Die Szeneviertel in Europa geben sich gern laut und hektisch. Nur wenige schaffen es, sich über Jahre ihren ursprünglichen Charme zu erhalten. Das ehemalige Fischerquartier El Born im Südosten der katalonischen Metropole Barcelona ist eine entspannte Ausnahme.

Der Straßengitarrist an der Plaça de les Olles spielt „Chan Chan“ vom Buena Vista Social Club und singt dazu mit einer Stimme, die von abertausenden Zigaretten geschliffen wurde. „Keine besonders kreative Songauswahl“, sagt Marta und grinst hintersinnig. „Aber er beherrscht nur diesen einen Song. Ich muss es wissen, ich sitze jeden Tag hier.“ Marta kauert auf einem Stuhl und malt. Neben sich hat sie auf einem zerfledderten Koffer die Paletten ihrer Wasserfarben drapiert, auf ihrem Schoß liegt das halbfertige Gemälde, eine Gebirgslandschaft. Dabei ist der Ausblick der älteren Dame mit den hellwachen Augen hier nicht gerade weitläufig. El Born ist verwinkelter als die Katakomben Roms.

Die Plaça de les Olles erreicht man über die Promenade des Port Vell. Der Stadtteil wird außerdem von der Via Laietana, dem ewig renovierungsbedürftigen Antic Mercat del Born und der Carrer de la Princesa eingegrenzt. Früher wohnten hier die Fischer der Stadt. Darauf weist heute nur noch der Geruch hin, der an heißen Sommertagen durch die Straßen weht. „El Born ist der schönste Ort in der schönsten Stadt“, schwärmt Marta. „An der Plaça de les Olles verpasse ich nichts. Jeder Besucher, der nach El Born kommt, läuft irgendwann auch an mir vorbei.“ Und Besucher wuseln unter den Wäscheleinen, die sich von Hauswand zu Hauswand spannen, inzwischen zahlreich durch die Straßen. Nach Jahren des Dornröschenschlafs entstand hier ein Szeneviertel mit Indie-Shops, Designerfilialen und ausgefallenen Restaurants, das aber nur oberflächlich betrachtet mit dem Hamburger Schanzenviertel oder Soho in London zu vergleichen ist. El Born hat einen anderen Rhythmus. „Chan Chan“ eben.

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Es ist 13 Uhr, direkt gegenüber von Martas Freiluftatelier öffnet Cal Pep gerade seine kleine Pforte. Bessere Tapas als bei Pep findet man in der ganzen Stadt nicht – da ist man sich in Barcelona so einig wie sonst höchstens bezüglich des FC Barcelona. Das „Cal Pep“ ist zugleich Bar und Restaurant, trotzdem sollte man die Stehtische im vorderen Bereich dem gemütlichen Hinterzimmer jederzeit vorziehen, sonst entgeht einem sowohl die sympathische Zubereitungsshow am Tresen als auch das Treiben auf dem Vorplatz. Von hier aus führt die Carrer Vidrieria tiefer ins Gassennetz von El Born, vorbei an der Filiale von Custo Barcelona. „Wenn diese Straßen und Hinterhöfe Geschichten erzählen könnten…“, sagt Carla und lächelt verlegen. Die zierliche Verkäuferin sitzt schüchtern hinter der Verkaufstheke und blättert in einem Modemagazin. Um die Mittagszeit schlummert der Einzelhandel noch vor sich hin, selbst in den Shop der katalanischen Designer-Legende verirrt sich kaum ein Kunde. Die mediterrane Beschaulichkeit, die wie eine Dunstglocke über dem Viertel liegt, ist für Carla eine unterschätzte Qualität der Stadt. „Barcelonas Ruf als durchgedrehte Partymetropole halte ich für etwas übertrieben“, sagt sie und zieht eine Augenbraue skeptisch hoch. „Natürlich wissen die Leute, wie man hier feiert.

Die Diobar oder der Club Mix sind fantastische Clubs. Aber für mich ist Barcelona eher wie El Born – gemütlich und ein bisschen verrückt.“ Eine Einschätzung, die man nicht teilen muss, aber was El Born betrifft, hat sie recht. Gemütlich und ein bisschen verrückt ist auch der Schokoladenshop Xocoa, der seine handgefertigten Produkte nicht nur in Form von Pralinen, Tafeln oder Kakao anbietet. Auch Bodylotion, Duschgel, Seifen oder Kerzen findet man in dem kleinen, süßlich duftenden Laden. Ein paar Schritte weiter, auf der Passeig del Born, reihen sich die Restaurants und Tapasbars aneinander. Abel streunt hier den ganzen Tag um die Touristen herum und schnorrt Zigaretten. Eine Packung kriege er immer zusammen, versichert er stolz und steckt sich eine an. Abel ist 25 Jahre alt und lächelt viel durch seinen wilden Bart. Aber es gibt da etwas, das er unbedingt klarstellen will: „Warum schweifen Europäer immer in die Ferne? Ich sehe in Los Angeles oder Rio de Janeiro nichts, was es nicht auch in Barcelona gibt. Wir haben Strand, Berge und gutes Wetter. Die Leute sollten vor ihrer Haustür genauer hinsehen. Nur weil etwas weiter entfernt liegt, ist es noch lange nicht besser.“ Für Abel ist Barcelona die schönste Stadt der Welt. Viel mehr erzählt er nicht von sich, denn die Bewohner der Stadt öffnen sich nicht so schnell, wie man ob des lebensfrohen Image der Metropole glauben könnte. Bis sie ihr Vertrauen schenken, begegnen sie dem Fremden erst einmal mit beinahe hanseatischer Zurückhaltung. Eine Zigarette hätte er aber trotzdem gern noch.

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Der Straßengitarrist ist inzwischen zum Platz vor der Kirche Santa Maria del Mar weitergewandert. Er spielt immer noch „Chan Chan“. Aber auch hier passt sein Soundtrack zur Atmosphäre, die von alten Katalanen in Siestalaune ebenso geprägt wird wie von Eis essenden Touristen, die sich auf dem Weg ins Picasso-Museum befinden, oder Sprachschülern, die bereits die Party am Abend planen. Die gotische Fassade der Prachtkirche kann man am besten bei einem Glas Wein aus dem exzellenten Keller der Bar La Vinya del Senyor auf sich wirken lassen. Spätestens hier stimmt man in den Chor der Patrioten ein, denn es gibt auf der Welt sicher schönere Orte – aber man wird lange nach ihnen suchen müssen.Weniger romantisch geht es auf der Calle Rec zu. Die Preise in den Boutiquen sind exorbitant hoch. Aber wer in Trendshops wie Coquette einkauft, lässt sich davon nicht abschrecken. „Die Leute kommen zum Shoppen nach El Born“, sagt Verkäuferin Isa. „Dass es bei uns etwas teurer ist, kalkulieren sie vorher ein.“ Nicht nur die Touristen geben ihr recht. Auch die Fachbesucher der neuen Modemesse The Brandery, die sich zurzeit in Barcelona etabliert, flanieren heute in Scharen über die Calle Rec.

Die Carrer de La Princesa führt behutsam aus dem Paralleluniversum El Born hinaus, vorbei an rostigen Ramschläden, zurück in die wahre Großstadtwelt – an die man sich aber nur ungern wieder gewöhnen möchte. Vom Straßengitarristen fehlt hier jede Spur, stattdessen dröhnt billiger R&B aus den Boxen des asiatischen Schnellimbiss „Wok To Walk“.

Am Abend spielt Spanien im WM-Viertelfinale gegen Portugal. Nach dem knappen Sieg des Europameisters herrscht rund um die Ramblas ausgelassene Fußballfeierstimmung wie in vielen Metropolen der Welt in diesen Tagen. Zum Glück reicht aber schon ein Spaziergang durch die Gassen von El Born, um festzustellen, dass man nicht in die Ferne schweifen muss. Abel hat Recht. Darauf erst einmal eine Zigarette.

Tim Sohr

Hoteltipps auf einen Blick

Hotel Colón: Hier haben schon Ernest Hemingway und Sophia Loren genächtigt. Avenida Catedral 7, DZ ab 130 Euro, hotelcolon.es

Hotel Gótico: In der Nähe aller wichtigen Sehenswürdigkeiten gelegen. Calle Jaime I 14, DZ ab 150 Euro, hotelgotico.com

Hotel Banys Orientals: Nahe der Kirche Santa Maria del Mar liegt das schöne und zugleich äußerst preisgünstige Hotel, das von Fachmagazinen regelmäßig zu den besten Hotels im Mittelmeerraum gewählt wird. Calle de l’Argenteria 37, DZ ab 90 Euro, hotelbanysorientals.com