Neulich bei Facebook. Der Status einer Freundin verkündet: „Weiß irgendjemand eine freie Wohnung in München, die erschwinglich ist? Am liebsten nahe Uni (LMU), mit Garten/Balkon, mindestens zwei Zimmer, WG-tauglich bevorzugt.“ Ein gängiges Szenario, vor allem im Herbst, wenn tausende Studenten in München eintreffen. Direkt unter dem Posting: Kommentare à la „Ich auch. Seit fünf Jahren!“ sowie schallendes, virtuelles Gelächter. Einen eigenen Garten im Münchner Zentrum – den Traum haben sich die meisten Einheimischen bereits vor Ende der Pubertät aus dem Kopf geschlagen. Und der Begriff „erschwinglich“ ist in München leider relativ. Leidgeprüfte Dauersucher wissen: Die Miete ist fast immer zu hoch, die Kaution oder Provision kaum aufzubringen. Aber irgendwie kennt doch jeder jemanden im Freundeskreis, der unter 350 Euro für ein Zimmer im Zentrum zahlt – Warmmiete, versteht sich. Die Hoffnung stirbt also zuletzt. Wenn es denn mal nicht am Geld liegt, ist das größte Hindernis die Menschenschlange vor dem Besichtigungstermin. Inzwischen gibt es schon Online-Terminpläne für Besichtigungen, dort werden vorab genaue 15-Minuten-Slots vergeben. Wenn die Online-Anmeldung voll ist – das ist gerne mal nach schon zwei Minuten der Fall – kann man davon ausgehen, dass die Wohnung nach der ersten Runde à 30 Bewerber weg ist.
Den gewieften Münchner Profi-Bewerber erkennt man auf Anhieb: Er trägt Dokumente wie den Arbeitsnachweis oder die Einkommensbestätigung gesammelt unterm Arm, hat einen kurzen Steckbrief in der Tasche, ist stets bemüht, möglichst liquide zu wirken und dabei handsam zu lächeln – der Eindruck wird schließlich entscheiden.
Ganz genau wie beim WG-Casting. Hat man zwischen all den „Nudisten-WG sucht dich“ ein halbwegs sympathisches Inserat entdeckt, gilt es im Kopf-an-Kopf-Rennen mit etwa 30 bis 60 anderen Wohnungssuchenden um die Gunst der alteingesessenen Bewohner zu buhlen. Da darf man sich auch schon mal indiskrete Fragen zum persönlichen Sexualverhalten anhören. Und dass man leidenschaftlich gerne putzt und kocht, ist sowieso schon eine Grundvoraussetzung – mitunter, weil selbiges so gar nicht für die aktuellen Bewohner der WG gilt. Statt entspanntem Kennenlernen werden beim WG-Casting eisern
Fragelisten abgefeuert. Wenn’s besonders nervig wird, sollte man immer eines bedenken: Will man wirklich mit Leuten zusammenwohnen, die noch vor dem Einzug ein Dossier über den neuen Mitbewohner anlegen? – Na also.