Wo sind die schillernden Männer in der Popmusik hin? Exzentriker wie Freddie Mercury oder David Bowie gibt es heute kaum noch. Aktuelle Superstars wie James Blunt oder Robbie Williams trällern nicht nur immer dasselbe alte Lied – sie sehen auch so aus. Der Mann in der Popmusik ist ein Auslaufmodell, überholt von seiner ehemals treuesten Fangemeinde: den Frauen. Frauen wissen, wie man die große Show inszeniert, wie man sich innovativ in Szene setzt, provoziert, Nischen besetzt, statt sich an bewährte Konzepte zu klammern. Sie dominieren die Medien, füllen die Konzerthallen und geben den Ton an. PRINZ hat die vier erfolgreichsten weiblichen Popstar-Typen zusammengestellt.

KUNST IST SEX – SEX IST KUNST

Die gewinnbringendste Strategie: offensive sexuelle Provokation. Madonna, die Mutter aller Popstars, hat dies früh erkannt. Bei den ersten MTV Video Awards 1984 räkelte sie sich zu ihrem Hit „Like A Virgin“ aufreizend in einem Brautkleid. Schluss mit den großen braven Diven in adretten Kleidern und ohne jede Spur von Individualität. In der Folge trieb sie es noch weiter, trat in Metallunterwäsche auf, täuschte auf der Bühne eine Masturbation vor, brachte das Album „Erotica“ und den von der Fetischszene inspirierten Bildband „Sex“ heraus. Und immer wenn der kommerzielle Erfolg ausblieb, legte sich Frau Ciccone ein neues Image zu: als Cowgirl in „American Pie“, als argentinische Präsidentengattin in „Evita“ oder als Disco-Queen in „Music“ und „Hung Up“. Die 52-Jährige weiß bis heute, wie man sich richtig in Szene setzt und sich als Gesamtkunstwerk vermarktet.

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Dieser Erfolg hat Nachahmerinnen gefunden. Viele weibliche Popstars sind nicht mehr nur Sängerinnen, sie sind Performancekünstlerinnen. Ihre aktuelle Nummer eins heißt Lady Gaga. Sie erfindet sich neu, bevor man ihren aktuellen Style überhaupt begriffen hat, tritt in verrückten Outfits auf, irritiert und fasziniert mit ihrer Sexualität. Lady Gaga ist zum lebenden Kunstwerk geworden. Mit Erfolg: Die New Yorkerin hat mehr Facebook-Freunde als jede andere lebende Person, hat Fans, die eine Geschlechtsumwandlung durchführen, um wie sie zu sein, und ganz nebenbei verkauft sie Alben wie kaum eine andere Künstlerin.

Auch die unangefochtenen Königinnen des R&B, Rihanna und Beyoncé, erkannten schnell, dass ihre verschiedenen Outfits zwischen Cyborg und Latex bei Ersterer, Pelz und knappen Hotpants bei Zweiterer, ein größeres Echo hervorrufen als nur ein schönes Gesicht und eine nette Stimme. Katy Perry fand Gefallen an der Resonanz für das noch zaghaft provokante „I Kissed A Girl“. Heute legt sie nach und posiert für ihr Album „Teenage Dream“ sündig und verrucht als Verkörperung des amerikanischen Collegegirls. Weibliche Popstars schaffen ihren eigenen Kosmos, geben sich ein Profil, um aus der Masse herauszustechen. Gossip-Sängerin Beth Ditto spielt gezielt damit, den Gegenentwurf zu allem zu verkörpern, was eigentlich als sexy gilt, tut dies aber so bemerkenswert konsequent, dass es doch wieder sexy ist.

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BREITE BRUST STATT LANGE KLEIDER
Gut denkbar, dass auch M.I.A. wie Lady Gaga in einem Fleischkleid auftreten würde – dann aber vermutlich, um gegen Massentierhaltung zu protestieren. Die Sängerin scheut keinen Konflikt, dreht als Statement gegen Rassendiskriminierung Videos wie zu „Born Free“, in dem Rothaarige hingerichtet werden. Jüngst twitterte sie die Handynummer einer ihr verhassten Journalistin. Und während sie die Bühnen dieser Welt verzaubert, hütet ihr Mann Benjamin Bronfman, Sohn des Warner-Chefs Edgar Bronfman Jr., zu Hause die Kinder. Sängerinnen wie M.I.A. lassen sich nicht in ein Samtkleidchen pressen und einfach vor ein Mikro stellen. Sie geben sich, wie es ihnen gefällt, und nicht, wie man es lange von ihnen erwartet hat. Auch Kate Nash zeigt erfolgreich, dass Selbstbewusstsein oberstes Gebot der Stunde ist. Und Lena Meyer-Landrut gewann ganz Europa wohl nicht nur mit einem eingängigen Popsong, sondern mit ihrem ungeschliffenen und natürlichen Charme.

Natürlichkeit ist auch das Erfolgsrezept des dritten Frauentyps – allerdings auf eine andere Art und Weise dargestellt. Stars wie Norah Jones und Duffy überzeugen mit grandiosen Stimmen wie einst Whitney Houston oder Mariah Carey. Aber mit ihrem unaufgesetzten Auftreten entsprechen sie so gar nicht den ehemaligen Oktaven-Göttinnen. Ihre Bodenständigkeit ist nicht bieder, sie ist sympathisch. Der vierte Typ sind Künstlerinnen wie Florence And The Machine und Karen Elson. Blass und elfenhaft verkörpern sie ein Frauenbild, das bis auf Island-Exportschlager Björk lange nicht besonders gefragt war. Heute zieht ihre mystische Unnahbarkeit die Fans geradezu magisch an.

Der Erfolg dieser Frauen zeigt, wie sich die Popmusik gewandelt hat und wie sie im Jahr 2010 funktioniert. Männliche Popstars bleiben da derzeit nur staunend zurück.

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Typ 1: Die Kunstwerke
Erfolg durch Musik ist nicht genug: Vielmehr geht es ihnen darum, sich mit Provokation und Sex als Kunstwerk zu inszenieren.

Lady Gaga Die New Yorkerin hat sich als weltweites Kunstobjekt installiert. Sie setzt aufwendige Kostüme gezielt zur sexuellen Provokation ein. Sprühfontänen und Maschinengewehre auf dem BH, knalliges Make-up, kurze Röcke und ab und an nacktes Fleisch sind bei Lady Gaga weit mehr diskutiert als ihre Musik. Sie arbeitet daran, sich ein eigenes Geschlecht zu schaffen, und tritt auch gern eine Diskussion über ihren Genitalbereich los.
Katy Perry Mit ihrem ersten Hit „I Kissed A Girl“ setzte die kalifornische Pastorentochter noch auf verhältnismäßig brave Provokation. Seit diesem Erfolg legt sie eine ordentliche Portion Sex drauf. Mit deutlichem Fokus auf ihre Oberweite posiert sie für ihr aktuelles Album „Teenage Dream“ wie ein Pin-up-Girl aus Charlies Schokoladenfabrik.
Rihanna Erfolgreich war sie von Beginn an. Aber erst als Ex-Freund Chris Brown sie verprügelte, rutschte Rihanna in die Schlagzeilen und in die Top-Liga der Superstars. „Good Girl Gone Bad“ heißt ihr drittes Album und wurde zur Ansage. Ihre Auftritte in diversen Stilen variieren ständig. Mal ist sie ein unantastbarer Cyborg, dann wieder brav und sexy.


Typ 2: Die Unbezähmbaren
Sie sind wild, unangepasst und selbstbewusst – mit auffälligen Klamotten und Auftritten setzen sie sich perfekt in Szene.

M.I.A. Obwohl die Engländerin mit Eltern aus Sri Lanka ein bunter Vogel ist, engagiert sie sich mit radikalen Videos oder Songtexten gegen staatliche Bevormundung und Rassendiskriminierung. Gerade diese Unbezähmbarkeit ist es, die ihr Aufmerksamkeit verschafft. Auch in ihrer Kleiderwahl lässt sie sich nichts vorschreiben und hüpft lustig von Farbtopf zu Farbtopf.Marina And The Diamonds Pro Konzert trägt sie ein Dutzend verschiedener Outfits. Dabei wird es nach dem Zwiebel-Prinzip immer weniger – aber nie zu wenig. So tanzt sie sich aus ihrem riesen Bambi-Cape heraus, um irgendwann quirlig im Cheerleader-Outfit herumzuhüpfen. Zusammenpassen muss es auch nicht immer. Hauptsache, sie fällt auf.
Kate Nash Auf der Bühne ist sie ein wahrer Derwisch, unkontrollierbar und von niemandem zu stoppen. Dabei bleibt sie strahlend und erfrischend natürlich. Auch wenn ihre Kleiderwahl nicht immer völlig abgefahren ist, besticht sie doch durch ungewöhnliche Kompositionen.
Robyn Die Schwedin mit dem blonden Kurzhaarschnitt ist die Meisterin der kreativen Details. Am liebsten arbeitet sie mit viel Glitzer – egal ob auf den Schuhen, der Kleidung, den Armen oder in den Haaren. Ihr Stil variiert zwischen Pomp und Selfmade, ihre Outfits sind stets kunstvoll kombiniert.

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Typ 3: Die Bodenständigen
Weniger ist bei ihnen mehr: Statt auf Provokation setzen große Stimmen auf Natürlichkeit.

Ellie Goulding BBC gab ihr die Prognose als hoffnungsvollste Künstlerin des Jahres 2010. Auch den Brit Award in derselben Disziplin heimste sie ein. Ellie Goulding ist eine hochtalentierte Musikerin. Davon sollen bei ihrem Auftreten auch keine Imagekampagnen ablenken. Sie bleibt natürlich, erfreut ihre Fans bei Konzerten mit handgemachter Musik und hält sich ansonsten zurück.
Norah Jones Die Grammy-Verleihung 2003 war ihr großer Abend. Nicht die Mariah Careys oder Madonnas dieser Welt dominierten die Veranstaltung. Eine nahezu unbekannte New Yorkerin griff acht Awards ab. Die Jury war entzückt von ihrer Stimme, und allein auf die setzt Norah Jones bis heute. Gern betont sie ausdrücklich, im Jazz und fernab des Mainstream aufgewachsen zu sein.
Duffy Nach eigenen Angaben fühlt sich die Waliserin in der englischen Sprache immer noch nicht wohl. Ihr Debüt „Rockferry“ wurde nichtsdestotrotz 2009 in Großbritannien zum besten Album und sie zur besten Sängerin gewählt. Da gilt es, schnellstens nachzulegen: Am 26. November erscheint ihr neues Album „Endlessly“.


Typ 4: Die Elfen
Sie sind mystisch und geheimnisvoll – und fast anbetungswürdig.

Florence And The Machine Theatralisch sind ihre viel gerühmten Auftritte, mit viel Einsatz von Licht und durch die Luft wehender Kleidung. Sie wirken wie die Zeremonie einer Elfenkönigin und sind bei vielen Festivals und Preisverleihungen die Hauptattraktion. Sie erfüllt die Sehnsüchte nach den großen Popstars mit massig Pomp und Extravaganz, die sich mittlerweile immer rarer machen.Karen Elson Als „wandelnder Geist“ wurde sie in der Schule bezeichnet. Heute spielt das Model wirksam mit dieser Rolle, benennt ihr Album sogar „The Ghost Who Walks“. Sie trägt ihre blasse Haut und die feuerroten Haare als Markenzeichen und inszeniert sich als leicht morbide Schönheit.
Björk Die Isländerin ist ein Phänomen, ein Gesamtkunstwerk, das immer wieder bestaunt werden darf. Sie macht Musik, komponiert für andere und schauspielert. So viele Richtungen in ihre Musik einfließen, so bunt ist auch ihr eigener Stil. Gerade weil sich die Isländerin auch gern ein wenig zurückzieht, wahrt sie seit Jahren ihr mystisches Image.
Alison Goldfrapp Die Engländerin ist ungeheuer wandelbar. Für jedes neue Album scheint sie sich auch einen neuen Style zuzulegen. Das bemerkenswerte daran: Ihr Händchen für die richtige Klamotte trügt sie in den seltensten Fällen. Goldfrapp wirkt immer, als schwebe sie wie eine Fee über den Dingen.

Tim Pommerenke