Leicht ist das nicht. Egal, was Philipp Poisel macht, irgendjemand sagt immer „Grönemeyer“. Also bringen wir das kurz hinter uns: Der Stuttgarter veröffentlicht seine Platten über Herbert Grönemeyers Label „Grönland Records“, Herbert findet nur gute Worte über seine Lieder, nahm ihn schon mit auf Tour, und manchmal nuschelt der Singer/Songwriter tatsächlich ein bisschen wie Grönemeyer. Ansonsten tut man dem verhuschten Stuttgarter aber Unrecht, ihn nur auf diese Verbindung zu reduzieren.

„Da hinten um die Ecke hat anscheinend mal Max Herre gewohnt“, sagt der 26-Jährige und zeigt aus dem Fenster. Hat er im Fernsehen gehört. Bei „Zimmer frei“. Im Stuttgarter Westen weiß man so etwas aber auch ohne Fernsehen. Poisel sitzt in seinem kahlen Zimmer mit Bett, Klavier, Gitarre, einem Tisch und keinem Fernseher und sieht sogar noch ein wenig müder aus als sonst. Mit beneidenswerter Ruhe singt er sich nun durch seine zweite Platte. Die nach dem großen Erfolg. Wieder ist er zu Zeilen fähig, die manch einer lieber für sich behalten würde. „Wie soll ein Mensch das ertragen, dich alle Tage zu sehen. Ohne es einmal zu wagen, dir in die Augen zu sehen“ – zum Beispiel.

Video-Tipp: „Als gäb’s kein Morgen mehr“ von Philipp Poisel

Vom berechnenden Romantiker unterscheidet ihn dabei vor allem eines: Trotz lückenloser Lieder singt Poisel wie jemand, der noch nach den passenden Worten ringt. Deshalb klingt er so nah und heimelig. Das war nicht immer so. „Im Schulchor war dieses Mädchen neben mir. Sie sagte, ich würde fürchterlich schief singen.“ Er lacht. „Hab’s dann vorgezogen, nur für mich selbst Musik zu machen und mit dem Kassettenrekorder zu Hause aufzunehmen.“ Nach Pavarotti klingt das immer noch nicht – aber er grummelt mit so viel Seele, dass man locker darüber hinwegsieht, dass „Im Garten von Gettys“ nur haarscharf an der Jack-Johnson-Falle vorbeischlittert, in der Zehen-in-den-Sandbohren als Allheilmittel gilt.

Richtig frech wird Poisel dann auf „Zünde alle Feuer“, da presst er wie einst Rio Reiser – inklusive Genuschel. Das macht er noch sehr oft, wenn er seine hoffnungsfrohen Zeilen singt. Klar, an schlechten Tagen möchte man ihm viele davon hinterherwerfen. An den anderen wiederum könnte man sie gut und gerne auf Hauswände netter Menschen malen.
Michael Setzer