Richtung Brocken, Borken oder Bocholt? Diese Wutzelzwerg-Dorfnamen haben mich während meiner Anfahrt (ohne Navi) schon ein wenig verwirrt. Am Ende passen sie aber perfekt zur Wutzelzwerg- und Kinderkoordinaten-Internetaufmachung des Festivals (haldern-pop.de) (Eis- und Weihnachtskugeln, Erdbeeren und Gänseblümchen), so dass auf jeden Fall schon der Hinweg mit zur Festival-Erfahrung zu zählen ist.

Zudem fährt man über Wälder, Wiesen und Felder, an läuteten Dorfkirchenglocken vorbei und genau dort, wo man denkt: „Hier kann es doch nicht sein!“, ja, genau dort muss man links rein. Ah, da klebt ja auch der mit Edding beschriebene DIN A 4-Zettel an der Stange des Straßenschildes, dass hier vom 12.-14. August etwas Besonderes passiert. Der leise Unmut über etwas mangelnde Beschilderung wird sofort weggeblasen, wenn man sich dem Gelände über den Feldweg holpernd weiter nähert und von ganz liebevoll bemalten Willkommens-Schildern auf allen möglichen Sprachen begrüßt wird. Nun fühlt man sich irgendwie zugehörig; zum Club der Leute, die den richtigen Weg gefunden haben und nun das schon seit langem ausverkaufte Haldern Pop genießen dürfen. Mit leicht beschämtem Gefühl im Hinterkopf denkt man sich noch mal kurz: „Natürlich hab auch ich den verwunschenen Festival-Ort gefunden. Natürlich ohne riesige, konventionelle, eindeutige Neon-Richtungs-Pfeile! Beim Haldern Pop wirkt alles noch auf sehr sympathische Weise unberührt und das, obwohl sich das Festival bereits zum 28. Mal jährt. Der Campingplatz bietet sprießend grünes Gras als Schlafgrundlage, nicht staubige, vermüllte Ackerfurchen, welche man von manch anderem Festival gewohnt ist. Würde nicht ein bisschen Stacheldrahtzaun in der Sonne aufblitzen, könnte man denken, man wäre mitten auf der Kuhweide, deren eigentliche Bewohner die Zelt-Kulisse ganz in Ruhe von nebenan begutachten.

Der erste Augenaufschlag auf dem eigentlichen Festival-Gelände lässt einen großen Stilmix erblicken: freie Oberkörper und Strohhüte, bunte Fake-RayBans und Jutebeutel, Blumenkleidchen mit geflochtenen Goldbändchen und Gummistiefel. Auch die Standauswahl kann man weder in die Hurricane-Kommerz- noch in eine Fusion-artige Öko-Schublade stecken: Es gibt einen gediegenen Biergarten, Coffee-to-go- und Zigarettenstand, herkömmliche Currywurst- und Pizzaangebote, aber auch Vegifood und Bioeis (saulecker, danke, kleiner Jakob!). Sonst kann man noch hübsche Buttons, selfmade-Portemonnaies und Schlüsselanhänger shoppen oder Klamotten anprobieren. Wären doch alle Umkleidekabinen so schön natürlich-luftig und einfach nur Gardinenvorhänge gespannt zwischen zwei Bäumen. Zwischendrin wuseln zahlreiche kleine Kids mit Riesenkopfhörern durch die Menge, um die kindlichen Gehörgänge vor zu lauter Beschallung zu schützen. Sonst müssen sich Kinder vor gar nichts schützen beim Haldern. Im VIP-Bereich tanzen auch vor allem die Kleinen über Blumenwiesenhügelchen mit Spielbällen und Diabolos. Es ist hier wahrscheinlich hauptsächlich der Nachwuchs der Dorffamilien, die das Festival damals ursprünglich ins Leben gerufen haben.

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Das Haldern-Highlight: das Spiegelzelt. Der Schritt durch den Eingang ist wie durch das Tor zu einer anderen Zeit. Gedämmte Helligkeit, durchbrochen von fliegenden, glitzernden Staubkörnern und in farbiges Licht getränkte Nebelwolken. Die Manege, umrundet mit Sitzgelegenheiten und Säulen, gesäumt von wunderschönen Holzschnitzereien und kunstvoll geschliffenen Fensterchen lässt eher das Gefühl aufkommen, man warte auf eine Vorstellung in einem Jahrmarktzelt um 1900. Nur weil die (meisten) Männer keine Hosenträger und die Fräuleins keine langen Kleider und Mieder tragen, wird man daran erinnert, dass später nicht der stärkste Mann auf die Bühne kommt oder Häschen aus Zylindern hüpfen, sondern Bands wie Post War Years, The Whale Watcing Tour und Fyfe Dangerfield den Raum erfüllen. Da die Ordner auf angemessene Personenzahlen achten, bleibt das Zeltereignis ein tolles Erlebnis: die von der Atmosphäre gewogene Menge kann weiter der Musik von Daniel Benjamin und Beach House lauschen oder sich völlig fallen lassen bei psychedelisch angehauchten Klängen von Sleepy Sun aus San Francisco. Der von Discokugelsternchen übersäte, dunkelrote samtig-satte Deckenvorhang wirkt wie eine umgekehrte Seeanemone, welche einen in eine völlig andere Sphäre einsaugen könnte… Dem muss man sich dann irgendwann entziehen, weil doch draußen auch noch andere sehenswerte Dinge auf einen warten.

Die Spiegelzelt-Stimmung einfach auch auf die Open-Air-Hauptbühne zu verlagern ist natürlich nicht so leicht. Doch zum Beispiel die dänischen Musiker von Efterklang haben diese Aufgabe dieses Jahr mit ihren berührenden Resonanzen und ganz viel bezauberndem Charme erledigt. Ihr Übriges taten bei dem 40-minütigen Konzert die vielen Seifenblasen aus dem Publikum und die rosa-goldene Abendsonne, welche das dänische Kammerorchester noch elfenhafter erscheinen ließ. Weitere Höhepunkte auf der von Birken und Buchen gesäumten Mainstage waren Beirut, Sophie Hunger, Mumford and Sons, Portugal.The Man uva. Wenn man mal eine kleine Auszeit braucht und sich dem Getümmel kurzweilig entziehen möchte, geht man am Besten so vor: Man schnappt sich eine Decke, kauft sich noch schnell einen Kaffee und ein köstliches käseüberbackenes Tomate-Basilikum-Ciabatta von überaus sympathischen, holländischen Verkäufern direkt am Geländeeingang und lässt dann aber die Festivalzäune rechts hinter sich. Auf zum Badesee! Dort kann man Gemüt und Glieder abkühlen und wunderbar zwischen Maisfeld, Trauerweiden und Ponyhof entspannen (und das Schlemmer-Ciabatta aufessen). Im Hintergrund schauen ein paar Pferde aus ihren Boxen und perfektionieren schnaubend diese Bullerbü-Bilderbuch-Idylle. Da muss man sich ganz schön aufraffen, um pünktlich wieder beim nächsten Konzert zu sein. Bleibt es denn so malerisch-friedlich beim Haldern Pop? „Der alte Reitplatz ist mit seinen Abmessungen das Maß aller Dinge. Wachstum ja, aber nur qualitativ!“ versichert Wolfgang Linneweber, der für sämtliche PR-Arbeit zuständig ist. Schön Linne, dann kommen wir nächstes Jahr gerne wieder!

Text: Pauline Geyer