Vor vier Jahren veröffentlichte Plan B ein Rap- Album. Es war ein wütendes Werk voller Sprachgewalt und erzählerischer Wucht, das dem Titel „Who Needs Action When You Got Words“ alle Ehre machte. Sonderlich erfolgreich war es nicht. Aber immerhin wurde der östlich von London aufgewachsene Musiker fortan als „Eminem aus Großbritannien“ gepriesen. „Das war einmal“, schmunzelt Plan B alias Ben Drew. „Jetzt nennen sie mich die männliche Amy Winehouse.“

Plan B mutierte vom Rüpelrapper zum Soulboy. Mit seinem in Großbritannien bereits im April erschienenen Album „The Defamation Of Strickland Banks“ setzte er sich an die Spitze der Charts. Anstatt mit deftigen Worten um sich zu spucken, singt das Allroundtalent nun im sensiblen Falsett. Dafür tauscht der Geezer seinen Hoody gegen einen gepflegten Anzug. „Wenn ich in den Anzug schlüpfe, verwandelt mich das in Strickland Banks – den Protagonisten der Platte. Das ist vergleichbar mit Clark Kent, der in eine Telefonzelle geht und als Superman wieder herauskommt“, erklärt er das wichtigste Accessoire seines Transformationsprozesses. Die Verwandlung geschah aber auch von innen heraus.

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Vor einigen Jahren war Ben Drew ein aggressiver Junge, der zu viel trank, sich gern mal prügelte und öfter mit der Polizei zu tun hatte. Mittlerweile ist er merklich friedliebender geworden. Im Interview ist er sogar äußerst höflich, wirkt ambitioniert und geradezu unerschütterlich. Der Umgang mit den Immigranten auf seiner Schule hätte seine Sprache, sein Auftreten und sein Denken nachhaltig geprägt, beteuert er. „Bei meinem Debüt griff ich unterschiedlichste Geschichten aus meiner Nachbarschaft auf – vom Ehrenmord bis zum Raubüberfall“, so der 26-Jährige. „In jedem Song legte ich mir ein neues Alter Ego zu.“ Analogien zu Eminems böser Kunstfigur Slim Shady drängen sich geradezu auf. Doch in Bezug auf das neue Album will er davon nichts wissen: „Strickland Banks sehe ich nicht als Alter Ego. Er ist der Protagonist eines Films, den ich darstelle. Und der ist nun mal Soulsänger.“ Es ist nicht die erste Schauspielrolle für Ben Drews. 2008 spielte er den Bad Guy in Noel Clarkes „Adulthood“ und wirkte am Soundtrack mit. Ein Jahr später spielte er neben Michael Caine einen Gangleader in „Harry Brown“. Nun hat er drei Musikvideos als Musiker Plan B veröffentlicht, in denen er Strickland Banks verkörpert.

Video-Tipp: „Stay Too Long“ von Plan B

Wenn man die Clips zu „Stay Too Long“, „She Said“ und „Prayin'“ aneinanderreiht, bekommt man eine ungefähre Ahnung davon, welches Schicksal Banks widerfährt: Der selbstverliebte Star feiert nach dem Gig in einer Kneipe, schleppt ein obsessives Groupie ab, wird von ihm später zu Unrecht des Missbrauchs beschuldigt, muss sich vor Gericht verantworten und landet schließlich im Kittchen. Natürlich sind die Minifilme mit fingerschnipsenden Geschworenen und Northern-Soul-tanzkundigen Gefängnisinsassen dekoriert. Auch wenn das Ende noch nicht zu sehen ist, so viel sei verraten: Es wird zwei Tote geben.

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Der fiktive Banks hat anders als sein Erfinder zuvor gerade mal zwei Jahre Musik gemacht, als er seinen Plattenvertrag bekommt. Es hagelt für ihn gleich beim Debüt Platin- Auszeichnungen. Er ist gefeierter Medienstar, meint, er könne sich alles erlauben – und stolpert am Ende über sich selbst. Dass Plan B mit den dreizehn Songperlen eine sich selbst erfüllende Prophezeiung geschaffen haben könnte, die in der eigenen Diffamierung mündet, beschäftigt ihn dennoch. „Wenn du auf so hohem Level Musik machst, bist du automatisch eine Zielscheibe.“ Sein Milchbubi- Gesicht legt sich in Falten. „Es gibt viele Groupies. Ich bin mir sicher, einige Frauen hätten gern ein Baby von mir, weil sie denken, sie hätten dann ausgesorgt. Aber es wäre schon sehr ironisch, wenn mir so etwas passieren würde.“ Plan B sagt, er wisse, wie Frauen denken – schließlich sei er ohne Vater bei Mutter und Schwester aufgewachsen. Die beiden überredeten ihn, für einige Zeit am „Westminster Kingsway College“ Medienproduktion und Film zu studieren. Umtriebig ist er seither, hat derzeit besonders ein Ziel vor Augen: die Lücken seines Strickland-Banks- Projekts zu schließen.

Denn zu dem Pop-Album gibt es noch einen HipHop-Zwilling, der die weitaus düstereren Details der Story preisgeben soll. „Die Platte ist wie ein auf Rap basierender Film für Blinde. Du brauchst keine Augen, um ihn zu sehen“, meint Plan B. „The Ballad Of Belmarsh“ soll im Herbst auf einem Indielabel erscheinen. Bis dahin sollen auch die einzelnen Videos um Strickland Banks einen kompletten Film ergeben. „Es ist wirklich frustrierend, ich kann immer nur ein Video nach dem anderen machen. Ich bemühe mich um Investoren und hoffe, dass mir das Label bald das Geld gibt, damit wir die ganze Geschichte drehen können. Aber egal wie – ich werde diesen verdammten Streifen machen“, sagt er trotzig. Mit einem Gewinnerlächeln, das auch Strickland Banks gefallen hätte, fügt er hinzu: „Ich bin schließlich der Tarantino des Musikbusiness.“

Katja Schwemmers