlinale-Jingle, wo die Weltkugel, bevor sich daraus der Berlinale-Bär formt, noch ein wenig erinnert an die Überreste der kugelförmigen Weihnachtsdeko draußen auf dem Potsdamer Platz. Wie war doch gleich das Klischee, Amis sprechen manchmal wie mit Murmeln im Mund? Wenn Jeff Bridges als versoffener US-Marshall loslegt, ist echt kein Wort zu verstehen. Zum Glück gibt es Untertitel. Die Bridges selbst übrigens wenig später in der Pressekonferenz, nun mit wohl gesetzten, sehr gut verständlichen Worten, sogar für Vorführungen in seinem Heimatland empfehlen würde.
Berlinale-Chef Dieter Kosslick hatte letztens mal gesagt, „True Grit“ sei für ihn eigentlich ein Frauenfilm. Dabei ist die Figur der 14-jährigen Mattie Ross die einzige weibliche Rolle. Aber die ist taff, selbstbewusst und extrem klug. Paff, Wumm, Peng, es knallt ordentlich und dank Bridges bietet dieser Western immer wieder herrliche Pointen.
Am Ende, wie es sich bei der Berlinale gehört, Applaus, auch das habe ich vermisst, selbst bei Pressevorführungen wird munter geklatscht und durchaus auch mal gebuht.
Schon eine halbe Stunde vor der Pressekonferenz ist der große Saal im Hyatt-Hotel völlig überfüllt. Tolle Aussichten für die nächsten Tage. Beeindruckend ist die Armada aus Filmkameras. Auch die Fotografen stehen längst vor dem Podium bereit. Irgendwann kommt auch Erika Rabau, eine der Konstanten der Filmfestspiele. Die Fotografin war gefühlt schon immer dabei, hatte alle, alle Stars vor ihrer Linse.
Endlich rücken sie an, die Stars des Films, die Coen-Brüder wirken etwas gelangweilt, Josh Brolin sorgt dafür, dass eine Journalistin prompt rot wird bei ihrer Frage, wie es für die junge Hailee Steinfeld war, so allein unter Männern. Sie wäre wohl gern an ihrer Stelle gewesen, vermutet Brolin frech. „They are masters“, schwärmt Jeff Bridges über das meist wortkarge, heute erstaunlich redselige Regieduo. Leider fehlt auf dem Podium Matt Damon, der in „True Grit“ ausnahmsweise mal nicht so hölzern daher kommt wie in den meisten seiner Filme. Die Coens haben eben gute Händchen für die Auswahl ihrer Darstellerriege. Sie trauen ihren Akteuren viel zu, das spürt man immer wieder, erst recht bei „True Grit“. Cooler Berlinale-Start.
Karen Grunow