Die erste Nacht war seltsam. Zuerst hieß es, sie müsse jetzt ganz schnell einziehen, noch vor dem Wochenende. Dann hieß es, die Schlüssel gebe es frühestens Montag. Und als Monique sich schon auf eine Nacht im Umzugswagen eingerichtet hatte, bekam sie am späten Freitagnachmittag doch noch die Schlüssel. Sie hatte ihre neue Wohnung noch nicht gesehen, und so dachte sie wie die meisten Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren noch, Wohnen bedeute, zu viel Geld für zu wenig Platz irgendwo am Ende einer Stadt zu bezahlen und sich Dusche und Küche mit ungefähr sechs anderen Menschen zu teilen.

Und dann stand sie mitten in Amsterdam in einem monströsen Industrieziegelbau aus dem 19. Jahrhundert, wo sie sich irgendeins der hellen, loftartigen Zimmer aussuchen konnte. Ihre Küche ähnelte eher einer dunklen Bar, in der man leicht 200 Menschen unterbringen könnte. Alles lila, eine riesige Theke, ein paar Bistrotische; ein verlorener Versuch aus vergangenen Zeiten, dem Raum so etwas wie Gemütlichkeit abzutrotzen. Und wenn sie aus dem Küchenfenster schaute, sah sie das Innere einer Industriehalle, in der große Wasserkessel standen, mit denen man früher die gesamte Stadt beheizte. Irgendwo lagerte noch eine komplette Rolltreppe.

Monique Bloemsma, 26 Jahre alt und Studentin der Neuropsychologie, fand trotzdem, dass es das Beste war, was ihr hätte passieren können. Das alte Kraftwerk war bis vor Kurzem ein Energiemuseum, bis es die Stadt Amsterdam aus Finanzgründen aufgab. Da wegen Denkmalschutz sonst nicht viel mit dem Gemäuer anzufangen war, wandte sich die Stadt an eine Firma namens Camelot, die dafür sorgte, dass Monique jetzt das beste Zuhause besitzt, das sie jemals hatte. Mitten in der Stadt, groß, anders und aufregend. Vor allem billig: In einer Stadt, in der ein möbliertes Zimmer von noch nicht mal zehn Quadratmetern je nach Lage zwischen 400 und 700 Euro kostet, zahlt Monique für ihre etwa 50 bis 60 Quadratmeter unfassbare 175 Euro.

Und dafür musste sie eben in Kauf nehmen, sich die erste Nacht erst mal etwas verloren zu fühlen. „Aber darum geht es ja auch bei Camelot“, sagt Monique: „Man muss sehr flexibel sein.“ Eine Untertreibung. Denn man kann auch sagen: Wer bei Camelot einzieht, muss auf alle Gewissheiten, die einem sonst das Mietrecht zugesteht, verzichten. Moniques Kündigungsfrist beträgt zwei Wochen, und wenn die Stadt Amsterdam eine Möglichkeit gefunden hat, etwas anderes mit dem Kraftwerk anzufangen, muss sie raus. Bis dahin wird sie als eine von sechs Wächterinnen darauf aufpassen, dass sich keine Obdachlosen in dem Kraftwerk niederlassen, niemand illegale Raves organisiert oder Sprayer die Ziegel zutaggen. Einfach so, indem sie dort jetzt lebt.

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Denn das ist das Prinzip von Camelot: Die Eigentümer von leer stehenden Gebäuden mit Menschen zusammenzubringen, denen es wichtiger ist, billig und aufregend zu wohnen als sicher und behaglich. Entstanden ist die Idee Anfang der neunziger Jahre, als der BWL-Student Bob de Vilder, heute Marketing Manager von Camelot Europa, eine billige Wohnung suchte. Damals waren illegale Hausbesetzungen ein großes Problem in den Niederlanden. Also schlug Bob, ein großer, jungenhafter Mann mit dem schallenden Lachen eines Menschen, der komplett mit sich und der Welt im Reinen ist, den Gemeinden vor, sich darum zu kümmern, dass die leer stehenden Gebäude bewohnt und bewacht werden. So würden Hausbesetzer genauso abgeschreckt wie Graffiti-Sprayer.

Mittlerweile gibt es 40 solcher Firmen, wobei Camelot mit zehn Prozent Marktanteil die größte ist. Und auch die einzige, die in andere Länder expandiert hat. Kein Wunder, dass Camelots Geschäft in Städten wie London und Paris mit notorisch hohen Mieten und sich rasch verändernden Stadtvierteln boomt. Denn Camelot gibt die Möglichkeit, billig in Häusern zu wohnen, an die man sonst nie rankommen würde: Pubs etwa. Feuerwehrhäuser. Verlassene Hotels. Wasserschlösser sind auch dabei. Bob selbst etwa lebte einige Zeit in der ehemaligen italienischen Botschaft in Den Haag mit eigenem Swimmingpool und Marmorboden.

Camelot sieht sich nicht dem Gemeinwohl verpflichtet, sondern will durchaus Geld verdienen. Damit das funktioniert, gibt es Regeln, die auf Anhieb erst mal sehr hart klingen. Neben der Kündigungsfrist von zwei Wochen gehört unter anderem dazu, dass drinnen nicht geraucht werden darf und Haustiere genauso verboten sind wie Kinder. Will man mehr als zehn Leute einladen, muss man sich das genauso genehmigen lassen wie Urlaub, da immer jemand in dem Objekt sein soll. Außerdem machen Mitarbeiter von Camelot jeden Monat einen unangemeldeten Kontrollgang, bei dem sie die komplette Anlage begutachten und schon mal mahnen, wenn es im Zimmer unordentlich aussieht. „Wir suchen junge Menschen mit einem erwachsenen Lebensstil“, sagt Bob de Vilder zu den Regeln.

Gleichzeitig darf es aber auch nicht zu erwachsen sein. Schaut man in die Zimmer der Wächter von Camelot hinein, findet man nur wenig, das sich nicht innerhalb eines Nachmittags schnell in einem Auto verstauen ließe. Große Ikea-Kartons zu Pappkommoden aufeinandergestapelt sind sehr beliebt, viele Camelot-Profis steigen mit der Zeit auch auf Militärfeldbetten um. Laut Bob entscheiden sich viele Künstler, besonders Maler, für Camelot. Menschen, die es aushalten, in äußerst unfesten Verhältnissen zu leben.

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Denn: Für wen sich das Wort Wohnung nach einem Zuhause, nach Sicherheit und Komfort anhört, der dürfte Camelot mit Sicherheit hassen. „Mit Camelot gibt es keine neue Küche“, lacht Bob. Meist gibt es sogar gar keine Küche, nur einen Kühlschrank, eine Herdplatte sowie eine mobile Dusche. Schöner wohnen sieht anders aus. Aber auch weniger interessant. Monique nutzt etwa die alte Schultafel in ihrem Zimmer für Blumenbilder. So wie Saron und Sjoerd, die gerade die zwei Zimmer nebenan beziehen „Hier oben kommt das Schlafzimmer rein.“ Saron zeigt auf ein Podest, das etwas erhöht am Ende von ein paar breiten Stufen liegt. Sie strahlt, vollkommen überwältigt davon, einen Raum zur Wohnung umzuarbeiten, der eigentlich gar nicht zum Wohnen gedacht war.

Denn mit Camelot verändert sich der Blick auf eine Stadt. Ein leere Fabrikhalle ist nicht einfach mehr eine Fabrikhalle, eine geschlossene Schule nicht mehr nur eine traurige Fußnote der alternden Gesellschaft. Ein so bedrückender Ort wie ein Altersheim in der Mitte Amsterdams wird im Sommer zum schönsten Ort der Welt, wenn man entdeckt hat, dass auf dem Dach ein Wintergarten mit großer Dachterrasse und einem unbezahlbaren Blick über Grachten und Luxuslofts liegt. Doch wenn man Pech hat, findet sich schnell ein Investor, und nach nur wenigen Monaten muss man wieder raus. Es gab zwar Wächter, die acht Jahre in einem Gebäude wohnten. Der Durchschnitt jedoch liegt bei einem Jahr.

Im ehemaligen Kraftwerk dürften Monique, Sjoerd und Saron relativ lange bleiben. Es gehört der Stadt und steht unter Denkmalschutz. Bei Pasquale hingegen sieht es nicht ganz so gut aus. Der 40-jährige Italiener wohnt im Labor einer ehemaligen Weinabfüllanlage im still gelegten Hafengebiet von Amsterdam, wo nach und nach besetzte Häuser verkauft und generalsaniert werden, bis ein Investor teure Apartmenthäuser draufstellt. So grenzt noch ein besetztes Haus an die Abfüllanlage; deren alte Schreibtische an der Fensterfront ließ der IT-Manager stehen und richtete in dem kleinen Glasverhau, wo früher Bunsenbrenner und Pipetten standen, seine Küche ein. Bis auf die große Bogenlampe und sein Bett hat er fast nichts mitgenommen. Er mag die Stille und den Blick direkt auf das Wasser, sagt er. Außerdem sei es inspirierend, so viel Platz zur Verfügung zu haben.

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Zwar fiel neulich die Heizung aus, und ein wenig seltsam findet er es schon, neben Hausbesetzern zu wohnen, gegen die er das Grundstück bewachen soll. Aber das sei eben der Preis dafür, dass er Camelot nur ein Drittel der Miete zahle, die er für seine alte Wohnung bezahlt habe. „Sie sind jetzt nicht von der Fürsorge, aber sie tun ihr Bestes“, sagt Pasquale. „Sie wollen nicht viel zu tun haben“, sagt hingegen Monique. Schließlich betreut Camelot mit nur einer Handvoll Leute Hunderte von Gebäuden allein in den Niederlanden. Und verdient damit gut. Wie viel genau, will Unternehmensgründer Bob nicht sagen. Es sei aber sehr gut. Wie sehr, lässt sich vielleicht daran ablesen, dass Camelot nach England, Irland und Frankreich als nächstes Deutschland anvisiert hat. Zwar reagierten die Gemeinden auf die ersten Anfragen skeptisch, aber ganz ehrlich: Es ist ja nicht so, als ob es in Berlin, Hamburg oder im Ruhrgebiet keine leer stehenden Bürogebäude und verlassenen Industrieanlagen geben würde. In Leipzig und Dresden kümmert sich bereits die kleinere Initiative HausHalten um die Nutzung leer stehender Gebäude. Ab Ende 2009, Anfang 2010 will auch Camelot bundesweit die Möglichkeit geben, in aufregenden, aber äußerst unsicheren Verhältnissen zu wohnen.

Was allerdings jeder für sich beantworten muss, ist die Frage danach, ob man einen Ort, von dem man nicht weiß, wie lange man dort bleiben wird, einen Ort mit mobiler Dusche und zwei Herdplatten in einem riesigen und alten Gebäude, in dem die Heizungen im Winter ausfallen, ob man so einen Ort also Zuhause nennen kann. Fragt man Monique danach, schaut sie sich kurz in ihrer neuen Wohnung um: Es ist früher Abend. Da stehen ein kleiner Esstisch, ihr Bett, Blumenvasen. Durch die großen Fenster leuchtet die orangewarme Frühlingssonne hinein. Ja, sagt sie, das ist zu hundert Prozent ihr Zuhause. Und zwar das Beste, das sie jemals gehabt habe. Auch wenn nur die nächsten zwei Wochen sicher sind.
Alexander Runte