Das Klima zu retten ist so einfach. Der zeternde Pfandsammler, der mit Hitlergruß an den aufgeleinten Karotten und Luftballonknäueln vorbeistapft, lässt seine Chance darauf links liegen. Schon mit dem Kauf einer Flasche Billigbier hätte er seinen Beitrag leisten können. Hier an der Sielwallkreuzung im Bremer „Viertel“, wo vor rund 20 Jahren Straßenkämpfe zwischen Autonomen und Polizisten bundesweite Aufmerksamkeit erregten, fliegen heute keine Steine, um Veränderung herbeizuführen. Es soll ein Stein ins Rollen gebracht werden. Beiläufig. Fast mühelos. So, dass es nicht weh tut. Mit einem Carrotmob im Que Pasa Amigos. Einem stinknormalen Kiosk. Ihr Deutschland-Debüt gab die Klimaschutzaktion im vergangenen Jahr in Berlin-Kreuzberg. Bis zu 50 Meter schlängelten dort die Kunden vor einem Spätkauf, der sich vertraglich bereit erklärte, 35 Prozent seines Tagesumsatzes in klimafreundliche Maßnahmen zu investieren. Im Gegenzug rührte eine Gruppe junger Umweltaktivisten kostenlos die virale Werbetrommel für das terminierte Massenshopping. Vor allem über Blogs, Twitter und soziale Netzwerke. Die Guten belohnen, die Einsichtigen unterstützen, die Unwissenden sensibilisieren. Die vom Bundesministerium für Umwelt gestützten Aktionen krempeln das Prinzip des Boykotts um. Profitieren sollen die Läden, die bereit sind, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Das sind die Ziele eines Carrotmobs. Klimaschutz to go. Gutes Gewissen schon ab 50 Cent.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.


Den Esel in Bewegung setzen

Munir Akbari sieht nicht aus wie ein Esel. Hinter seiner Ladentheke, auf der sich neben Kaugummipäckchen und Feuerzeugen heute Broschüren vom Naturschutzbund, Ökostromanbietern und Klimaschutzprojekten stapeln, erinnert er eher an einen freundlichen Tapir. Und doch nimmt der Kioskbesitzer des Que Pasa Amigos in der Herleitung des Namens Carrotmob die Eselrolle ein. Ein englisches Sprichwort besagt, dass man das sture Tier nur auf zwei Arten in Bewegung setzen kann: Entweder hält man ihm eine Karotte vor die Nase, oder man benützt einen Knüppel. Munir Akbari, der von Freunden und Stammkunden nur „Monet“ genannt wird, weil er sich früher auf den Straßen des Viertels Geld mit Porträtmalerei verdiente, hat sich für die Karotte entschieden. Er machte den Carrotmob- Organisatoren das beste Angebot aller ansässigen Ladenbesitzer. Er ließ sich dazu bewegen, 50 Prozent des heutigen Umsatzes in Klimaschutzmaßnahmen fließen zu lassen. In Energiesparlampen, eine neue Tiefkühltruhe und die Umstellung auf Ökostrom. Um das alles unter der Aufsicht einer Energieberaterin zu realisieren, muss heute noch viel über seine Ladentheke wandern.

Monet hat schon einiges ausprobiert hier im Viertel. Seine klassenzimmergroße Ladenfläche war zwischenzeitlich ein Bistro, ein Internetcafé und ein Getränkegroßhandel. Nichts davon wollten die Bremer. Mit der Rückkehr zum Kiosk hatte er den richtigen Riecher. So etwas brauchen die Leute hier im multikulturellen Szeneviertel. Keinen Bistro-Firlefanz. Langsam und überdeutlich erklärt Monet einer alten Dame mit Rollwagen, warum sein Kiosk heute wie ein Kindergeburtstag dekoriert ist. Warum es Gratismöhren gibt, HipHop-Musik das Brummen der Kühlschrankfront übertönt, diese junge Dame sich eine riesige Pappkarotte um den Hals gehängt hat und am Baugerüst vor dem Eingang blaue, gelbe, rote Zettel mit handgeschriebenen Konsumaufforderungen im Wind flattern. Eigentlich wollte das verdutzte Mütterchen nur wissen, welche Apfelschorlen- Sorten es gibt. Nun hat es eine Ahnung, wie ein Carrotmob funktioniert. Selbst die vier afrikanischen Dealer freuen sich über das ungewöhnliche Unterhaltungsprogramm. Im halbstündigen Takt laufen sie ein, schnappen sich eine Dose Fanta und wippen dabei geschmeidig zu Peter Fox‘ Musik. Zu Texten wie: „Bereit die Welt zu retten, auch wenn das vielleicht zu viel gewollt ist.“ Ein Teil des Gelds, das ihnen an der Ecke im Austausch gegen kleine Plastikpäckchen von den Junkies in die Hände gemogelt wird, wandert heute in den Klimaschutz. So einfach ist es.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.


Effizienz ist nicht alles

Die „Taz“ raschelt durch die Reihen der jungen Aktivisten, die sich von der Kioskkundschaft nur durch einheitliche Shirts und Buttons abheben. Man muss ihn schon suchen, den kleinen Artikel auf der letzten Seite der heutigen Samstagsausgabe. Enttäuschung macht sich breit. Man hatte wohl gehofft, dass die kritischen Fragen des Interviewers am Ende doch nicht gedruckt würden. Dabei waren die Antworten von der 19-jährigen Schülerin Marie Schäffer und Vanessa Hagedorn, Bürokauffrau im dritten Lehrjahr, im Vorfeld so gut einstudiert. Warum man die Aktion nicht in Fairtrade- oder Bio-Läden stattfinden lasse? Weil Kunden und Betreiber dort schon sensibilisiert seien. Ob der Aufwand bei den bescheidenen Carrotmob- Umsätzen gerechtfertigt sei? Niemand behaupte, die Welt zu retten. Es ginge lediglich um einen Beitrag. Die Enttäuschung steht ihnen ins Gesicht geschrieben: Da engagiert man sich als junger Mensch schon, und trotzdem wird gemeckert.

Fünf Monate Vorbereitung stecken hinter der Bremer Aktion. Einmal die Woche zwei Stunden diskutierte, plante und bastelte die Carrotmob-Elf an diesem Tag herum. Mit Nebenjobs, die mit zehn Euro die Stunde bezahlt werden, hätten sie in derselben Zeit 4400 Euro erwirtschaftet. Mehr, als bei jedem bisherigen Carrotmob für Effienzmaßnahmen zusammenkam. Eine zynische Bilanz, die außer Acht lässt, dass heute nicht allein Geld zählt. Es geht darum, Menschen jeden Alters und jeder sozialen Schicht in Berührung mit Klimaschutz zu bringen. Aufmerksam zu machen. Zum Umdenken anzuregen. Als Kartenabreißer eher schwierig. Ein anderes Papier macht die Zeitungsschelte wieder vergessen. Stolz lässt Monet den ersten Kassensturz in seiner Hand zappeln. Einen Zettel voller Euro-Beträge, die aussehen wie ein durcheinander geratenes Sudoku-Spiel. 0,50 – 1,50 – 0,99 – 2,45 – 1 – 0,89 – 4,70 – 0,60 – 2 – 0,99. Mühsam ernährt sich der Klimaschutz. Gerade war Abpfiff bei Werder. Zwei zu eins. Für den Kiosk sind Siege Gold wert.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.


Beim ersten Mal tut’s noch weh

Nicht alles, was an diesem Tag geplant war, lässt sich in die Tat umsetzen. Nicht alles kommt an. Zum Beispiel der abgebrochene Garderobenständer, an dem ein halbes Dutzend dicke Karotten an Geschenkbändern baumeln. Die Do-it-yourself-Werbemaßnahme, mit der einer der Jungs durch die umliegenden Straßen marschiert, verängstigt die Passanten. Verübeln kann man es ihnen nicht: Es sieht aus wie ein Dildobäumchen. Die Clowns und Leute vom Improvisationstheater hatten kurzfristig anderes zu tun. Wertvolle Erfahrungen für die Organisatoren. Immerhin, der Singer- Songwriter ist gekommen, um sein trauriges Klimaschutzlied zu spielen. Beim nächsten Mal wolle man sowieso alles größer aufziehen und Verträge mit den Künstlern machen. Wenn es um Klimaschutz geht, ist Vertrauen gut. Aber Kontrolle unumgänglich.

Um drei Uhr nachts trägt der letzte Kunde sein Wegbier hinaus. Auf Monets Zettel stehen 1765 Euro Tagesumsatz. Das Doppelte eines durchschnittlichen Samstags. Macht fast 900 Euro für das Klima und nach Durchführung der geplanten Maßnahmen 17,5 Tonnen weniger Kohlendioxid pro Jahr. Weniger als ein einzelner Durchschitts- Amerikaner im selben Zeitraum verbraucht. Ein Carrotmob allein kann die Welt nicht verändern. Viele setzen ein Zeichen, bringen den Stein ins Rollen. Keiner hat behauptet, das Klima zu retten sei einfach.

Sascha König

Mehr von den Möhren

Am 17. April wird der erste Carrotmob in Köln stattfinden, Anfang Juni einer in Hamburg. In Kiel startet im Mai unter dem Namen KliMarkt eine ähnliche Aktion. Wer als Ladenbesitzer oder Organisator aktiv werden möchte und Starthilfe benötigt, sollte sich an das vom Bundesministerium für Umwelt geförderte Projekt „Klimaklicker“ wenden.
>> klimaklicker.de