Ab und zu drehen sie sich noch – die Räder des Förderturms über Schacht 12. Heute zum Beispiel, weil ein Fernsehteam die Zeche Zollverein als Kulisse für ein Kulturhauptstadt- Special filmt. Die Kamera schwenkt allerdings nur bis zur Gelsenkirchener Straße, die das Zechengelände begrenzt. Dahinter: der Essener Norden, Stadtteil Katernberg, ein ehemaliges Bergarbeiterviertel, das noch ganz tief im Strukturwandel strampelt. Seit Helmut Rahn gibt es hier keine Helden mehr. Aber da biegt auch schon Dieter Gorny um die Ecke. Mit seinem schwarzen Porsche – Kennzeichen E-G 2010 -fährt er beim Restaurant „Casino Zollverein“ vor. Der Medienmanager ist der Prototyp eines Multitaskers: Gorny fliegt zweimal in der Woche zwischen Berlin und seinem Essener Wohnort hin und her. Die erste Verabredung zum Mittagessen musste er absagen, da NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers kurzfristig seinen Rat benötigte. Er selbst schlug dann ein Treffen auf Zollverein vor, da sich „hier das Ruhrgebiet der Zukunft am eindrucksvollsten transportiert“. Das Casino ist die ideale Adresse für alle Geschäftsleute entlang der Ruhr, die auswärtige Partner mit monumentaler Zechenarchitektur beeindrucken wollen. Mächtige Betonsäulen tragen die Halle. Und Räder, Pumpen und Rohre zeugen noch von der Arbeit, die hier bis 1986 geleistet wurde. Wir bestellen Winterliches: die Gans klassisch mit Maronen, den Sauerbraten modern- westfälisch von der Kaninchenkeule.

Dieter Gorny erzählt, dass er ursprünglich Profimusiker werden wollte. Doch der Orchesterbetrieb war ihm viel zu durchorganisiert, und das Musi- zieren wurde vom Spaß zur Pflicht. In Wuppertal gründete er in den Achtziger Jahren das Rockbüro NRW. Es war die Zeit, in der er ein Auge für die strukturellen Probleme und Bedürfnisse seiner Musikerkollegen, aber auch für geschäftsfähige Ideen entwickelte. Und er begann, Dinge zu verändern: „Ich bin ja ausgebildeter Komponist“, sagt der 56-Jährige und verweist auf den entsprechenden schöpferischen Prozess. „Es gibt ein weißes Blatt und eine gewisse Bedürftigkeit. Daraus muss man dann irgendetwas bauen.“ Sein Einfluss auf die Popkultur in Deutschland ist kaum zu überschätzen: Mit der Erfindung von Popkomm und Viva prägte er die Neunziger wie sonst nur die Fantastischen Vier. Als diese Projekte irgendwann von der Zeit überholt wurden, wandte sich Gorny Neuem zu. Strukturprobleme finden sich immer irgendwo, und diesmal lagen sie direkt vor seiner Haustür. Seinen Job als Direktor des European Centre for Creative Economy (ecce), einer RUHR.2010-Tochter, trat Gorny an, um die Rahmenbedingungen für freie Künstler, Kreative und Szenen in den Branchen Medien, IT, Kunst, Bildung, Software, Werbung, Design, Architektur und Mode zu verbessern. „Die in der Zukunft erfolgreichen Regionen werden einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Kreativarbeitern besitzen“, prophezeit Gorny. „5,5 Millionen Menschen im Ruhrgebiet und Umland sind ein Riesenmarkt. Schon heute sind es 20 000 Unternehmen, und diese Branche wächst im Revier doppelt so stark wie die herkömmliche Wirtschaft.“

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Mit diesen Zahlen und seinem Ruf als Macher arbeitet Gorny derzeit an der Herkulesaufgabe, Lokalpolitikern Sensibilität für die jungen kreativen Wilden zu vermitteln. Deren größter Bedarf: bezahlbare Freiräume, die ohne Beschränkungen genutzt und gestaltet werden können. Deshalb verhandeln Gorny und sein Team mit Stadtplanern über Zwischennutzungen von ehemaligen Industrieanlagen oder leer stehenden Hochhäusern. Diese „Kreativ.Quartiere“ sollen zu Kraftzentren der Subkultur werden. Einige dieser Adressen: das Dortmunder U, die Bochumer Zeche Prinz Regent, aber auch unbekanntere Orte wie die Zeche Lohberg in Dinslaken oder der Bahnhofsturm in Oberhausen. „Die Städte werden sich verändern, da Leute mit einbezogen werden, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte“, zeigt Gorny sich optimistisch. Kann sich das Ruhrgebiet tatsächlich so schnell wandeln, dass es mit international als Kulturstädte anerkannten Konkurrenten mithalten kann? Ja, meint der Manager und berichtet von der Unterstützung, die er von ganz oben erhält: Der SPD-Mann Gorny kann es ausgerechnet mit Jürgen Rüttgers gut.

Der NRW-Ministerpräsidenten ist sein Verbündeter, wenn es darum geht, den Nebel der Phantasielosigkeit in den Ruhrgebietsrathäusern zu überwinden. „Ich bin ja kein originärer Konservativer“, lacht Gorny und schneidet an seiner Gänsekeule. „Aber seine Regierung – genauso wie die neue Bundesregierung – ist offen für die Probleme der Kreativwirtschaft. Und das hat mehr mit der Persönlichkeit zu tun als mit dem Parteibuch.“ Oder doch eher mit Strategie im größeren Kontext – dem Versuch, das ehemals rote Revier endgültig zu stürmen? „Natürlich sind die Kreativen eigentlich traditionell eine sozialdemokratische Klientel“, sagt Gorny. „Ich fand es bedauerlich, dass die SPD nicht erfolgreich in der Lage war, sich dieser Interessen anzunehmen, nur weil die Inhalte plötzlich digital statt handfest wurden und die Arbeiter nicht mehr gewerkschaftlich organisiert sind.“

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Sein Gespür für den richtigen Moment, die Gunst der Stunde – es zeigt sich auch in Gornys neuer Aufgabe und Geschäftsidee. Das Thema „Kreativwirtschaft“ steht nicht nur bei der RUHR.2010, sondern von Berlin bis Brüssel auch bei der Politik hoch oben auf der Agenda. Das ist mit ein Grund dafür, weshalb das Kulturhauptstadtthema „Stadt der Kreativität“ in das European Centre for Creative Economy ausgegliedert wurde. Die Förderung der Kreativwirtschaft – sie geht nicht nur im Ruhrgebiet weit über das Jahr 2010 hinaus. Und schon ist wieder Zeit für einen dieser typischen Gorny- Sätze: „Deshalb müssen wir da zügig mit konkreten Vorschlägen rein und das Vakuum besetzen.“ Aber was würde er als Bürgermeister im Revier denn nun praktisch anschieben?

„Ich würde ein leeres Industrieobjekt nehmen und es einem der renommiertesten deutschen Kunstsammler verkaufen. Für einen Euro. Ich würde sagen: ‘Du kannst machen, was du willst, nur mach es selber.‘ Viele Sammler wollen ihre Exponate zeigen und würden eine große Dynamik in den freien, unkontrollierten Szenen entfachen – und später auch hartes Business.“ Wir sind beim Espresso, fast auf dem Weg nach draußen, trotzdem bleibt Gorny der charismatische Redner: Schwindelerregend schnell wachsende Gedankengebäude mischen sich mit großen Gesten und Worten, die süchtig machen, kernige Schlagworte mit Beispielen, die oft pfiffig, manchmal auch populistisch klingen. Gerade deshalb werfen Kritiker ihm häufig Floskelhaftigkeit vor. „Auch vor der Gründung von VIVA und Popkomm hat mir keiner das Potenzial geglaubt“, winkt Gorny ab. „Aber ich sage: Hier und jetzt ist das Ruhrgebiet einer der spannendsten Orte für Kreative auf der ganzen Welt. Das Unfertige, Ungesättigte, noch zu Bauende ist doch perfekt, um sich festzusetzen. Wir bauen daran – baut mit!“ Jan Wilms

>> Dieter Gornys Lieblingsprojekte

Dieter Gornys Lieblingsprojekte


Emscherkunst
Auf der Emscherinsel zwischen Castrop-Rauxel und Oberhausen findet das längste Kulturprojekt der RUHR.2010 statt. Den Grünstreifen zwischen Emscher und Rhein- Herne-Kanal gestalten 40 Künstler mit 20 Objekten – zum Beispiel ein versunkener Garten im Klärbecken, Riesenmosaike auf Fassaden und neu gestaltete Picknickplätze.
>> Emscher-Insel, 29.5.-5.9.


Kreativ.Quartiere
18 Industrieflächen werden zum Kulturgebiet: Dortmunder U (DO), Zeche Wohlverwahrt, Scheidt’sche Hallen und Innenstadt (E); Victoria.Quartier und Zeche Prinz Regent (BO), Ruhrort, Marxloh und City (DU); Altmarkt und Bahnhofsturm (OB); Zeche Lohberg (Dinslaken, Foto); Massimo und Kreativ. Mühle (UN) sowie die Zeche Unser Fritz (HER).
>> weitere Infos unter: ruhr2010/kreativquartiere


European Centre for Creative Economy (ecce)
Ursprünglich hieß Gornys RUHR.2010-Abteilung „Stadt der Kreativität“, Ende 2009 wurde sie in die Tochtergesellschaft ecce ausgegründet und siedelte nach Dortmund über. Neben den Kreativ.Quartieren organisiert das Zentrum auch die Branchenkommissionen für Musik, Games, Kommunikation und Design sowie das Onlineportal 2010LAB.
>> e-c-c-e.com, 2010lab.tv