Als ich um 14 Uhr am Bahnhof ankam, machte ich mich direkt auf den Weg zum Veranstaltungsgelände. Das liegt zwar unmittelbar neben dem Bahnhof, aber die Besucher wurden zunächst auf einen langen Weg durch die Innenstadt geführt. Wohl zur Entlastung des eigentlichen Eingangs des Geländes. Schon zu diesem Zeitpunkt wiesen ständig Polizeidurchsagen darauf hin, dass es dort bereits zu Verzögerungen käme. Doch weder ich noch die anderen Besucher machten sich viel daraus. Schließlich stoppte mich eine massive Polizeisperre in einer schmalen Straße – noch weit entfernt von dem Ort, an dem sich Stunden später die Katastrophe ereignen sollte.


Doch schon hier kam es nach wenigen Minuten zu einer kurzen aber heftigen Prügelei. Sicherlich nicht beispielhaft für die Gesamtstimmung, aber doch ein Zeichen dafür, wie schnell die Atmosphäre kippen kann. Ich kehrte erst mal um. Später wollte ich dann noch einmal versuchen, das Gelände zu erreichen, doch dazu kam es nicht mehr. Unsere Praktikantin Alena Hellwig schaffte es etwas weiter als ich und steckte stundenlang auf einer Kreuzung in der Menschenmenge fest, bis sie ebenfalls beschloss umzukehren. Dank eines hilfsbereiten Polizisten gelang ihr das auch.

Ich verbrachte die Zwischenzeit in unserem Redaktionsbüro in Duisburg und erfuhr deshalb umgehend von dem Unglück, weil ich nicht von den zusammengebrochenen Mobilfunknetzen abhängig war.

Der Zugverkehr war zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend zum Erliegen gekommen. Mit der Straßenbahn kam ich auf Umwegen trotzdem noch gut zurück nach Essen. Zwischen Anrufen besorgter Freude und Verwandte, verfolgte ich alles Weitere im Internet. Auch wenn ich einsah, dass die Abschlusskundgebung wie auch die wichtigste Aftershowparty nicht sofort abgesagt wurden, um ein weiteres Eskalieren zu verhindern, war ich fassungslos, dass der offizielle Livestream im Internet über Stunden kommentarlos weiterlief.


Wer wusste, was geschehen war, konnte in den Gesichtern von Moonbootica, die dort gerade auflegten, erkennen, dass ihnen jeglicher Spaß an der Party verloren gegangen war. Sie standen nur noch auf der Bühne, weil die Sicherheitskräfte verhindern wollten, dass bei einem Abbruch der Party alle Besucher das Gelände gleichzeitig verlassen.

Später am Abend versuchte ich eine Freundin anzurufen, um zu hören, ob es ihr gut geht. Nur die Mailbox! Und egal wie kitschig und melodramatisch es klingt: Ein schreckliches Gefühl, dort eine Nachricht zu hinterlassen und nicht zu wissen, ob sie jemals abgehört wird. Eine halbe Stunde später meldete sie sich.

Der Sonntag war geprägt von Selbstdisziplin: Spätestens nach der Pressekonferenz kippte die Bestürzung immer mehr in Wut. Bei mir selbst wie auch in den Internetforen und in den Gesprächen mit Freunden. Der Grad zwischen berechtigter Kritik und vorschnellen Schuldzuweisungen wird immer schmaler. Und zwischen echter Information und fieser Meinungsmache zu unterscheiden, ist beinahe unmöglich.

Am Montag: Fast schon wieder Journalistenalltag. Aber dann doch nicht so ganz. Ich telefoniere mich durch die Liste von Veranstaltern und DJs auf der Suche nach Aussagen zu den Ereignissen. Wir diskutieren viel – aber nein: Zur Veröffentlichung möchte niemand etwas frei geben. Weil sie als DJ auf einem Float oder einer Bühne gerade mit Anfragen überrannt werden. Weil gerade jeder, der nicht nur als Gast auf der Loveparade war, fürchten muss, das zum Vorwurf gemacht zu bekommen. Weil sie einfach noch zu schwer an der Verarbeitung des Wochenendes zu tragen haben.

Vielleicht hätte ich den einen oder anderen mehr zu einer Aussage drängen müssen? Unter anderen Umständen hätte ich das sicher gemacht, aber an diesem Montag nach der Loveparade 2010 ist auch für mich noch nicht wieder ein ganz normaler Arbeitstag.
Honke Rambow

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